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Zehntausende feiern Handball-Helden

05. Feb 2007 09:29
Kapitän Markus Baur (2. v. r.) und seine Kollegen feiern in Köln den Gewinn der Handball-Weltmeisterschaft
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Die deutschen Spieler feiern gemeinsam mit den Kölnern den Sieg bei der Handball- Weltmeisterschaft - und Bundestrainer Heiner Brand: «Heiner, du bist der geilste Typ der Welt.»

Von Markus Wanderl, Köln

Bilderschau:
Hätten die deutschen Handballer bei der Weltmeisterschaft gespielt, wie sie tief in der Nacht auf dem Kölner Rathausbalkon gesungen haben, sie wären beim WM-Auftaktspiel vor gut zwei Wochen gegen Brasilien mit geschätzt 22 Toren unterlegen und bald darauf in der Vorrunde ausgeschieden. Aber das Stelldichein zwei Kilometer Luftlinie von der Stätte des Triumphes entfernt war ja auch nicht als Gesangswettbewerb gedacht, sondern als Dankeschön an die 30.000 Fans vor Ort, die stellvertretend für alle anderen Bundesbürger in die Altstadt gekommen waren.

Im Ton vergriffen

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Spontan kreiertes Liedgut entstand da, und in Erinnerung bleiben wird vor allem die Partie für Chor ohne Orchester: «Heiner, Du bist der geilste Typ der Welt». Welcher der «Meisterkrächzer» diesen Satz geschaffen hat, werden Historiker einmal herausfinden. Oder noch eher: der «Boulevard» in diesen Minuten. Wahrscheinlich aber – so darf gemutmaßt werden – gründete er auf einem Einfall eines der jüngeren Spieler im Team, «die sich jetzt schon mit 23 oder 24 Jahren Weltmeister nennen dürfen, was ja wirklich nicht wahr sein kann», wie der überwältigte Torwart Johannes Bitter nach dem 29:24 (17:13)-Finalerfolg über Polen ungläubig sagte.

Bitter gehört zur Riege der unter 25-Jährigen. Er ist 24. Und bis zum Finale gegen die Mannschaft, der man in der Vorrunde noch mit zwei Treffern unterlegen war, hatte er kaum Einsatzzeit bekommen. Dafür gab es einen simplen Grund. Henning Fritz, schon 32, und vor der WM - daran sei noch einmal erinnert - die Nummer drei bei Bundesligist THW Kiel, hielt wie ein nicht mehr ganz so junger Gott. Aber wie ein Gott eben. Der einstige «Welthandballer des Jahres» erlangte pünktlich zum WM-Turnier am 19. Januar schon verloren geglaubte Stärke zurück und wurde deshalb auch für jedermann nachvollziehbar ins «All-Star»-Team gewählt. Und Bitter? «Der hätte sicher gerne mehr gespielt, er ist ja auch ein ehrgeiziger Typ», wie Fritz noch vor wenigen Tagen verständnisvoll formuliert hatte.

Fritz mit Krücken

Fritz war auch in der 35. Minute an Ort und Stelle gewesen. Den Wurf des gefährlichen Mariuz Jurasik, ebenfalls im «All-Star»-Team vertreten, entschärfte er wie viele Würfe des Weltklasse-Rechtsaußen zuvor. Doch dann die Schrecksekunde. Ohne, dass er mit Jurasik in Kontakt gekommen wäre, blieb Fritz am Boden liegen. Später mutmaßte Brand, Fritz habe sich in dieser Szene einen «Faserriss in der Wade zugezogen». In der Pressezone erschien der Kieler jedenfalls mit Krücken. Aber alles andere als schlecht gelaunt. «Es war sehr wichtig, dass Jogi Bitter ganz wichtige Bälle und uns so im Spiel gehalten hat», lobte Fritz. Und im Übrigen: «Wir können sagen, wir sind Weltmeister. Es ist eine Riesenlast, die von uns fällt.»

Als Fritz das Feld seiner Verletzung wegen räumen musste, fühlte sich Bitter gar nicht wohl in seiner Haut: «Ich habe nur gedacht, so ein Mist, dass Henning sich jetzt verletzt. Er hatte ja so gut gehalten, wie das ganze Turnier schon. Auf mir lastete ein Riesendruck.»

