netzeitung.deOmilade: «Frauen schauen gesitteter Fußball»

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Die Qualifikation für die WM 2007 hat Navina Omilade mit der deutschen Frauen-Fußballauswahl überstanden. Im Interview mit der Netzeitung spricht sie über Rassismus im Fußball, den neuen Wortmann-Film und Fußballabende unter Frauen.

Die DFB-Damen stehen nach dem großen Erfolg der Herren im Sommer wieder etwas mehr im Rampenlicht: Die Frauen- Nationalmannschaft hat sich Ende September die Qualifikation für die WM 2007 in China gesichert. Nationalspielerin Navina Omilade äußert sich in der Netzeitung zu den Klischees über ihren Sport, sie erklärt, warum Frauen anders spielen als ihre männlichen Kollegen und spricht über ihre Erfahrung mit Fremdenhass. Am Wochenende hat sich Navina Omilade einen mehrfachen Bänderriss am linken Ellenbogen zugezogen und muss operiert werden.

Netzeitung: Frau Omilade, herzlichen Glückwunsch zur erfolgreichen WM-Qualifikation. Wie ist die Stimmung?

Omilade: Mir geht es den Umständen entsprechend gut. Mit der Nationalmannschaft läuft es super. Mit Turbine Potsdam läuft es noch nicht so, wie wir uns das wünschen. Leider habe ich mir am Wochenende den Ellenbogen ausgekugelt und kann drei Wochen nicht spielen.

Netzeitung: Die WM der Männer im Sommer war ein riesiger Erfolg, fast jeder war dem Fußballwahn verfallen. Im Kino läuft Sönke Wortmanns Film «Deutschland- ein Sommermärchen». Waren Sie schon drin?

Omilade: Ja, ich war bei der Premiere. Der Film hat mir gut gefallen. Ich habe festgestellt, dass es bei denen auch nicht viel anders läuft als bei uns.

Netzeitung: Wie haben Sie die WM erlebt?

Omilade: Fünf Spiele habe ich im Stadion gesehen. Vor allem Deutschland gegen Polen war der Megahammer. Ansonsten habe ich die Spiele mit Freunden zuhause gesehen oder war beim Public Viewing. Die vier Wochen waren einfach supergeil.

Netzeitung: Um in diesem Zusammenhang einmal ein Klischee aufzugreifen: Frauen haben nicht Fußball zu gucken, sondern sollen bestenfalls das Bier reichen. Wie läuft es, wenn Sie mit Männern gemeinsamen ein Spiel sehen? Nehmen Männer ernst, was Sie sagen?

Omilade: Ich habe schon das Gefühl, dass ich dazu gehöre. Die Jungs haben schon Respekt. Sie wissen, dass ich seit 18 Jahren Fußball spiele und das sehr erfolgreich. Da brauche ich mir keine blöden Sprüche anhören.

«Gucke selten mit Mädels»
Netzeitung: Wie läuft dann ein Fußball-Abend unter Frauen ab? Häppchen, Weißwein und «Ach guck mal ist der nicht süß»?

Omilade: Ich gucke eher selten mit Mädels, und wenn, dann mit Leuten aus dem Team. Wir gucken dann weniger auf stramme Waden, wir fachsimpeln ein wenig. Dazu trinken wir dann schon mal ein Radler oder so. Spaß haben wir auf jeden Fall. Im Vergleich zu Männern würde ich sagen, dass wir einfach etwas gesitteter Fußball gucken.

Netzeitung: Und wenn Nicht-Fußballerinnen dabei sind? Erklären Sie denen die Abseitsregel nach dem Motto: Wenn ein Salzstreuer und Pfefferstreuer vor dem Teller, der Salzstreuer aber hinter dem Pfefferstreuer...?

Omilade: Es kommt selten vor, dass ich es jemandem erklären soll, aber wenn, dann benutze ich schon eher den Fachjargon. Ich versuche es dann immer an einem Beispiel zu erklären: Ballack hat den Ball und passt ihn zu Klose, der vor dem Tor alleine steht... So in der Richtung. Das ist bisher immer verstanden worden. Einfach ist es jedoch nicht. Ich spiele so lange Fußball, da ist Abseits für mich total logisch.

Netzeitung: Mal Hand aufs Herz: Wer war bei der WM der begehrteste deutsche Kicker? Und welcher Spieler hatte den meisten Sex-Appeal? Tauschen Sie sich unter Kolleginnen über solche Themen überhaupt aus?

Omilade: Klar reden wir darüber. Für mich ist Michael Ballack auf jeden Fall der attraktivste Fußballer. Ich finde, er hat das meiste Sex-Appeal. Er ist eine Persönlichkeit und hat Charakter. Andere fallen mir jetzt gar nicht ein.

Netzeitung: Noch ein Klischee: Frauen wählen ihre Lieblingsmannschaft nach dem Aussehen der Kicker aus. Oder: Sie lassen sich dabei vom Partner beeinflussen.

