netzeitung.deNadal fordert Federer alles ab

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Rafael Nadal (l.) mit Roger Federer (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Rafael Nadal (l.) mit Roger Federer
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Roger Federer hat seinen historischen vierten Wimbledon-Sieg gefeiert. Die Alleinherrschaft des Weltranglisten-Ersten beim Rasentennis scheint dennoch in Gefahr.

Von Jörg Allmeroth, London

Es waren die letzten Minuten vor dem Marsch hinaus aufs Spielfeld, als Tony Roche in der Umkleidekabine seinen Schützling noch einmal eindringlich auf das kommende Finale gegen Rafael Nadal einschwor. «Dies ist Dein Platz, dies ist Dein Haus. Das musst Du jetzt mit aller Willenskraft verteidigen», sagte der australische Trainer zu Roger Federer, dem amtierenden Champion und in dieser Sekunde noch dreifachen Sieger. «Okay, Tony, ich werde die Schlüssel behalten», erwiderte Federer, «ich gebe Dir mein Wort drauf.»

Nadal überrascht
Rund dreieinhalb Stunden später an diesem kühlen, windigen Sommersonntag hatte Federer sein Versprechen zwar mit dem vierten Triumph (6:0, 7:6, 6:7, 6:3) eingehalten, doch der Schweizer Maestro hatte ebenso wie sein erfahrener, ausgebuffter Coach gespürt, dass die Hausmacht über den Centre Court in London SW 19 bröckelte und nicht mehr auf einem so sicheren Fundament wie in den vergangenen Erfolgsjahren stand: «Ich gebe ehrlich zu: Ich hätte Rafael diese Leistung, dieses großartige Turnier nicht zugetraut. Und damit bin ich nicht allein», sagte Roche, einst selbst ein Weltklassemann und Grand Slam-Champion.

Und Federer, soeben auf der größten Tennisbühne der Welt als würdiger Erbe von Björn Borg und Pete Sampras gewürdigt, stimmte sich selbst, seine Parteigänger und die Tennisfans auf härtere, turbulentere Zeiten bei der Titelvergabe ein: «Nadal ist kein Mann, der sich mit Platz zwei zufrieden gibt. Und seine Leistung ist in den letzten beiden Wochen regelrecht explodiert.»

Spannende Tennisjahre
Mit dem spannungsreichen, teils gar dramatischen Wimbledon-Finale war nun endgültig eine neue Rivalität im Herrentennis etabliert, die gleich reihenweise furiose Duelle für die kommenden Tennisjahre versprach – weit mehr als jene eher lahmen Konkurrenzverhältnisse, die Federer in der Vergangenheit mit zu unsteten, eindimensionalen Spielern wie Lleyton Hewitt, Marat Safin oder Andy Roddick hatte: «Nadal ist der einzige Profi, der Federer furchtlos in die Augen schaut und ihm Angst macht. Und der die Klasse hat, ihm gefährlich zu werden», sagte Schwedens Tennislegende Mats Wilander.

Mit dem starken Wimbledon-Auftritt im gerade einmal fünften Rasenturnier seiner Karriere habe Nadal bewiesen, «dass er Federer immer und überall stellen kann, nicht nur auf Sand», meinte auch der amerikanische Superstar Jimmy Connors, «das Gerede vom Underdog Nadal in Wimbledon kann man getrost begraben.»

Unvergessliche Final-Spiele
So wie Federer einst nach dem Sprung auf Platz eins und dem Abschied von seinem Trainer Peter Lundgren neue Strategien entwickeln und noch härter an seinen Schlägen und seiner Fitness arbeiten musste, so sehr zwang ihn jetzt der aufsteigende spanische Gegenspieler Nadal in eine neue sportliche Aufrüstungsrunde. «Ich finde, dass Roger diese Rivalität nur gut tut», erklärte seine Mutter und Managerin Lynette Federer unaufgeregt, «sie zwingt ihn zum Handeln, zum Nachdenken, ganz einfach zur weiteren Verfeinerung seines Spiels.» Schon die vier vorherigen Finalspiele in dieser Saison zwischen «King Roger» (The Times) und seinem 20-jährigen Kronprinzen hatten unvergessliche Tennismomente gebracht – kleine Meisterwerke voller Spielkunst, Leidenschaft und Willensstärke über viele Stunden hinweg, so wie in Monte Carlo, Rom oder zuletzt bei den French Open.

Zwar verkürzte Federer in Wimbledon im persönlichen Karrierevergleich mit Nadal auf 2:6, doch der unheimliche Kraftprotz aus Mallorca wird sich auch im bevorstehenden Urlaub in Südasien nicht aus dem Hirn verscheuchen lassen – jener Spieler, der im Finale der 120. All England Championships mit nur ein bisschen mehr Glück auch gut und gerne eine 2:1-Satzführung und den späteren Sieg hätte herausspielen können. «Die Gefahr war da», sagte Federer später und gab auch zu, «dass der Druck enorm war, dieses Finale zu gewinnen. Denn eine weitere Niederlage nach Paris wäre schon ein schwerer Rückschlag gewesen, das hätte ich nicht so leicht wegdrücken können.» Wie unbeugsam Nadal trotz eines 0:6-Desasters im ersten Satz und des unglücklich verlorenen Tiebreaks im zweiten Satz an sich und seine Siegchance glaubte, das musste dem weiter regierenden Champion gleichwohl noch Zweifel für zukünftige Titelanläufe einimpfen. Mehr denn je glaube er nun daran, sagte Nadal, «dass ich mir meinen Lebenstraum erfüllen kann, den Traum vom Sieg in Wimbledon.»

Schon wird deutlich, dass sich beide Gladiatoren mit Meilenschritten vom Rest des Wanderzirkus entfernen und auf ein immer höheres Performanceniveau schrauben – angetrieben und genötigt durch die Klasse des Mannes auf der anderen Seite des Netzes. Das galt in der Sandplatzserie für Federer, der in allen großen Finals stand und drei Mal nur hauchdünn gegen Nadal verlor. Und das galt in der kürzeren Rasenspielzeit nun für Nadal, der beträchtlich am Lack des vorgeblich unschlagbaren Wimbledon-Dominators Federer kratzte.
Gefahr des Scheiterns
Faszinierend für Fans und Experten: Für keinen der beiden überragenden Spitzenspieler gibt es Ruhezeiten und Sicherheitszonen, die Gefahr eines Scheiterns lauert immer und überall – für Federer wie für Nadal. Schon bei den US Open wird die nächste Runde des Schlagabtauschs eingeläutet. Auch dort ist Federer der Champion, und Nadal der Mann, der die größte Bedrohung für die Nummer eins der Rangliste darstellt. Und mehr denn weiß niemand, wie alles ausgeht. Das ist die schönste Botschaft, die von diesem Wimbledon-Turnier ausgeht.