20:14 führte die deutsche Auswahl, schien sicher auf dem Weg zum Titel. Erst recht, als Pascal Hens aus dem Rückraum traf und der Vorsprung auf sieben Tore anwuchs. Zumal die Polen bereits lamentierten, sich untereinander Vorwürfe machten und Coach Bogdan Wenta, einst schon angegraut von Brand ins deutsche Nationalteam berufen, abwinkte, sich geschlagen zu geben schien.

In Unterzahl aufgedreht

Aber Bitter flogen die Bälle nur so um die Ohren. «Jogi» habe am Anfang «Schwierigkeiten» gehabt, wie auch Bundestrainer Heiner Brand später feststellte. Und es ging ein Aufatmen durch die proppevolle Kölnarena, als zwei polnische Spieler jeweils Zweiminuten-Strafen erhielten. Jetzt, so dachte man, würde der auf fünf Tore geschrumpfte Vorsprung sicher gehalten oder gar wieder ausgebaut werden können.

Und was machten die Polen? Verkürzten in Unterzahl völlig enthemmt mit einem direkt verwandelten Freiwurf auf 17:21, mit einem Tempogegenstoß auf 18:21, ehe der beste Spieler dieses Duells um Gold, Torsten Jansen, mit einem seiner acht Treffer (bei acht Würfen!) das 22:18 gelang. Doch auch mit diesem Tor knapp 18 Minuten vor Schluss erlangten die Deutschen ihre Sicherheit aus der ersten Halbzeit, als «sie uns auseinander genommen haben», wie Wenta beobachtet hatte, nicht wieder. Und plötzlich waren die Polen bis auf ein Tor rangekommen. Die DHB-Auswahl führte nur noch 22:21.

«Für uns und für Deutschland»

Das Spiel stand auf des Messers Schneide, aber «dann habe ich die Dinger von außen weggenommen», schilderte Bitter später seine unverhoffte Leistungssteigerung. Sein Kasten war plötzlich so sicher verriegelt wie die Stadtsparkasse von Köln. Rechtsaußen Jurasik sollte noch lange nach Spielende am Pfosten lehnen. Enttäuscht von sich und der Welt. Zwölf Wurfversuche hatte er probiert, nur fünf Treffer waren ihm dabei gelungen. Und weil auch der von den Deutschen so gefürchtete Karol Bielecki vom SC Magdeburg bei zwölf Versuchen nur dreimal erfolgreich war, holte das Team von Heiner Brand am Ende doch die Weltmeisterschaft. «Wenn wir jetzt mal ein paar Tage durchgeschlafen haben, werden wir erst sehen, was wir vollbracht haben. Für uns und für Deutschland. Mensch, Deutschland ist Weltmeister», sagte ein aufgewühlter Michael Kraus, stellvertretend für seine Mannschaftskollegen.

Der junge Spielmacher fand sich für Heiner Brand «etwas überraschend» als weiterer deutscher Spieler im «All-Star-Team» wieder. «Er hat sicherlich in einigen Spielen schon Akzente gesetzt, aber er wird selbst die Einsicht haben, sonst werde ich ihm dabei helfen, dass er eigentlich noch kein Spieler für so ein Allstar-Team ist. Dahin muss er sich noch entwickeln», sagte Brand schmunzelnd.

Hens bäumt sich auf

Es war vor allem Pascal Hens, der in der letzten Viertelstunde Verantwortung übernahm. Zum 23:21 prügelte der bestbezahlte Bundesliga-Spieler den Ball ins Tor, und auch der nächste Treffer ging auf sein Konto, im positiven. Nur noch einmal sollten die Polen auf zwei Tore herankommen, ehe die Deutschen knapp fünf Minuten vor Spielende wieder auf fünf Tore davongezogen waren. «Jogi hat den Polen in der Phase, als sie auf ein Tor rankamen, den Zahn gezogen», sagte Spielmacher Markus Baur, «die letzten fünf Minuten waren dann nur noch Schaulaufen.»

Drinnen in der Halle tobten derweil noch gefühlt 19.000 Weltmeister. Und auf Baurs Schultern thronte Tochter Chiara-Sophie und lutschte völlig unbeeindruckt einen Lolli.

 
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