16.09.2005
Herausgeber: netzeitung.de
Volleyballerin Grün wieder Hoffnungsträgerin
Für Volleyball-Bundestrainer Hee Wan Lee wäre ein Platz unter den ersten Acht bei der EM schon ein Erfolg. Präsident Werner von Moltke gibt sich da schon sehr viel forscher.
Im Grunde genommen ist einer wie Hee Wan Lee als gebürtiger Koreaner ja schon genetisch dazu auserkoren, stets zurückhaltend aufzutreten. Und daran hat sich der 44-Jährige bislang stets gehalten, seit er vor rund sieben Jahren das Amt als Bundestrainer der deutschen Volleyballerinnen übernommen hat.
Nur wenige AusreißerLee liebt es, tief zu stapeln, wenn er vor internationalen Großereignissen nach Prognosen und Zielen gefragt wird. Bislang ist der in Leverkusen wohnhafte Wahl-Rheinländer mit dieser Methode durchaus gut gefahren, die Ergebnisse, die er mit seinem Team abgeliefert hat, sind bis auf wenige Ausreißer aller Ehren wert.
Im Gegensatz zu ihren männlichen Kollegen haben Deutschlands Frauen unter der Ägide des stillen Volleyball-Lehrers die Qualifikation zu den Olympischen Spielen in Sydney und Athen geschafft, zudem sind sie 2003 von der Europameisterschaft in der Türkei mit Bronze dekoriert zurückgekehrt.
Mit achtem Platz zufriedenFür Hee Wan Lee sollte es nach den gemachten Erfahrungen also keinen Grund geben, von seiner Marschroute abzuweichen. Und deshalb hat er vor Beginn der EM, die von Samstag bis zum 25. September in Kroatien stattfindet, auch bekannte Statements von sich gegeben. Er sei bereits «zufrieden, wenn wir die Vorrunde überstehen und unter die besten acht kommen», hat Lee gesagt.
Doch im Vergleich zu früheren Turnieren hat der Bundestrainer für die moderaten Töne dieses Mal handfeste Argumente. Von dem Ensemble, das sich in Istanbul und Athen als so großartig funktionierende Mannschaft präsentiert hat, müssen in Zagreb gleich vier Aktricen ersetzt werden.
Vier Stammspielerinnen fallen ausAußenangreiferin Atika Bouagaa laboriert seit Monaten an einem Haarriss im Schienbein, Birgit Thumm ist nach einem Bänderriss noch nicht wieder genesen, Judith Sylvester erwartet im Dezember ein Kind und Tanja Hart hat sich nach den Olympischen Spielen eine Nationalmannschafts-Auszeit genommen.
Vor allem der Ausfall der besten deutschen Zuspielerin wiegt schwer, was Jürgen Schulz, Sportdirektor des Deutschen Meisters USC Münster, vor wenigen Tagen am Rande des Testspiels gegen die Niederlande zur Forderung bewogen hat, «es sollten sich alle Parteien mal an einen Tisch setzen. Tanja muss spielen, sonst sieht es für das deutsche Team in Zukunft nicht gut aus.»
Nachwuchs noch zu unerfahrenBei der EM wird das definitiv nicht der Fall sein, und deshalb werden in Kroatien Julia Schlecht und Nadja Jenzewski die Fäden ziehen. «Ein Handicap», wie Lee erkannt hat.
«Die Mädchen geben sich viel Mühe, unterliegen aber noch großen Leistungsschwankungen, weil sie international noch nicht so viel gespielt haben», sagt Lee.
Starke VorrundengegnerKeine idealen Voraussetzungen also in einer Vorrunde, die das deutsche Team mit Gegnern wie Serbien & Montenegro, Aserbaidschan, Titelverteidiger Polen, Kroatien und Rumänien zusammenführt.
In dieser Gruppe, sagt Lee, «müssten wir eine Sensation schaffen, um uns für das Halbfinale zu qualifizieren. Oder die anderen stellen sich zu blöd an.» Werner von Moltke beurteilt die Lage weit weniger skeptisch. Der Präsident des Deutschen Volleyball-Verbandes (DVV) tritt seit jeher als Pendant zum mahnenden Bundestrainer auf und formuliert seine Erwatungshaltung so, wie er ist: Optimistisch, offensiv und ohne falsche Bescheidenheit.
Sehr hohe Erwartungen von MoltkeZu Beginn dieser Woche wurde der Graf in der «Münsterschen Zeitung» zitiert, er würde es schon gerne sehen, wenn seine Volleyballerinnen «aus Kroatien eine Medaille mitbringen».
Als er damit konfrontiert wurde, ist Lee richtiggehend zusammengezuckt und hat gefragt, «wie soll das denn gehen?» Reden könne man ja viel, hat er von Moltke ins Stammbuch geschrieben, «aber er soll sich erst mal anschauen, welchen Kader ich jetzt habe».
Hoffnungsträgerin GrünVielleicht macht ja mal wieder Angelina Grün den Unterschied. Nach dem personellen Aderlass lastet auf den Schultern der mit Abstand besten deutschen Spielerin dieses Jahrzehnts noch mehr Verantwortung als ohnehin schon: Kapitän, Hauptangreiferin, guter Geist und Bindeglied zum Trainer – die 25-Jährige, die ihr Geld als Profi in Italien verdient, vereinigt viele Rollen in ihrer Person.
Dabei mag sie «den Begriff Star nicht und Superstar schon gar nicht», was nichts daran ändert, dass das Gelingen der EM-Mission mehr denn je von der 186-fachen Nationalspielerin abhängt.
Lees Name als VerpflichtungWie gut, dass Angelina Grün ihre Sprunggelenksprobleme rechtzeitig vor dem Auftaktspiel auskuriert hat. «Langsam kommt sie wieder in Form», hat Hee Wan Lee erkannt.
Und so kann auch der Bundestrainer ein wenig Hoffnung schöpfen. Immerhin hat er schon früher als Spieler oft genug bewiesen, dass er trotz seiner introvertierten Art ein echter Kämpfer ist. Getreu seinem Motto: «Gib jederzeit Dein Bestes.» Da ist allein der Name Verpflichtung, schließlich bedeutet Hee Wan in unsere Sprache übertragen: «Eine Sache mit Spaß zu Ende bringen.»