Handballer müssen WM-Party abbrechen
09. Feb 2007 09:30
 |  Die WM-Helden Johannes Bitter (l.), Pascal Hens (M.) und Dominik Klein kommen kaum zur Ruhe. | Foto: dpa |
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Schneller als ihnen lieb ist, hat der Bundesliga-Alltag die deutschen Handball- Weltmeister wieder. Im Nachteil sind vor allem jene Mannschaften, die mit Nationalspielern gespickt sind.
Von Markus WanderlDie zurückliegende Woche ist für die deutschen Handballer kaum weniger anstrengend gewesen als das mit dem Titel in Köln gekrönte WM-Turnier an sich. Zahlreiche Ehrungen standen an, Fernsehauftritte. In Stefan Raabs Sendung «TV Total» tauchten die Weltmeister auf. In der Laberrunde von Johannes B. Kerner sah man sie. Und Bundestrainer Heiner Brand und Torwart Henning Fritz gastierten bei «Stern TV». «Das Verfallsdatum eines solchen Erfolgs ist hoch. Die Leute wollen sehen, wie Fritz kocht, ob Michael Kraus eine Freundin hat, wie Christian Schwarzer privat ist», glaubt Flensburgs Manager Torsten Storm.
Die Handballer haben also alles dafür getan, um im Gespräch zu bleiben. Und sie haben gefeiert, völlig zu recht. Wie hatte der junge Spielmacher Michael Kraus das Mini-Wunder nach dem siegreichen Finale gegen Polen ungläubig zusammengefasst? «Mensch, wir sind Weltmeister.» Zustande gebracht mit einem nicht nur im Vorfeld des Turniers von Verletzungen gebeutelten Team, weshalb Bundestrainer Heiner Brand Gold «nie für möglich gehalten» hatte.
Spitzenduell in Kiel
Am heutigen Freitag ereilt die Handballer der Alltag wieder, die Party klingt langsam aus. Nur fünf Tage nach dem Endspiel und einen Tag nach dem letzten Sektempfang eröffnen am Abend der VfL Gummersbach und der Wilhelmshavener SV den 19. Bundesliga-Spieltag. Am Samstag gibt es unter anderem das Spitzentreffen zwischen Tabellenführer THW Kiel und Verfolger HSV Hamburg. Zahlreiche WM-Teilnehmer, Christian Zeitz und Dominik Klein hier, Pascal Hens und Torsten Jansen dort, werden auf der «Platte» stehen, und der Schweiß wird der von Champagner und Bier sein. «Platte»? Zur Erinnerung: So bezeichnen die Handballer gerne ihr 40 mal 20 Meter großes Spielfeld.Auch der TBV Lemgo spielt am Samstag. Gegner ist die HSG Düsseldorf. Eine Mannschaft, die in gewissem Sinne ganz dem Geschmack von Bundestrainer Brand entspricht. Denn Brand plädiert seit langem für eine Ausländer-Klausel. Weil nicht sein könne, dass ein 48 Jahre alter Kroate einem jungen deutschen Talent den Platz wegnehme. So in etwa, überspitzt formuliert, lautet das Argument.
Im 16er Kader der Düsseldorfer stehen 13 deutsche Spieler. Zwei Griechen und ein 19 Jahre alter Russe ergänzen das Team, das bei 8:28 Punkten nur den 13. Tabellenplatz einnimmt. In der Bundesliga, die 18 Mannschaften umfasst, bewahrt die Rheinländer derzeit nur das bessere Torverhältnis vor einem Abstiegsrang.
