netzeitung.deNur das Geld bleibt Axel Schulz

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Niedergeschlagener Axel Schulz (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Niedergeschlagener Axel Schulz
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Bereits in Runde eins ahnt Axel Schulz, dass sein Comeback keine gute Idee gewesen ist. Von Boxen werde er fortan definitiv die Finger lassen, kündigt er nach der peinlichen Vorstellung gegen den US-Amerikaner Brian Minto an.

Von Markus Wanderl, Halle (Westfalen)

Axel Schulz meinte es nur gut mit sich, aber die Zuneigung der Zuschauer im mit 12.500 Zuschauern proppevollen Gerry-Weber-Stadion in Halle/Westfalen war gegen Mitternacht schon längst dahin. Als ihn der RTL-Reporter Kai Ebel kurz nach dem Kampf fragte, was er nun zu tun gedenke, antwortete Schulz wie die «ehrliche Haut», als die er tausendfach beschrieben worden ist. «Ick denke, ick werd’ nachher erst mal ein Bier trinken.»

Gelächter, Buhrufe
Da entlädt sich der Zorn des Volks endgültig. In Gelächter, aber noch mehr in Buhrufen und Pfiffen geht Schulzes Ankündigung unter. Viele halten ihre Tickets in die Luft, spreizen ihren Daumen nach unten. «Das ist eine Verarsche hier, wie sie es im Boxen noch nicht gegeben hat», ruft einer. Er hat 145 Euro für sein Ticket gezahlt, und für die Eintrittskarte seiner Frau hat er auch keine Prozente gekommen. 290 «Flocken» seien flöten gegangen, resümiert er stocksauer, und als er anfängt, lauthals das Benzingeld für die Strecke Düsseldorf-Halle und zurück auszurechnen, lässt ihn der Reporter stehen.

Eine Party hätte es geben sollen, wie sie Halle noch nicht gesehen hat, trotz der Tennis-Herrschaften, die sich hier im Sommer bei den Gerry-Weber-Open zu vergnügen wissen. «Bitte bleiben Sie nach dem Kampf hier», hatte der Moderator viel versprechend angekündigt, und den austragenden Sender RTL gepriesen, der sich ein feines Programm habe einfallen lassen, nur vergleichbar mit dem, was einst im alten Rom geboten wurde.

Pure Angst
Doch die Rechnung wurde ohne Axel Schulz gemacht, einmal davon abgesehen, dass der 38 Jahre alte Bad Saarower geschätzte drei Millionen Euro für seinen Auftritt hat einstreichen dürfen. Denn Schulz präsentierte sich nach sieben Jahren ohne Wettbewerb im Ring völlig von der Rolle, eingerostet, wie es im Boxjargon heißt, ja, ihm sei sogar bereits der Angstschweiß ausgebrochen, als er unter lautem Jubel die Halle betreten habe: «Training ist eben Training, und Wettkampf ist Wettkampf», sagte der geschundene Schulz später in der Pressekonferenz.

«Ick war dem einfach nicht gewachsen. Als ick in die Halle gekommen bin, hab’ ick einfach gemerkt, was auf dem Spiel steht. Dat war wie ne Wand.» Und der ratlose Rick Conti, Schulzes Trainer, fügte hinzu: «Brian Minto war bereit für den Kampf, Axel nicht. Ich weiß nicht, was los war.»

Dass es sieben Jahre nach Schulzes letzten Profikampf gegen Wladimir Klitschko eine noch peinlichere Vorstellung vom «Donald Duck des Boxens» (Süddeutsche Zeitung) geben würde, man hat es ja geahnt. Natürlich hat das so vorher niemand formulieren wollen, weil wie so oft die Hoffnung ein frommer Wunsch gewesen ist. Und hatte Schulz nicht ein knappes Jahr hart trainiert? War der 38-Jährige nicht extra ins Land der Box-Legenden gereist, um sich dort in Cape Coral über Monate hinweg drei Mal am Tag zu quälen?

Hatte Schulz nicht sogar einen Streit mit seiner Mitte März angetrauten Ehefrau ausgefochten, die sich grämte, zu viel Zeit in Florida allein verbringen zu müssen, zudem schwanger, während sich ihr Axel 180 Kilometer weit entfernt im Gym mit dem Sandsack anlegte? Hatte er also nicht alles für den Erfolg getan?

