«Unsere WM hat kein Gesicht»
15. Jan 2007 09:14
 |  Erhard Wunderlich (l.), Bundestrainer Heiner Brand | Foto: Imago |
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Anstatt die WM-Euphorie zu wecken, jammere Bundestrainer Heiner Brand zu viel herum, sagt Erhard Wunderlich im Interview mit der Netzeitung. Dass viele WM-Spiele nur im Internet gezeigt werden, passt dem «Handballer des Jahrhunderts» schon gar nicht.
Am Freitag beginnt in Berlin die Handball-Weltmeisterschaft (19.1. bis 4.2.). Im Eröffnungsspiel trifft die Auswahl von Bundestrainer Heiner Brand auf Brasilien. Erhard Wunderlich, der 1978 im Alter von 21 Jahren am Gewinn des bisher einzigen WM-Titels beteiligt war, moniert im Interview mit der Netzeitung, dass die Verantwortlichen «definitiv zu wenig getan» haben, um eine WM-Euphorie in Deutschland zu entfachen.
Jubel fehl am Platz
Und «jetzt ist es zu spät», sagt Wunderlich, der sich maßlos darüber ärgert, «wie gejubelt wird, dass die Internetrechte verkauft sind. Für wie doof muss man einen eigentlich halten? Fakt ist doch, dass sich die Kids im Alter zwischen 10 und 17 Jahren im Internet relativ schwer tun werden, Handball zu sehen. Haben die schon Kreditkarten? Vielleicht hätte man für diese Zielgruppe mal ein paar Spiele freigeschaltet», beschwert sich der 50-Jährige.
 |  Erhard Wunderlich | Foto: Privat |
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Wunderlich ist erst recht wenig erbaut darüber, dass «wieder so negativ geredet» werde. «Mensch, wir haben eine WM im eigenen Land», so der 50 Jahre alte gebürtige Augsburger, der mit Heiner Brand einst die Weltspitze im Handball aufmischte. Bereits 2005 machte sich Wunderlich wenig Freunde im Umfeld der deutschen Auswahl, als er den Halbrechten Christian Zeitz bei der WM in Tunesien stark kritisierte. Ob sich Zeitz verbessert habe, fragte netzeitung.de. «Nein«, antwortet Deutschlands Welthandballer des Jahrhunderts trocken, macht dem Kieler aber auch ein Kompliment.
Netzeitung: Herr Wunderlich, möchten Sie derzeit in der Haut von Bundestrainer Heiner Brand stecken?Erhard Wunderlich: Ja, warum nicht? Was sollte daran negativ sein?
Netzeitung: Weil Brand fünf Tage vor Beginn der Weltmeisterschaft im eigenen Land davon ausgehen muss, mal wieder nicht mit seiner Wunsch-Sieben auflaufen zu können.
Wunderlich: Wissen Sie, nachdem, was ich in den letzten Wochen so alles gelesen habe, habe ich mich kürzlich gefragt: Wieso jammern wir auf so einem hohen Niveau. Das ist doch furchtbar. Wenn sie Heiner früher im Spiel – man muss es ja so sagen – die Fresse poliert haben, hat er auch nicht gejammert. Sicher ist das nicht ganz vergleichbar mit der Verletzungsmisere.
Gejammer hat Tradition
Netzeitung: Nun lässt sich nicht abstreiten, dass Heiner Brand bereits öfters Spieler bei den wichtigsten Turnieren gefehlt haben, mit denen er fest geplant hat. Und nun, ausgerechnet vor der WM im eigenen Land, wieder dieses Dilemma. Wunderlich: 2005, vor der WM in Tunesien, habe ich die Jungs in der Vorbereitung gesehen. Die Mannschaft musste gerade einen Aderlass von sechs Spielern verkraften, aber die Spieler haben trotzdem durch die Bank eine positive Ausstrahlung gehab. Und schon vor zwei Jahren hat man immer nur negativ daher geredet, hat sich beklagt, dass man die Ausfälle nicht verkraften könne, und mit der zu kurzen Vorbereitungszeit hat man auch gehadert.
Netzeitung: Und das wiederholt sich gerade?
Wunderlich: Ja, jetzt wird gerade wieder so negativ geredet. Klar, dass sich da im Land keine Euphorie ausbreitet. Mensch, wir haben eine WM im eigenen Land. Es verlangt niemand in Deutschland von Heiner Brand, dass wir Weltmeister werden müssen, aber der Glaube versetzt Berge, zumindest müsste längst die Parole lauten, dass wir um den Titel mitspielen wollen. Ob es dann reicht, ist eine andere Sache.
Netzeitung: Die Bemühungen der Verantwortlichen, den Leuten die WM schmackhaft zu machen, haben bisher nicht gerade Lobeshymnen hervorgerufen. Was ist schiefgelaufen?
