Volleyballerinnen analysieren schonungslos
Den Untergang hat Hee Wan Lee in typischer Pose verfolgt: Stehend, die Arme vor dem Körper verschränkt und mit stoischer Miene hat der Koreaner mit angesehen, wie die von ihm betreuten deutschen Volleyballerinnen bei der Europameisterschaft in Kroatien ein Spiel nach dem anderen verloren.
Vier Spiele, vier Niederlagen, so lautete die niederschmetternde Bilanz vor der letzten Vorrundenbegegnung gegen Rumänien (am heutigen Donnerstag, 18 Uhr), der nur noch statistische Bedeutung zukommt. Deutschland ist beim kontinentalen Gipfeltreffen gewogen und zu leicht befunden worden, noch in Zagreb begann die Suche nach den Schwachstellen.
Vom Willen und von der Einstellung her könne er seinen Spielerinnen «keinen Vorwurf machen, aber wir sind auf vielen Positionen einfach zu schwach». Auf welchen genau, wurde bei der 0:3-Niederlage gegen Kroatien deutlich, die einer extremen Achterbahnfahrt glich, bei der es am Ende stets bergab geht. Da wurde aus einer 4:0-Führung innerhalb weniger Augenblicke ein 4:7-Rückstand, oder ein 10:10 verwandelte sich ruckzuck in ein 11:20. Solch fürchterliche Leistungsschwankungen leistete sich das deutsche Team, wie es sie sonst nur im Schülerbereich zu erleben gibt.
Tatsächlich ist im deutschen Team neben Kapitän Angelina Grün weit und breit keine Spielerin in Sicht, die den Ball zuverlässig auf den Boden befördern kann. Eine Angriffseffizienz von knapp über 30 Prozent bedeutet einen desaströsen Wert. Doch der deutsche Angriff war in Kroatien nicht die einzige Problemzone.
Auch im Zuspiel haperte es, weil sich mit Tanja Hart die einzige Spielmacherin mit internationalem Format eine Nationalmannschafts-Auszeit verschrieben hat. Die Leverkusenerin Julia Schlecht stieß im Dom Sportova deutlich an ihre Grenzen, ihre Mitstreiterin Nadja Jenzewski ist mit 19 Jahren noch zu jung, um das Spiel der Mannschaft alleinverantwortlich zu gestalten.
Lee, zu seiner aktiven Zeit selbst ein Klasse-Spielmacher, hofft nicht nur auf eine signifikante Stabilisierung des deutschen Spiels, sondern auch darauf, dass die junge Nadja Jenzwski im Schatten der routinierten Könnerin reifen kann. Die Fehlersuche im deutschen Lager beschränkt sich indes nicht auf die Analyse der spielerischen Darbietungen.
Wie immer, wenn eine deutsche Mannschaft bei einem großen internationalen Turnier vorzeitig scheitert, wird auch jetzt wieder über Grundsätzliches philosophiert. Ein Weg in eine erfolgreichere Zukunft, so Lee, sei die Konzentration der Nationalspielerinnen an einem Standpunkt. So wie es die Teams aus Holland und Aserbaidschan praktizieren, die bei der EM an den Deutschen vorbeimarschiert sind: «Wenn ich das Team zwei Jahre für mich hätte, würden wir eine Olympiamedaille gewinnen», hat der Bundestrainer der Nachrichtenagentur sid verraten.
Wer die Vereinsstruktur in Deutschland und die fehlenden finanziellen Möglichkeiten des DVV kennt, weiß, dass dieser Wunsch des Koreaners eine Utopie bleiben wird. Lee bleibt auch in Zukunft nichts anderes übrig, als den Mangel zu verwalten. Der Trainer selbst muss nach dem EM-Debakel nicht um seinen Job fürchten. Ihm könne man «die Schuld für das Scheitern nicht in die Schuhe schieben», hat DVV-Präsident Werner von Moltke deutlich gemacht.