Als Graciano Rocchigiani kurz vor dem Kampf gefragt wurde, was er von Axel Schulz erwarte, antwortete er: «Ich erwarte gar nischt von Axel.» Eine gute halbe Stunde später sagte Rocchigiani: «Das war so schlecht, dass man die Augen zumachen musste.»

«Schön vorn Kopp»
Dass Schulz «nicht besser geworden ist», wie es Wladimir Klitschko höflich formulierte, deutete sich bereits 20 Sekunden nach Kampfbeginn an. Brutal schlug die linke Führhand des 31 Jahre alten Minto in Schulzes Gesicht ein. «Ick hab schon in der ersten Runde gemerkt, dass es schwer wird», gab Schulz zu. So richtig «schön vorn Kopp» (Schulz) gab’s dann ab Runde drei, als der mit 1,80 Meter elf Zentimeter kleinere Mann aus West-Pennsylvania Schulz vor sich hertrieb wie ein Bauer seine Leitkuh beim Almabtrieb. Dabei hatte doch Schulz den Kampf mit seiner Führhand von der Mitte des Rings aus bestimmen und seinen Größenvorteil nutzen wollen, doch Schulzes Führhand fand nicht statt. Schulz war wehrlos.

IBF-Weltmeister Arthur Abraham, der kürzlich seinen Titel mit gebrochenem Kiefer verteidigt hatte, wollte frühe Konditionsprobleme erkannt haben, was Schulz jedoch nicht gelten ließ: «Ick hab' keine Ausreden. Ick hatte hier in Halle optimale Bedingungen. Es hat mich halt alles erschlagen.»

Minto behält Recht
In Runde vier vom Ringrichter angezählt, ergab sich Schulz bis zum technischen K.o. in Runde sechs seinem Schicksal fast kampflos. Minto, der vor dem Kampf gesagt hatte, es werde sich rächen, ihn als Gegner bestellt zu haben, hetzte Schulz in die Seile, und probierte Schläge aus, von denen er bis dahin selbst nicht wusste, dass er sie drauf hat. Die Verwarnung wegen zu tiefer Kopfhaltung in Runde fünf steckte er locker weg, und auch als die Schulz-Ecke die Pause verzweifelt mit Bodenwischen künstlich zu verlängern versuchte, blieb Minto unbeeindruckt.

Minto empfand das alles als so nett, dass er sogleich ankündigte, alsbald wieder nach Deutschland kommen zu wollen. Ihm gefalle es hier, sagte er. Die Leute seien sympathisch, die Städte schön natürlich, nicht so wie in Las Vegas, wo alles nur Plastik sei. Gegen wen er boxen wolle? Gegen Michalczewski, gegen Krasniqi und gegen Klitschko, am besten in der Reihenfolge, antwortete er. «Ich habe jetzt einen Namen hier», mutmaßte Minto, der mit 250.000 Dollar die weitaus größte Kampfbörse seiner Laufbahn kassierte.

Unkluge Entscheidung
Während die Boxkarriere von Minto also noch ungeahnte Höhen erreichen könnte, ist die von Schulz nun definitiv zu Ende. «Ick hab' ja immer gesagt, dass ick definitiv aufhöre, wenn ick heute verliere», bestätigte Schulz. Er habe es mit dem Comeback versucht, «das ist vielleicht das Entscheidende», versuchte er dem Abend noch etwas Positives abzugewinnen. Es wird also nichts mit den zwei weiteren Kämpfen, die für den Fall des Falles mit RTL vereinbart waren. «Wirtschaftlich war das sicher keine kluge Entscheidung», sagte Schulzes Manager Wolfram Köhler. Meint: es wäre sicher sinnvoller gewesen, in der «Nacht der Antworten» vielleicht die Nummer 100 der Weltrangliste zu boxen und nicht Giftzwerg Minto, die Nummer 26.

Schulz wäre nicht Schulz, wenn er sich abschließend nicht noch bei den Fans entschuldigt hätte. Nur allzu gerne hätte er den Fans eine gute Leistung geboten, sagte er. «Leider hab' ick aber nichts umsetzen können.»

Es blieb das Fazit eines älteren Kollegen, der schon seit zwanzig Jahren Boxkämpfe besucht: «Das war die schlechteste Boxveranstaltung, bei der ich je gewesen bin.»