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Fritz hält Sieg im Handball-Drama fest

02. Feb 2007 09:42
Bundestrainer Heiner Brand und Kapitän Markus Baur bejubeln den Finaleinzug
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Die deutschen Handballer bieten Europameister Frankreich mit einer starken Defensivleistung Paroli und ziehen ins WM-Finale ein. Das französische Team und ihr Trainer erweisen sich als schlechte Verlierer.

Von Markus Wanderl, Köln

Es war einmal eine Handball-Weltmeisterschaft in Deutschland, bei der wir betrogen worden sind. So wird die Geschichte anfangen, die sich die Franzosen in 1000 Jahren am Lagerfeuer erzählen werden. Sie werden sagen, dass ein schwedisches Schiedsrichter-Duo ihnen den Sieg versagt hat. Und wenn nicht den Sieg, dann ein Siebenmeterschießen. Das ihnen noch alle Chancen gelassen hätte im Halbfinale gegen den WM-Gastgeber, gegen den man – zugegeben – in der Hauptrunde unterlegen war. Da noch ohne Zutun der Referees.

Fortwährendes Drama

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29 Sekunden waren am Donnerstagabend in Köln noch zu spielen. Die 19.000 Zuschauer brüllten. Die meisten saßen längst nicht mehr. Es lief die zweite Hälfte der zweiten Verlängerung. Also die 80. Minute. Die Deutschen spielten in Unterzahl und waren in Ballbesitz. Die Franzosen hatten ihre 6:0-Deckung aufgelöst. Deckung? Die Berliner Mauer war einst leichter zu überwinden. Sie verteidigten offensiv. Rannten herum. Mit dem Anspruch auf Koordiniertheit. Es sollte aussehen wie ein Plan. Denn sie lagen zurück. Mit einem Tor. Fiele nicht bald der Ausgleich, würde das WM-Finale für sie, den Europameister, nicht mehr erreichbar sein.

Wie eine Hundemeute die schon müde Beute hetzten die Franzosen den deutschen Rechtsaußen Florian Kehrmann, der den Ball nicht genau genug zu Linksaußen Torsten Jansen passte. Jansen brachte das Spielgerät deshalb nicht unter Kontrolle. Außenspieler Michael Guigou sprintete dazwischen, ergatterte den Ball, dribbelte los und wurde prompt von den Deutschen gefoult.

Aber Guigou wollte den Ausgleich. Koste es, was es wolle. Im Nachhinein muss man sagen: es kostete sein Team Zeit. Wenn auch nur einige Sekunden. Jedenfalls rannte er weiter und ballerte den Ball ins Tor. Guigou drehte ab. Er jubelte. Zu früh. Denn die beiden Referees namens Hakkanson und Nilsson gaben den Treffer nicht, weil sie das Foul gewertet hatten. Bis dahin hatten sie stets den Vorteil gelten lassen. Dieses Mal nicht. Ausgerechnet. Und so endete das Duell «zweier gleichstarker Mannschaften», wie es Bundestrainer Heiner Brand später auf den Punkt brachte, mit 32:31 (27:27, 21:21, 11:12) und dem Finaleinzug der deutschen Handballer, die nun am Sonntag (16.30 Uhr) gegen Polen den dritten WM-Titel gewinnen können.

Franzosen stocksauer

Für Joel Abati, in der Bundesliga einstweilen noch für den SC Magdeburg tätig, war die Sachlage eindeutig: «Die Schiedsrichter haben uns das Finale verwehrt», beschwerte er sich. So sah es auch sein Trainer Claude Onesta. Der obligatorischen Pressekonferenz blieb er einfach fern. Er muss befürchtet haben, sich zu vergessen.

Brand hätte Onesta beim Stelldichein mit den Journalisten gerne an seiner Seite gehabt. Denn Brand war zwar «sehr froh», aber auch «etwas verwirrt», wie er zugab. Wie alle Anwesenden in der Kölnarena. Denn es hatte sich ein Drama abgespielt, in dem mehrheitlich die Deutschen dem Untergang geweiht schienen. Die letzten 29 Sekunden waren nur die Kulmination all dessen gewesen, was sich schon vorher auf der «Platte», so nennen die Handballer ihr Feld, abgespielt hatte.

