Sprinter Unger will deutschen Rekord knacken
23. Mai 2005 09:34
 |  Tobias Unger beim EM-Sieg in Madrid. | Foto: dpa |
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Tobias Unger ist Deutschlands bester Sprinter. Bei der WM in Helsinki will er über 200 Meter persönliche Bestzeit laufen, wie er im Interview mit der Netzeitung sagte.
Seit gut zwanzig Jahren war kein deutscher Sprinter mehr so schnell wie Tobias Unger. Der 25 Jahre alte Hallen-Europameister gilt als die Hoffnung des Deutschen Leichtathletik-Bundes (DLV) für die Olympischen Spiele 2008. 20,30 Sekunden sind Ungers Bestzeit über 200 Meter, sieben Hundertstel langsamer als der deutsche Rekord (20,23) von 1985. Unger, der bei LAZ Salamander Kornwestheim/Ludwigsburg trainiert, sagt im Interview mit der Netzeitung: «Wenn alle guten Bedingungen zusammenkommen, kann es aber schon passieren, dass ich ihn schlage. Ich renne diesem Rekord aber nicht hinterher.»
Ein guter Zeitpunkt für den Angriff auf die Bestmarke wären die Weltmeisterschaften in Helsinki im August. So wie im vergangenen Jahr bei den Olympischen Spielen in Athen will Unger dann «ins Finale».
«Habe kaum Freizeit»
Netzeitung: Wie sieht der Tagesablauf des zurzeit besten deutschen Sprinters aus?Tobias Unger: Ich trainiere morgens um sieben ein erstes Mal. Danach fahre ich nach Tübingen zur Uni, wo ich Sportmanagement studiere. Am frühen Abend treffen mein Trainer Micky Corucle und ich uns erneut. Das ist schon nicht ganz einfach, ich habe kaum Freizeit. Erst wenn die Wettkampfsaison beginnt, wird es etwas lockerer. Dann habe ich auch mal ein Wochenende frei.
Netzeitung: Sie haben ihr Training mal als «Ostblockmethode» bezeichnet. Was meinten Sie damit?
Unger: Micky Corucle ist Rumäne. Das mit der «Ostblockmethode» ist nicht abwertend gemeint. Im Gegenteil. Er verlangt Disziplin und kann streng sein. Mir kommt das absolut zugute.
«Ich lebe für den Sport»
 |  Eine Schrittlänge von 2,70 Meter: Tobias Unger beim Start. | Foto: dpa |
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Netzeitung: Das stimmt wohl, in den vergangenen zwei Jahren haben Sie geradezu eine Leistungsexplosion durchgemacht. 2004 waren Sie bei den Olympischen Spielen in Athen der einzige weiße Sprinter im Finale.Unger: Seit zehn Jahren trainiere ich kontinuierlich bei Mickey Corucle, der mich langsam aufgebaut hat. Aber es gehört nicht nur das richtige Training dazu, sondern auch, gesund zu bleiben. Ich hatte eine längere Verletzung an der Achillessehne, und am Fersenspann habe ich mich 2001 operieren lassen müssen. Danach habe ich einen guten Physiotherapeuten in meiner Heimatstadt Wendlingen gefunden, der hält mich seitdem immer schön verletzungsfrei. Außerdem bin ich konsequenter geworden. Ich habe mein Training erhöht – man kann sagen, ich lebe nur für den Sport.
Netzeitung: Muss ein Sprinter einen bestimmten Körperbau haben, um schnell zu sein?
Unger: Es gibt viele Sprinter, die mit Masse laufen. Ich lebe von meiner Schrittlänge und einer guten Technik. Andere machen es über Kraft.
Netzeitung: Und was ist das für eine Schrittlänge?
Unger: So um die 2,70 bis 2,75 Meter.
Netzeitung: Ist das optimal für Ihre Körpergröße?
Unger: Sie könnte etwas länger sein.
Orientiere mit an den Großen
Netzeitung: Sehen Sie sich in der Tradition von Armin Harry oder haben Sie ein anderes Sprinter-Idol?Unger: Harry war der erste, der über 100 Meter die 10,0 Sekunden gelaufen ist. Da staunt man schon, was der so alles erreicht hat. Ich orientiere mich an denen, die deutsche Rekorde über 100 oder 200 Meter aufgestellt haben. Denn irgendwann will ich ja auch so einen Rekord.
Netzeitung: Sie gelten als die große Sprinterhoffnung. Macht Ihnen das Angst?
