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Lupe Börgeling: Bin nicht PR-geil wie Lobinger

Stabhochspringer Lars Börgeling glaubt, dass bei einem olympischen 100-Meter-Finale «von den acht Sprintern mindestens fünf gedopt» sind. Bei der EM in Göteborg will er Tim Lobinger übertrumpfen, wie er im Interview mit der Netzeitung sagte. Bilderschau: ...

Die Ziele sind hoch gesteckt. Stabhochspringer Lars Börgeling will bei der Leichtathletik- Europameisterschaft mindestens eine Medaille erkämpfen. Der amtierende Vize- Europameister aus Leverkusen zählt sich sogar zu den Mitfavoriten auf den Titel. «Ein Traum wäre, alle drei deutsche Springer aufs Treppchen zu bekommen», sagt Börgeling zwei Tage vor der Qualifikation in Göteborg.
Nicht so verseucht wie Radsport
Der 27-Jährige geht offensiv mit dem Thema Doping um und fordert ein Anti-Doping-Gesetz. «Die Entwicklung, dass der Staat mehr eingreifen soll, dass Wege geöffnet werden in der Ahndung von Dopingsündern, sei es durch Gerichtsbarkeit, durch Ermittlungen des Staatsanwaltes oder durch Hausdurchsuchungen, solche Maßnahmen begrüße ich sehr», sagt Börgeling. Seiner Meinung nach ist die Leichtathletik aber lange nicht «so verseucht wie der Radsport».

Netzeitung: Im Vorfeld der EM gab es Unruhe. Teamführerin und Diskus-Weltmeisterin Franka Dietzsch übte harsche Kritik am Verband. Deutschland schickt ihrer Meinung nach mit circa 80 Athleten ein zu großes Aufgebot zur EM...

Börgeling Nun sind es aber eben fast 80 Athleten. Kritik ist jetzt nicht angebracht. Im Nachhinein kann man die Sachen immer kritisch reflektieren. Aber man sollte jetzt allen Leuten, die sich qualifiziert haben, die Chance geben, an der EM teilzunehmen.

Netzeitung: Sehen Sie das auch so, dass die Normen des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) zu niedrig sind?

Börgeling: Im jetzigen Kader sind sehr viele junge Leute dabei, die zumindest nahe an der Norm dran waren. Ältere Sportler wie Franka Dietzsch (Diskuswerferin, d. Red.) werden im Hinblick auf die Olympischen Spiele in Peking 2008 nicht mehr so präsent sein - sondern genau die Leute, die jetzt mit zur EM fahren. Womöglich sind sie es, die dann in vier oder fünf Jahren die Kohlen aus dem Feuer holen. Man darf sich jetzt während der Europameisterschaft nicht ärgern, wenn viele von ihnen frühzeitig auf der Strecke bleiben. Negative Schlagzeilen muss man auch in Kauf nehmen. Irgendwann muss man eben den Weg der Neuerung einschlagen.

Netzeitung: DLV-Präsident Clemens Prokop geht von zehn Medaillen fürs deutsche Team aus. Franka Dietzsch glaubt, dass es vielleicht sogar nur fünf werden...

Börgeling: Ich denke, dass wir irgendwo dazwischen liegen werden. Für den Stabhochsprung würde ich mir wünschen, dass wir an die EM 2002 anknüpfen, als wir zwei Medaillen geholt haben. Ein Traum wäre es, alle drei Springer aufs Treppchen zu bekommen. Enttäuschend wäre es für den Stabhochsprung, wenn keine Medaille herausspringt. Tim Lobinger ist Topfavorit auf den Titel, ich bin Mitfavorit. Da kann und darf es nicht passieren, dass man ohne Medaille nach Hause kommt.

Netzeitung: Chef-Bundestrainer Jürgen Mallow wird nachgesagt, dass er eher ein Arbeiter ist. Die Leidenschaft, alle mitzureißen, fehle. Braucht die Leichtathletik einen Chef wie Ex-Fußball-Bundestrainer Jürgen Klinsmann?

Börgeling: Leichtathletik kann man nicht mit Fußball vergleichen. Das wäre wie Äpfel mit Birnen zu vergleichen. Man kann aus Individualisten keine Mannschaft machen. Oder zumindest nur bis zu einem gewissen Grad. Wir haben unseren Stabhochsprung-Bundestrainer, die Diskuswerfer haben ihren Diskus-Bundestrainer. So etwas muss disziplinspezifisch erfolgen.

Netzeitung: Wie ist das Verhältnis zwischen Ihnen und Lobinger?

Börgeling: Wir kommen ganz gut miteinander aus und verstehen uns. Wir grüßen uns, sehen uns auf der Anlage. Sicherlich würde ich jetzt nicht zu ihm hingehen und ihm einen Tipp geben, wie er das letzte Quäntchen rausholen kann. Das würde er umgekehrt auch nicht machen. Wir sehen uns schon als Konkurrenten. Wir wollen beide um den Titel mit springen, und wir sind uns bewusst, dass letztendlich nur einer Europameister werden kann.

Netzeitung: Stört es Sie, dass viele nur Tim Lobinger kennen, obwohl Sie derzeit der deutsche Meister sind und bei der letzten EM vor ihm die Silbermedaille geholt haben?

