Wieder hat Brand die Hand am Gold
04. Feb 2007 11:17
 |  Heiner Brand | Foto: dpa |
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Der Gewinn des WM-Titels wäre vor allem ein Erfolg von Heiner Brand. Als er 1997 Bundestrainer wurde, befand sich der deutsche Handball am Boden - zehn Jahre später steht er vor seinem Meisterstück.
Von Markus Wanderl, KölnNach dem Halbfinal-Sieg gegen Frankreich hatte Heiner Brand besonders gute Laune. Pascal Hens gab gerade ein Interview, als der Bundestrainer auf dem Weg in die Pressekonferenz vorbeischoss. Brand sah Hens, hielt kurz inne, streckte seinen Arm über die eiserne Brüstung, formte seine Hand zu einem Mikrofon, hielt sie seinem halblinken Rückraumspieler an die Lippen und sagte: «Herr Hens, eine Frage noch!»
«Lockerer, entspannter»
Hens grinste breit, die Journalisten wieherten, und Brand lief feixend die Treppen runter, um sich seinen Weg aufs Podium zu bahnen. Dort gab er sein Statement ab. Treffend und schlagfertig, garniert mit ein paar Sprüchen. Wie man es von ihm gewohnt ist.«Ja», sagt Kreisläufer Christian Schwarzer, seit 1989 Nationalspieler, «Heiner ist lockerer geworden.» Und Markus Baur, seit 13 Jahren Auswahlspieler, erklärt: «Er ist ruhiger, wesentlich entspannter geworden. Warum auch immer. Aber er ist es.» Als Brand am 1. Januar 1997 Bundestrainer wurde, lag der deutsche Handball am Boden. In der Qualifikation für die Weltmeisterschaft in Japan war die Auswahl zuvor kläglich gescheitert, und Brand, der eigentlich erst Mitte des Jahres das Amt übernehmen sollte, trat den Posten nach dem Rücktritt von Arno Ehret früher an als geplant.
«Stressfähige Handballer»
«Ich hätte mir gewünscht, die Mannschaft zu einem anderen Zeitpunkt zu übernehmen. Die Nationalmannschaft ist nach den Misserfolgen ziemlich unten. Ich fange beim Punkt null an», analysierte Brand. Um daraufhin seine Aufgabe anzugehen. Geradlinig, gewissenhaft, ehrgeizig.«Damals war er noch sehr verbissen, hat sich eigentlich nirgendwo mit reinreden lassen», erinnert sich Schwarzer. Brand formulierte sogleich präzise, auf was es ihm ankäme. «Ich muss das Feuer in ihren Augen sehen.» Doch das war nicht alles. Für ihn stünde fest: Ein schlagkräftiges Nationalteam bedürfe «stressfähiger Handballer». Das Grundübel sei, dass «die Leute in entscheidenden Situationen nicht die Verantwortung übernehmen». Im Übrigen habe er „für Egoisten keinen Platz«, sagte Brand.
In weiter Ferne
«Als er die Mannschaft übernommen hat, da war er gerade für die jungen Spieler ganz weit weg. Er war wirklich der große Trainer. Man hatte mit ihm nicht viel zu tun», berichtet Florian Kehrmann, im Nationaltrikot seit 1997.1998 schaffte Brand mit seinem Team nicht nur die EM-Qualifikation, sondern gewann in Italien das Duell um die Bronzemedaille gegen Russland 30:28. Nach Verlängerung. Es war die erste Medaille bei einem großen Turnier seit 1978. Da hatte Brand als Aktiver WM-Gold in Dänemark geholt. «Seit dem Zeitpunkt, als Heiner gesehen hat, dass er in der Art, mit uns zusammenzuarbeiten, Erfolg haben kann, wurde er offener. Das fing´98 mit der Bronzemedaille an, dann hatten wir noch mal zwei, drei etwas schwächere Jahre», sagt Schwarzer.
«Relativ stur»
1999, beim WM-Turnier in Ägypten, unterlag die deutsche Mannschaft im Viertelfinale den wieder erstarkten Jugoslawen und musste sich am Ende mit dem fünften Platz begnügen. Das bedeutete zwar die Olympia-Qualifikation, aber Brand resümierte den Wettbewerb als «erstes Negativerlebnis unter meiner Führung».Kehrmann sagt: «Ich sage ja immer ganz gerne, Heiner ist relativ stur. Aber er hat sich da gewandelt. Er ist nicht mehr ganz so stur wie früher. Stur zu sein ist ja auch nicht unbedingt negativ. Sondern das heißt ja auch, dass er sich nicht von irgendwelchen Zielen oder Wegen abbringen lässt. Das ist ja jetzt auch das, was ihn stark gemacht hat.»