Unger: Angst macht mir das nicht. Der psychische Druck ist schon groß. Allerdings muss ich auch sagen, dass ich mir diese Stellung selbst erarbeitet habe. Es macht mich stolz, zu sehen, was ich schon erreicht habe.
Netzeitung: Haben Sie für das Istaf in Berlin gemeldet?
Unger: Ja, habe ich. Bei den Golden-League-Meetings gibt es aber das Problem, dass die 100 Meter im Programm sind. Ich werde deshalb verstärkt die kurze Distanz laufen und will meine Bestzeit verbessern. Von daher lassen wir es auf uns zukommen, wo ich sonst noch starten werde.
«Man darf niemanden verurteilen»
Netzeitung: Nach den Meetings steht im August die Weltmeisterscahft in Helsinki an. Fragen Sie sich manchmal, wer neben Ihnen in den Startblöcken gedopt sein könnte?Unger: Unmittelbar am Start denke ich nur noch an meinen eigenen Lauf. Klar ist, dass die Dopingrichtlinien nicht überall so konsequent durchgesetzt sind wie in Deutschland. Man darf aber niemanden, der schneller ist, gleich verurteilen. Wer dopt muss das mit sich selbst ausmachen. Es gibt immer schwarze Schafe. Das weiß man als Athlet, darf sich aber nicht verrückt machen lassen. Deshalb trainiere ich genauso weiter.
Netzeitung: Wie oft sind Sie in diesem Jahr schon auf Dopingmittel getestet worden?
Unger: Bislang fünf Mal, alles unangemeldete Kontrollen während des Trainings. An die Iaaf muss man regelmäßig eine Drei-Monats-Trainingsübersicht abschicken, und die stehen dann einfach irgendwann vor der Stadiontür.
«Will mit 40 noch leben»
Netzeitung: Muss man davon ausgehen, dass in der Leichtathletik weltweit – also auch innerhalb Europas – reichlich gedopt wird?Unger: Ja. Ich denke, dass da schon noch viel im Argen liegt. Es wird immer einen Kampf zwischen denen geben, die Substanzen nachweisen und den Labors, die Drogen herstellen, die noch nicht nachgewiesen werden können. Ich befasse mich damit relativ wenig. Für mich kommt Doping überhaupt nicht in Frage, denn ich möchte auch mit 40 noch in den Spiegel gucken können. Das muss jeder Athlet mit sich selbst vereinbaren. Ich laufe vor allem, weil es mir Spaß macht.
Netzeitung: Sie haben gesagt, Sie würden nirgends an den Start gehen, wo auch der griechische Sprinter Kostas Kenteris läuft...
Unger: Ja, wenn er in Deutschland laufen würde. Auf andere Meetings habe ich ja keinen Einfluss. Es wird schon was an den Dopingverdächtigungen gegen ihn dran sein. Vor allem wenn man daran denkt, dass er immer nur bei Weltmeisterschaften, EM’s und Olympischen Spielen startet und eben nicht bei Meetings, wo er angreifbar ist.
Netzeitung: Was ist Ihr Ziel für die WM?
Unger: Ich möchte meine Bestzeit laufen. Die liegt bei 20,30 Sekunden.
Mit Bestzeit ins Finale
Netzeitung: Was kann man mit dieser Bestzeit erreichen?Unger: Das Finale ist damit eigentlich drin. Aber bei so einem Turnier muss man sich steigern und auf den Punkt fit sein. Wenn ich das Halbfinale erreiche, bin ich zufrieden. Alles, was darüber hinaus geht, wäre top.
Netzeitung: Fällt dieses Jahr der fast 20 Jahre alte deutsche 200-Meter-Rekord des Magdeburgers Frank Emmelmann von 20,23 Sekunden?
Unger: Ein Wunschkonzert ist das leider nicht. Aber natürlich habe ich mir vorgenommen, dass ich so nahe wie möglich an den Rekord ranlaufe. Letztes Jahr habe ich das schon mal geschafft. Aber ich bin ehrlich: Mir ist es lieber, die 20,30 Sekunden konstant zu laufen, als einmal im Leben 20,20 Sekunden - und dann nie wieder. Wenn alle guten Bedingungen zusammenkommen, kann es aber schon passieren, dass ich ihn schlage. Ich renne diesem Rekord aber nicht hinterher.
Netzeitung: Was ist Ihnen denn wichtiger? Ein guter Abschluss in Sportmarketing oder bei den Olympischen Spielen in Peking 2008 vorne mit dabei zu sein?
Unger: Wenn ich es mir aussuchen könnte, dann würde ich in Peking 2008 vorne mit dabei sein wollen.
Das Interview mit Tobias Unger führte Dorothea Jantschke.