Börgeling: Irgendwann möchte ich aus dem Schatten eines Tim Lobinger heraustreten. Aber letztendlich muss man auch ganz selbstkritisch sagen, dass man das nur durch Leistung kann. In den letzten zehn Jahren ist er der konstanteste deutsche Springer gewesen. Ich will ihn nur vom Thron stoßen, wenn ich bessere Leistungen bringe als er. Tim hat sehr viel für den deutschen Stabhochsprung geleistet. Ich habe wirklich Respekt davor, unabhängig davon, dass wir nicht in allem übereinstimmen. Aber rein aus sportlicher Sicht sehe ich ihn als Vorbild.

Netzeitung: Was fehlt Ihnen, damit auch Sie so ein Typ werden?

Börgeling: Ich darf nicht nur ein gutes Jahr haben, sondern muss mich da oben festsetzen. Ein Tim Lobinger ist allein dadurch, dass er mehr polarisiert als ich, bekannter. Ich will nicht um jeden Preis auffallen und in die Zeitung oder ins Fernsehen kommen. Ich muss nicht überall meine Meinung sagen. Sicherlich bin auch ich ein sehr extrovertierter Typ, aber manche Dinge behalte ich eben einfach für mich. Ich hänge nicht alles an die große Glocke. Zudem bin ich nicht so der PR-geile Mensch wie Tim.

Netzeitung: Sind Sie ein Turnierspringer?

Börgeling: Meisterschaften sind immer etwas besonderes. Das ist der Moment, auf den man die ganze Saison über hintrainiert hat. In Göteborg ist wahrscheinlich volles Haus. Die Schweden begeistert die Leichtathletik. Sie werden diese Begeisterung über die Zuschauer zu den Athleten transferieren, so dass wir eine super Stimmung haben werden. Da sitzen dann 40.000 Leute, die klatschen für einen, oder auch nicht - wenn der Schwede noch dabei ist. Da freue ich mich drauf, und das beflügelt auch noch mal.

Netzeitung: Wer sind Ihre größten Konkurrenten?

Börgeling: Tim Lobinger wird einer meiner größten Konkurrenten sein. Ein weiterer Top-Mann nach Tim ist der Italiener Giuseppe Gibilisco, der amtierende Weltmeister. Er hat riesiges Potential. Darüber hinaus muss man auch immer mit dem Schweden Alhaji Jeng rechnen. Vor heimischen Publikum ist er bestimmt besonders motiviert. Romain Mesnil und Aleksandr Averbukh sind auch immer wieder für Überraschungen gut.

Netzeitung: Werden Sie an Ihren bisherigen Glücksbringern festhalten?

Börgeling: Aber sicher! Das ist der wichtigste Wettkampf im Jahr. Die Glücksunterhosen sind gewaschen und mit dabei. Ich hab ja auch genau zwei. Eine für die Qualifikation, eine für das Finale. Das geht gut auf.

Netzeitung: Doping ist jetzt auch in der Leichtathletik ein großes Thema. Wie stehen Sie dazu?

Börgeling: Wer denkt, dass in der Leichtathletik Doping kein Thema ist, der ist ein Träumer. Sicherlich ist der Sumpf in der Leichtathletik nicht so groß wie im Radsport. Aber wenn man sich jetzt bei Olympia ein 100-Meter-Finale ansieht, sind von den acht Sprintern mindestens fünf gedopt. Wenn nicht sogar alle acht bis oben hin voll sind. Dass jetzt auch ein Justin Gatlin erwischt wurde, wundert mich nicht. Es wundert mich viel mehr, dass diese Leute meistens nicht erwischt werden, obwohl jeder ahnt, dass da was nicht stimmt.

Netzeitung: Eine traurige Entwicklung...

Börgeling: Beim Zuschauer entsteht immer mehr das Bild, dass Topleistungen mit Doping einhergehen. Wenige Athleten, ich hoffe, dass es nur wenige sind, schmälern das Ansehen vieler Sportler. Und gerade im Zuge des Radsportskandals läuft man natürlich Gefahr, alle Profisportler in einen Topf zu werfen. Ich bin für den Leitsatz: Nichts ist bewiesen, solange es nicht bewiesen ist.

Netzeitung: Denken Sie manchmal darüber nach, ob der ein oder andere Leichtathlet gedopt sein könnte?

Börgeling: Man darf sich nicht verrückt machen. Die Diskussionen müssen andere führen. Wenn ich jetzt nur noch durch die Gegend renne und jeden verdächtige, der bessere Leistungen bringt als ich, würde mir der Sport keinen Spaß mehr machen. Dann würde ich ja nur noch Schlechtes denken. Ich weiß, dass ich sauber bin. Auch für den Rest der deutschen Stabhochspringer lege ich meine Hand ins Feuer.

Netzeitung: Sollte der Staat stärker im Kampf gegen Doping durchgreifen?

Börgeling: Die Entwicklung, dass der Staat mehr eingreifen soll, begrüße ich sehr. Dass Wege geöffnet werden in der Ahndung von Dopingsünden, sei es durch Gerichtsbarkeit, durch Ermittlungen des Staatsanwaltes oder durch Hausdurchsuchungen. Ich hoffe, dass höhere Strafen auf die Dopingsünder zukommen.

Das Interview mit Lars Börgeling führte Annika Ulrich