Die EM 2000 in Kroatien geriet noch zum Misserfolg. Brand beschwichtigte aber nach dem neunten Platz: «Nur ein Ausrutscher.» Bei Olympia 2000 in Sydney zeigte sich die Mannschaft tatsächlich verbessert, verlor aber im Viertelfinale äußerst unglücklich gegen Spanien 26:27.
Bester Viertelfinalist
2001, beim Saisonhöhepunkt in Frankreich, gab es im WM-Viertelfinale ein bitteres 23:26 gegen den Gastgeber. Wieder einmal nach Verlängerung. Nach dem dritten Turnier-Aus im Viertelfinale innerhalb von drei Jahren sagte Brand sarkastisch: «Wir sind unzweifelhaft der beste Viertelfinalist der letzten Jahre.»«Dann ging’s 2002 richtig los mit den ganzen Finalteilnahmen und Erfolgen. Da hat Heiner einfach gesehen, wir vertrauen ihm, er vertraut uns. Er hat uns einfach die Möglichkeit gegeben, mitzuwirken bei dem Ganzen. Das Vertrauensverhältnis untereinander ist ganz wichtig», sagt Schwarzer.
Nur Spötter behaupteten 2002 nach der gewonnenen Silbermedaille in Schweden, dass diese nur wegen des Modus möglich gewesen sei. Denn ein Viertelfinal sah der Modus nicht vor. Die deutschen Handballer marschierten durch Vor- und Hauptrunde und qualifizierten sich so fürs EM-Halbfinale, das sie gegen die starken Dänen gewannen. Schwache Schiedsrichter, objektiv gesehen, erkannten im Finale beim Stand von 26:26 im Finale einen regulären Treffer von Kehrmann nicht an. So hieß es am Ende 33:31 für den Gastgeber. Nach Verlängerung? Ja, nach Verlängerung.
2003, bei der WM in Portugal, dann erneut der Finaleinzug. Wohl nur, weil die Abwehrrecken Stefan Kretzschmar und Volker Zerbe ausfielen, unterlag die deutsche Auswahl den Kroaten: «Wir hatten schon die Hand an Gold», trauerte Brand.
EM-Gold 2004
Bei der EM 2004 in Slowenien dann der große, lang ersehnte Coup: Gold, nach einem 30:25-Finalsieg über den Gastgeber. Dabei hatten die Deutschen das Auftaktspiel verloren und waren nach einem weiteren Unentschieden mit einer 1:3-Punkte-Hypothek in die Hauptrunde eingezogen.«Heiner ist jetzt seit zehn Jahren dabei. Er hat alle großen Erfolge der letzten zehn Jahre mit bestimmt, hat das System mit aufgebaut. Das, was die Mannschaft spielt, gründet auf der Philosophie von Heiner. Er hat sich mit der Mannschaft genauso weiter entwickelt, mit dem ganzen Drumherum», sagt Baur.
Als großer Favorit zu den Olympischen Spielen angereist, unterlagen die Deutschen im Athener Finale erneut den Kroaten mit 24:26. Hier endete die Geschichte einer großen Generation. Kretzschmar, Volker Zerbe, Abwehrchef Klaus-Dieter Petersen und auch der wieder reaktivierte Schwarzer traten nach diesem Turnier zurück.
Für Neuaufbau zu haben
In Handball-Deutschland kam die Frage auf, ob Brand für den Neuaufbau der deutschen Handball-National-Mannschaft die Kraft besäße. Bald dementierte Brand Rücktrittsgedanken. Mit einem verjüngten Team schaffte es die DHB-Auswahl bei der WM in Tunesien vor zwei Jahren nur auf einen neunten Platz. Bei der EM in der Schweiz im letzten Jahr wurde sie aber bereits Fünfter. Heute (16.30 Uhr) steht sie bei der WM im eigenen Land im Endspiel gegen Polen.«Wenn wir Weltmeister werden, dann werde ich mit dem Heiner zusammen zurücktreten. Auch, wenn er das noch nicht weiß», sagt Kehrmann. Nachgefragt: «Ein Witz, Herr Kehrmann?» «Natürlich», sagt Kehrmann und grinst mindestens so breit wie Hens.