Trainer fehlt unentschuldigt

Jedenfalls sagte Brand, noch ohne zu wissen, dass sein französischer Kollege gar nicht auftauchen würde: «Mir wäre es lieber, wenn mein französischer Kollege vor mir dran wäre, dann brauchte ich nur zu erwidern. Vielleicht stellen Sie mir ein paar Fragen, dann erinnere ich mich vielleicht.» Es gab Gelächter. Es war einfach zu viel passiert in dieser «Abwehrschlacht» (Brand), zu viele Szenen hatte der Bundestrainer im Kopf, die sich jetzt mischten und allenfalls mit Hilfe eines Videostudiums wieder zu ordnen sein werden.

Dass das Spiel nicht 50:48 enden würde, war vorher klar gewesen. Die Franzosen verfügen über die anerkannt beste Abwehr der Welt. Und weil dies so ist, war man sich im deutschen Lager darüber im Klaren gewesen, dass das Halbfinale nur mit einer mindestens gleichwertigen Defensivleistung zu gewinnen sein würde. Inklusive eines Torwarts in Weltklasse-Form.

Fritz, die «Hexe»

Fritz war nach Spielende von seinem Tor aus losgerast, um sofort im Pulk seiner Mannschaftskameraden zu verschwinden. Nie, wie in jener Sekunde, als die Schlusssirene ertönte, ist es in einer deutschen «Sporthalle» lauter gewesen. Nie ist Fritz schneller gerannt. Wieder war er besser gewesen als sein Kieler Konkurrent Thierry Omeyer, erneut hatte er in den entscheidenden Phasen sein Team im Spiel gehalten. Nicht nur drei Sekunden vor Schluss (79:57), als er den Rückraumwurf von Daniel Narcisse mit dem rechten Bein abwehrte und den Sieg endgültig sicherte.

«Fritze» erwischte dieses Mal im Gegensatz zur Partie vom letzten Samstag auch einige Bälle von Nikola Karabatic (6 Tore/15 Würfe), mit dem er sich vor allem in der ersten Hälfte der regulären Spielzeit ein kleines Privatduell lieferte. Die Würfe von Narcisse schlugen zwar acht Mal im deutschen Gehäuse ein, die Statistik wies aber auch neun Fehlversuche auf.

«Ich kann das gar nicht in Worte fassen, weil ich das alles gar nicht glauben kann. Das ist wie ein Märchen», sagte Fritz. Er gab den ihm zugedachten Lorbeer an einen Mann weiter, der sich den französischen Rückraum-Assen in den Weg stellte. Man wird ihn fortan den «Franzosen» nennen können. Sein Name: Oliver Roggisch. Zig Würfen schmiss sich der 1,99 Meter Magdeburger entgegen, als ginge es um das Leben seines geschätzt viereinhalb Zentimeter großen Chihuahuas, mit dem er in Wiehl durch die Straßen streift.

Zeitz ohne Fortune

Wenn die «Franzosen vorne vielleicht gefährlich aussahen» (Brand), lag das an den Leistungen der Rückraumspieler Christian Zeitz (3/11) und Pascal Hens (4/10). Zeitz drosch die Kugel übers Tor, als sei er beim Büchsenwerfen auf dem Jahrmarkt. Den hochsteigenden Hens holten die Franzosen wie einen Drachen wieder ein. «Wenn ich jedes Spiel jeden Ball rein schießen würde, dann wäre ich ja eine richtige Maschine», lachte Hens, ganz und gar nicht unglücklich mit sich und der Welt. Einmal mehr ergänzte Holger Glandorf (5/8) Zeitz ansprechend. Auch Hens’ Pendant im linken Rückraum, Lars Kaufmann, setzte Akzente. Zumal in wichtigen Augenblicken. Kaufmann gelang etwa zweieinhalb Minuten vor Spielschluss (77:37) die 31:30-Führung. Und er holte den wichtigsten Siebenmeter seiner Karriere heraus.

Und Markus Baur? War nach seiner Wadenverletzung wieder im Team, entlastete den jungen Mittelmann Michael Kraus und verwandelte vier Siebenmeter sicher. Darunter jenen, den Kaufmann zugesprochen bekam. Es war der Siegtreffer zum 32:31 (78:55).

Noch ein wenig mehr Bedeutung kam jedoch Baurs Treffer 19 Sekunden vor Schluss der regulären Spielzeit (59:41) zu. Wie durch ein Wunder fand der 36 Jahre alte Spielmacher die Lücke im französischen Beton und warf zum 21:21 ein. Hätte Baur diese Chance nicht verwertet, wäre dieses denkwürdige Handball-Spiel zu Ungunsten der Deutschen entschieden gewesen.

Aber es kam anders.

 
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