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«Die Deutschen haben Angst, nicht wir»

02. Feb 2007 14:00
Bogdan Wenta und seine Spieler bejubeln den Halbfinalsieg gegen Dänemark
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Die polnischen Handballer gehen bei der WM voller Selbstbewusstsein ins Endspiel gegen Deutschland. Zu verdanken haben sie ihre Erfolge einen altem Bekannten des deutschen Teams.


Von Felix Meininghaus, Hamburg

Es war während der zweiten Halbzeit des dramatischen WM-Halbfinals zwischen Polen und Dänemark, als sich Bogdan Wenta seinen Schützling Rafal Kuptel so richtig zur Brust nahm. Weil der Abwehrstratege nach einem Ballgewinn nicht schnell genug auf die Bank geeilt war, um einem Angriffsspieler Platz zu machen, rastete Polens Trainer aus. Wenta schrie dem bedauernswerten Mann im roten Trikot aus kurzer Entfernung dermaßen ins Gesicht, dass man um dessen physische und psychische Unversehrtheit fürchten musste.

Polnischer Heiner Brand

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Auf der anderen Seite war in der Hamburger Color Line Arena aber auch die Fürsorge des Trainers für seine Spieler zu erkennen, als sich Wenta während der Verlängerung ein Handtuch schnappte, um den schweißnassen Ball für den Siebenmeterschützen Tomasz Tluczynski trocken zu wischen. Bogdan Wenta sieht sich als eine Art polnischer Heiner Brand, natürlich ohne den opulenten Oberlippenbart, doch von der Contenance, die der deutsche Trainer an der Seitenlinie bewahrt, ist der Heißsporn ein gutes Stück entfernt.

Beim Vorrundensieg der Polen gegen Deutschland im ostwestfälischen Halle hat sich Wenta so daneben benommen, dass er mit einer Zwei-Minuten-Strafe belegt wurde, die einer seiner Spieler absitzen musste. Das Verhältnis zwischen Brand und Wenta, ist ein ganz Besonderes. Der Mann aus Gummersbach machte den Ausnahmespieler einst zum Spieler seiner Nationalmannschaft, was möglich war, weil der in Danzig geborene Wenta deutsche Großeltern hat. Der Rückraumspieler sagte unter der Bedingung zu, dass er niemals gegen seine Heimat Polen antreten werde.

Beim Bier mit Brand

Zum Konfliktfall ist es in den 50 Länderspielen, die Wenta für Deutschland bestritt, zum Glück nie gekommen. Nach seiner Laufbahn arbeitete der Wahl-Deutsche vier Jahre als Trainerassistent in Flensburg, bevor er in Magdeburg seine erste Chefrolle übernahm. Mit Heiner Brand verbindet Wenta eine Männerfreundschaft. «Natürlich werde ich nach dem Finale mit Heiner ein Bier trinken. Aber während des Spiels ist er – verzeihen Sie den Ausdruck – mein Feind, den ich schlagen will.»

Wenta bezeichnet Brand als Lehrmeister. «Ich habe viel gelernt von Heiner. Zum Beispiel, wie man in Strukturen arbeitet oder wie man mit einer Mannschaft umgeht.» Offenbar hat der Lehrling verdammt gut hingeschaut, schließlich stehen die Polen am Sonntag in Köln gegen Deutschland im WM-Finale (16.30 Uhr, ARD). Zum ersten Mal in ihrer Handball-Geschichte, was Tluczynski, der für den deutschen Zweitligisten TSV Burgdorf aufläuft, von historischen Dimensionen sprechen ließ: «Das ist der größte Moment im polnischen Handball. Für unsere ganze Nation ist das eine bedeutende Sache.»

Wentas Handschrift

Der Höhenflug trägt zweifelsohne die Handschrift von Bogdan Wenta, von dem Torwart Adam Weiner (Wilhelmshafener HV) sagt, er würde «am liebsten noch selbst auflaufen, aber das machen seine Knochen nicht mehr mit». Wenta selbst bezeichnet es als sein wichtigstes Verdienst, aus einer Anzahl von Individualisten ein funktionierendes Team geformt zu haben: «Früher hatte Polen nur gute Einzelspieler, jetzt haben wir eine gute Mannschaft.»

Gleich neun Akteure aus dem Kader verdienen ihr Geld bei deutschen Klubs. Wenta nahm seinen Schützlingen die Angst vor der scheinbar übermächtigen Konkurrenz, indem er zu WM-Beginn im Beisein der Akteure das Spielfeld und die Tore ausmaß: «Ich wollte den Jungs zeigen, dass es hier das gleiche Spiel ist wie bei uns in Polen.» Die Botschaft ist angekommen, auf ihrem Parforceritt ins Finale hat die Sensationsmannschaft der WM ein unerschütterliches Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten aufgebaut.

Appetit auf Gold

Gegen Dänemark hatten sich die Polen nach zwei Verlängerungen dermaßen verausgabt, dass Krzysztof Lijewski vom HSV Hamburg erst einmal kein Statement abgeben konnte: «Lasst mich bitte erst mal was trinken.» Auch als der erste Durst gestillt war, fiel es ihm «schwer, die richtigen Worte zu finden». Dann sagte er: «Ich bin kaputt, tot, aber ein glücklicher Mann.»

Beim Showdown in der Kölnarena stufen die Polen ihre Siegchancen als hervorragend ein. «Wir werden noch einmal volle Pulle spielen», sagt der Magdeburger Grzegorz Tkaczyk, «und dabei ist es uns scheißegal, ob wir gegen das Publikum spielen.» Und der Kollege Tluczynski ergänzt: «Silber haben wir sicher, aber jetzt haben wir auch noch Appetit auf Gold.» Mit der Rolle des Underdog mögen sich die Polen nicht mehr abgeben. Schließlich, so betont Lijewski mit Nachdruck, habe man den Finalgegner ja bereits geschlagen: «Deutschland hat Angst. Nicht wir.»

 
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