Wunderlich: Die Verantwortlichen haben definitiv zu wenig getan, und ich glaube nicht, dass alle Ressourcen ausgeschöpft worden sind. Jetzt ist es zu spät, weil es Ende der Woche losgeht. Wie gejubelt wird, dass weitere Fernsehrechte an das DSF und die Internetrechte verkauft sind. Für wie doof muss man einen eigentlich halten? Fakt ist doch, dass sich die Kids im Alter zwischen 10 und 17 Jahren im Internet relativ schwer tun werden, Handball zu sehen. Haben die schon Kreditkarten? Vielleicht hätte man für diese Zielgruppe mal ein paar Spiele freigeschaltet.
Die Vor- und Hauptrunde der Gruppen D, E und F wird im Fernsehen gar nicht stattfinden. Ist scheinbar auch egal, ob dort nun der amtierende Weltmeister oder Olympiasieger spielt. Scheint von keinem großen Interesse zu sein. Vielleicht werden ja noch bis zum Samstag weitere Fernsehrechte vergeben! Ist ja noch genügend Zeit! Die Fußballer haben es bei ihrer WM vorgemacht wie es geht. Sie haben gezeigt, wie man mit Leuten, die den Fußball jahrzehntelang in alle Welt hinausgetragen und hofiert haben, umgeht. Die Fußball-WM hatte ein Gesicht, unsere WM hat kein Gesicht.
Energie fließt ins WM-Buch
Netzeitung: Hätten Sie sich denn im Vorfeld der WM einspannen lassen? Wunderlich: Wissen Sie, was soll ich darüber nachdenken und meine Energie verschleudern. In Köln sagt man: «Et is wie et is.» Ich schreibe lieber an meinem WM-Buch, da haben die Leute mehr davon, als wenn ich mich irgendwelchen Dingen aussetze, die mich letztendlich nur Energie kosten und ich zudem nicht weiß, wenn ich zur Tür rausgehe, ob ich dann etliche Messer im Rücken habe.
Netzeitung: Bis auf den Torwart hat sich jeder für den Stamm vorgesehene Spieler in der Vorbereitung verletzt. Da wären Linksaußen Jansen, der Halblinke Velyky und Hens, Denker und Lenker Baur, die Kreisläufer Klimovets und Preiß, der Halbrechte Glandorf und Rechtsaußen Kehrmann. Kehrmann, Baur und Jansen konnten am Samstag beim Test gegen Ägypten wieder mitspielen. Trotzdem: Insgesamt sind das nicht gerade ideale Bedingungen vor einem WM-Turnier im eigenen Land.
Wunderlich: Man muss abwarten, wie die Ärzte und Physiotherapeuten das alles noch hinkriegen. Die Hoffnung stirbt zum Schluss. Man kann natürlich nur hoffen, dass der eine oder andere tatsächlich nicht so gehandicapt ist, dass er schon in der Vorrunde die Segel streichen muss. Das wäre das Schlimmste.
Netzeitung: Sollte Heiner Brand Stefan Kretzschmar oder Christian Schwarzer nachnominieren?
Wunderlich: Ich denke schon, dass Heiner Brand damit liebäugelt, aber es gibt ja klare Absprachen. Ich kann ja nicht Baur, der als Mittelmann so wichtig ist, plötzlich am Kreis spielen lassen. Der kann den Kreis nicht so spielen, und schon gar nicht ausfüllen, wie es Christian Schwarzer könnte. Am liebsten wäre mir, Preiß und Klimovets würden gesund, weil sie unsere Zukunft am Kreis sind. Bevor ich aber eine Zwitterlösung anstrebe, hole ich Christian Schwarzer. Und wenn es heißt, Jansen kann nicht, muss ich Kretzschmar anrufen.
Hoffen auf Rückraum-Granaten
Netzeitung: Auf was wird es ankommen im deutschen Spiel? Wunderlich: Brands Paradepferd war immer die Abwehr. Aber in den unter ihm verlorenen Endspielen hatten wir immer im Rückraum Defizite. Ein Endspiel wird aus der Abwehr heraus gewonnen, sicher, aber wenn du im Rückraum nicht die richtigen Granaten hast, einfache, schnelle Tore wirfst, dann wird’s schwer. Trotzdem: Heiner Brand ist für uns der Nationaltrainer schlechthin. Die Erfolge wird ihm wahrscheinlich keiner mehr so schnell nachmachen. Nur, immer Vize zu sein, bis auf die gewonnene Europameisterschaft, ist auch nicht das Wahre. Die wichtigsten Turniere sind nun einmal die WM, die Olympischen Spiele und so etwas würde ihm auch gut zu Gesicht stehen, dies zu gewinnen.
Netzeitung: Vor zwei Jahren musste sich die verjüngte deutsche Nationalmannschaft bei der WM in Tunesien mit dem neunten Platz begnügen. Sie haben sich damals im Umfeld der Nationalmannschaft unbeliebt gemacht mit der Bemerkung: «Christian Zeitz gibt seinen Verstand an der Garderobe ab. So ist er nicht tragbar», weil er ihrer Meinung nach einfach zu unkontrolliert spiele. Sind Sie mit dem Spiel von Zeitz heute zufriedener?