Omilade: Ich denke, viele gehen schon nach der Leistung oder nach der Herkunft. Die Liga oder das Aussehen der Fußballer bei einem Heimatverein spielt dann keine Rolle. Es gibt jedoch bestimmt auch Frauen, die nach dem Aussehen gehen. Man darf das nicht verallgemeinern.

«Zwanziger tut viel für uns»
Netzeitung: Die DFB-Frauen sind sehr erfolgreich. Sechsfacher EM-Sieger, Weltmeister, zwei olympische Bronzemedaillen um nur einige große Siege zu nennen. Wie sehen Sie die Entwicklung des Frauenfußballs in Deutschland?

Omilade: Frauenfußball ist stark im Kommen. Vor allem seit dem Gewinn der Weltmeisterschaft 2003 passiert sehr viel, Medien- und Zuschauerinteresse steigen. Zudem wollen immer mehr Mädchen Fußball spielen. Mit Theo Zwanziger, dem DFB-Präsidenten, haben wir einen einflussreichen Mann, der voll und ganz hinter dem Frauenfußball steht. Er tut viel für uns und ist mit dem Herzen voll dabei. Was besseres hätte dem Frauenfußball nicht passieren können.

Netzeitung: In diesem Zusammenhang Klischee Nummer drei: Frauenfußball ist langsam, unattraktiv und statisch.

Omilade: Leute, die so etwas sagen, haben keine Ahnung. Sie haben wahrscheinlich auch noch nicht viele Spiele gesehen. Der Frauenfußball ist schnell und vor allem sehr offensiv ausgerichtet. Ein 0:0 oder ein 1:0 wie bei den Männern gibt es eher selten. Letzte Saison hatten wir mit Turbine ein Torverhältnis von 115:13. Zum Vergleich: Vizemeister Werder Bremen hatte mit 79:39 die meisten Treffer erzielt. Also, Frauenfußball ist alles andere als langsam und statisch.

Netzeitung: Man sagt, WM-Überraschungskicker David Odonkor war der schnellste Bundesliga-Spieler mit 10,6 Sekunden auf 100 Metern. Wissen Sie, was die schnellste Fußballerin ungefähr läuft?

Omilade: Meine Mitspielerin Isabel Kerschowski ist mit ungefähr 12,6 Sekunden auf 100 Metern eine der schnellsten in der Liga. Aber das kann man überhaupt nicht miteinander vergleichen. Männer sind von Natur aus schneller. Das wäre, als wenn man Marion Jones mit Ben Johnson vergleichen würde.

Schneller laufen bedeutet nicht schneller spielen. Was ein Fußballspiel langsam macht, ist das Ballhalten, hier ein Haken, da ein Haken. Mit nur ein, zwei Ballkontakten spielt man schnell, und genau das tun wir. Darauf legen wir auch besonders viel Wert.

Netzeitung: Seit ein paar Wochen ziert Ihr Gesicht einige Hundert Plakate in Berlin. Sie haben eine Schirmherrschaft für die ersten Berliner «Respect Gaymes» mit der Aufschrift «Zeig Respekt für Schwule und Lesben» übernommen. Wie kam es zu diesem Engagement?

Omilade: Der Kontakt kam auf einer Veranstaltung gegen Rassismus zustande. Ich bin nicht lesbisch, aber ich habe auch keine Berührungsängste. Die Kampagne zielt nicht nur auf mehr Respekt gegenüber Schwulen und Lesben ab. Es geht hier um Respekt jeglicher Art, Hautfarbe, Religion oder Herkunft. Sich gegen Diskriminierung und Gewalt einzusetzen, lohnt sich immer.

«Sexualität ist Privatsache»
Netzeitung: Bei den Frauen ist es ja ein offenes Geheimnis, dass viele Fußballerinnen lesbisch sind. Bei den Männern wird zum Thema Homosexualität geschwiegen. Wieso wird damit nicht offener umgegangen?

Omilade: Die meisten wollen eben nicht, dass ihre Sexualität öffentlich gemacht wird. Ich kann das verstehen, das ist privat. Die sportlichen Leistungen sollten im Vordergrund stehen und nicht das Privatleben der Sportler. Es geht um den Sport und um mehr nicht.

Netzeitung: In der Bundesliga ist zurzeit das Thema Rassismus aktuell, etwa im Fall des Nationalspielers Gerald Asamoah. Haben Sie solche rassistischen Diskriminierungen am eigenen Leib erfahren?

Omilade: Ich selbst habe zum Glück in dieser Hinsicht noch keine schlechten Erfahrungen machen müssen. Bei den Männern passiert das häufiger. Ich finde das einfach nur verdammt traurig, dass die Hautfarbe eines Menschen in der heutigen Gesellschaft überhaupt noch ein Thema ist. Das der DFB dagegen jetzt so hart vorgeht, ist unglaublich wichtig und eine gute Sache. Das muss ein Ende haben.

Ich finde es auch richtig, dass Gerald Asamoah so offensiv dagegen angeht. Das er, wenn das nicht aufhört nicht mehr für die Nationalmannschaft spielen will, ist nur konsequent. Obwohl das keine Lösung für das Problem sein kann und darf.

Das Interview mit Navina Omilade führte Annika Ulrich.