Vorteil Düsseldorf
Wenn die Düsseldorfer am Samstag in der Sporthalle Lipperland zum Auswärtsduell in Lemgo antreten, werden sie trotzdem im Vorteil sein. Denn die Düsseldorfer sind bisher auch deshalb so schlecht gewesen, weil sie keinen Nationalspieler in ihren Reihen haben. Lemgo, das derzeit zwar auch nur Siebter der Tabelle ist und deshalb kürzlich den langjährigen Trainer Volker Mudrow geschasst hat, stellte dagegen zahlreiche Nationalspieler fürs WM-Turnier ab. Markus Baur etwa, aber auch Schwarzer, Florian Kehrmann, Sebastian Preiß und Logi Geirsson, ja, jenen Isländer, der sich im Hauptrundenspiel mit dem Publikum anlegte und dafür ausgepfiffen wurde wie kein Handballer vor ihm. Sie alle haben strapaziöse Wochen hinter sich. Zehn Spiele absolvierten die Lemgoer Nationalspieler innert 16 Tagen. Als Baur während des Turniers gefragt wurde, ob seine Verletzung auf der Vielzahl an zu bewältigenden Einsätzen gründe, schaute er spöttisch und sagte: «Auszuschließen ist das sicher nicht.» Während sich Baur jedenfalls plagte, trainierten die Düsseldorfer eifrig. Und guckten ganz relaxt WM. Vor der Glotze. «Es ist ja teilweise einfach nicht zu verantworten, was da auf die Nationalspieler einstürzt», sagt Baur. Und auch Hamburgs Hens kritisiert: «Der Spielplan ist schon unglücklich.»
Am Terminkalender der Bundesliga lässt sich aber nicht viel rütteln. Und ein, zwei Wochen mehr Urlaub hätte wohl auch kein Wunder bewirkt in Sachen Erholung. Was bliebe? Mittelfristig eine Reduzierung der internationalen Turniere, von Weltmeisterschaft und Europameisterschaft also, die es derzeit jeweils alle zwei Jahre gibt, so dass es in der Folge alle zwölf Monate zu einem großen Wettbewerb kommt. Baur zum Beispiel hält es für zwingend notwendig, in Zukunft eine Handball-Weltmeisterschaft nur alle vier Jahre auszutragen. «Jedes Jahr ein Turnier spielen, also im Januar mal kurz 15 Spiele runterreißen, das ist für den Körper Wahnsinn. Der Titel an sich wird auch abgewertet durch dauernde Wettbewerbe», findet er.
Brand für Zweijahres-Rhythmus
Zwar passt auch Bundestrainer Brand «die über jede Grenzen gehende Belastung» seiner Nationalspieler nicht, aber in Sachen WM-Termine befürwortet er den gültigen Rhythmus. Alles andere «wäre der größte Mist, den man machen kann», sagt er. Er fürchtet schlichtweg, dass das Aushängeschild Nationalmannschaft nicht mehr angemessen beachtet wird. Denn dass Handball im Programm von ARD oder ZDF unterkommt - wie bei der WM geschehen - ist die Ausnahme, nicht die Norm.Ob ein Streik Sinn machen würde, wurde Baur beim WM-Turnier gefragt. «Was sollen wir denn nicht spielen?», fragte er leicht erregt in die Runde zurück. «Bundesliga oder Nationalmannschaft nicht? Wenn du einmal absagst, bist du international vielleicht fünf Jahre weg vom Fenster.»
Auf höchster Verbandsebene ist die Diskussion um ein strafferes Programm jedenfalls voll entfacht. So würde die für Weltmeisterschaften zuständige IHF bei der Vollversammlung in Madrid (26. bis 28. April) gerne den Zweijahres-Rhythmus in ihrer Satzung verankern. «Der Wettbewerb würde dadurch extrem aufgewertet», ist IHF-Geschäftsführer Frank Birkefeld Baurs Meinung. Die EHF, welche Europameisterschaften ausrichtet, findet das gut. Sie möchte ihrerseits allerdings beim kontinentalen Wettkampf am Zweijahres-Rhythmus festhalten. «Das ist doch sowieso alles nur eine Frage des Kommerzes», sagt Schwarzer.
Und weil dies so ist, werden er und seine Lemgoer Teamkameraden es gegen Düsseldorf schwer haben. Und im weiteren Verlauf der Saison womöglich auch. Auch wenn Lemgos Interimstrainer Volker Zerbe sagt: «Sie müssen den Spaß von der WM auf die Bundesliga übertragen.» Aber wie, wenn dafür die Kraft fehlt?