Wunderlich: Nein. Aber unabhängig davon: Das Zitat, das damals rumgeisterte, stammt so nicht von mir. Zeitz hatte damals selbst wortwörtlich gesagt: «Ich muss in der Nationalmannschaft jetzt mehr Verantwortung übernehmen, weil ich jetzt auf meiner Position gefragt bin.» Ich dachte: Das ist ja stark. Wenn jemand sich selbst so unter Druck setzt und sagt, ich will auf der halbrechten Position die Nummer eins werden – Glandorf war ja damals auch schon im Gespräch für diese Position – heißt das doch, dass man an sich arbeiten will. Während des Turniers hat Zeitz aber dann bis auf eine Ausnahme eine Trefferquote von kaum mehr als 50 Prozent gehabt. Daraufhin habe ich gesagt, das ist hirnlos, was er da spielt. Ich habe nicht gesagt, Zeitz gibt seinen Verstand an der Garderobe ab. Das ist eine Erfindung der Boulevardpresse.
Es ist doch so, wenn die Jungs hinten fünf Minuten decken müssen wie die Wahnsinnigen, dann kann man doch nicht nach vorne gehen und den Ball nach nur ein paar Sekunden Angriffszeit zwei Meter übers Tor hauen. Disziplin und Teamgeist ist in Abwehr und Angriff absolut wichtig, oder wie es Heiner Brand vor laufender Kamera ausgedrückt hat: «Es reicht nicht aus, morgens immer beim Frühstück pünktlich zu sein.»
Netzeitung: Trotzdem gab es damals nicht wenige, die stinksauer auf Sie gewesen sind.
Wunderlich: Wenn ich als Kommentator vor der Kamera stehe, rede ich nicht irgendwelchen Mist schön, den gerade Millionen von Menschen gesehen haben. Die Leute denken doch: Was soll der Wunderlich sein? Experte? Der hat ja überhaupt keine Ahnung. Wenn man schlecht spielt, muss man sich gefallen lassen, kritisiert zu werden.
Zeitz kein Thema mehr
Netzeitung: Haben Sie sich jemals mit Zeitz ausgesprochen? Wunderlich Nein, für mich ist die Geschichte Zeitz erledigt. Ich habe meinen Job als «Experte» gemacht, nicht mehr und nicht weniger. Ich habe früher auch Kritik einstecken und damit leben müssen. An Kritik sollte man wachsen. Aber ich sag Ihnen jetzt mal was: Neulich macht der Zeitz einen Knicker (extreme Wurftechnik, bei der ein Spieler den Abwehrspieler austrickst, indem er seinen Oberkörper seitlich beim Wurf im 90-Grad-Winkel abknickt, Anm. d. Red.), so einen schnellen und sensationellen Wurf habe ich lange nicht mehr bei einem Handballspiel gesehen. Das der Zeitz das kann, das hätte ich nie im Leben gedacht. Genial. Warum macht der Kerl das nicht öfter?
Netzeitung: Zur WM 78: Im Finale führte die deutsche Auswahl 13:12, als Bankdrücker Dieter Waltke kam, der eigentlich schon frustriert hatte abreisen wollen. Er erzielte drei Tore in Serie zum 16:12 - mit Aktionen zwischen Genie und Wahnsinn. Ist nicht Zeitz heute derjenige Spieler, dem man so etwas am ehesten zutraut?
Wunderlich: Vielleicht, ich denke aber, dass Glandorf und Zeitz sich bei der WM gegenseitig ergänzen werden. Das wäre fürs Team sehr wichtig.
Netzeitung: Was trauen Sie der deutschen Auswahl zu?
Wunderlich Ich denke, wir werden als Gruppenerster in die Hauptrunde einziehen. In der Hauptrunde müssen wir gleich am Anfang einen Big Point machen, um eine vernünftige Ausgangsposition zu haben. In einem möglichen Viertelfinale in Köln hätte man 20.000 Zuschauer im Rücken, das ist ja nun nicht gerade schlecht. Ab dem Halbfinale, sofern wir es erreichen, ist alles offen und wir können aufgrund unserer Typen, die diese Mannschaft durchaus hat, gespannt sein was passiert. Ich glaube, dass die Mannschaft so charakterstark ist, dass sie nervlich mit dem Druck, der auf ihr lasten wird, gut umgehen kann.
Von DHB-Auswahl überzeugt
Netzeitung: Wer ist der Turnier- Favorit? Wunderlich: Mindestens vier, fünf Mannschaften, die Franzosen, Spanier, Kroaten und Russen, die Dänen womöglich. Ich zähle auch unsere Mannschaft zu diesem Kreis. Keiner traut sich mal zu sagen, dass diese Mannschaft eine gewisse Kapazität besitzt, auch wenn sie momentan diese Verletzungssorgen hat. Die können alle vernünftig Handball spielen, die wissen alle, dass sie für Schwarz-Rot-Gold auflaufen. Und diese Mannschaft hat Charakterstärke, das hat sie bei der EM in der Schweiz gezeigt. Im Spiel um Platz fünf gegen die Russen haben sie, als es eng wurde, dagegengehalten, obwohl sie sichtlich kaputt waren. Belohnung war immerhin das Ticket zur EM 2008, das haben sich die Jungs nicht nehmen lassen.
Das Interview mit Erhard Wunderlich führte Markus Wanderl