13.09.2004
Herausgeber: netzeitung.de
Drechsler schafft späten Absprung
Heike Drechsler hat sich beim Internationalen Stadionfest in Berlin vom deutschen Publikum verabschiedet. Das beschlossene Karriere-Ende bereitet der Weitspringerin aber immer noch Probleme.
Die Tränen kamen erst Stunden nach dem letzten Sprung. Nachdem Heike Drechsler zu Beginn des 63. Internationalen Stadionfestes (Istaf) das Verpassen des Weitsprungfinales noch schnell verarbeiten konnte, überrollten die 39-Jährige, die bei der abschließenden Siegerehrung gemeinsam mit den allen Gewinnern auf dem Podium stand, dann doch noch die Emotionen. «Es ist ein bisschen zum Heulen. Ich bin ziemlich beeindruckt. Mir fehlen die Worte», sagte die zweimalige Olympiasiegerin und Weltmeisterin beim Abschied, der von 61.150 Zuschauern im Berliner Olympiastadion begleitet wurde.
Letzter Sprung in GeraMit 5,92 und 5,90 Metern belegte Drechsler nur den neunten Rang. Zeit für Trauer ließ sich die 39-Jährige danach nicht. «Klar wollte ich besser springen als auf der Anzeigentafel stand. Aber gut, das ist jetzt vorbei.» Mit einem großen Wettkampf in Yokohama und einem kleineren Meeting auf Tahiti («Die habe ich früher immer weg gelassen») sowie einzelnen Wettkämpfen in der Hallensaison lässt die Athletin nun ihre lange und sehr erfolgreiche Karriere langsam ausklingen.
«Im März werde ich mit verschiedenen Wegbegleiterinnen wie Weltrekordlerin Galina Schistjakowa aus Russland oder Jackie Joyner ein Abschiedsspringen in Karlsruhe veranstalten. Im Mai kommenden Jahres ist eine letzte Veranstaltung im ‚Stadion der Freundschaft’ in Gera geplant.» Dort, wo Drechsler im Dezember vor 40 Jahren geboren wurde.
Traum endet spätDass sie so lange im Leistungssport aktiv blieb, kann zuletzt aber nicht mehr mit ihren Leistungen erklärt werden. Drechsler hatte bis zu diesem Jahr einfach noch nicht den rechten Absprung geschafft. Der Spruch «der Traum vom Fliegen und das Gefühl nicht loslassen zu können, von dem, was man am besten kann, ist es, was mich nach 20 Jahren immer noch in eine Sandgrube springen lässt», begrüßt jeden Interessenten ihrer Homepage und verrät, dass sie nicht loslassen kann. Auch in diesem Jahr träumte sie noch lange vom Flug zu den Olympischen Spielen in Athen.
Erst kurz vor den Deutschen Meisterschaften in Braunschweig hatte sie den Traum beendet. «Ich muss einsehen, dass mein Leistungspotential momentan nicht für die erforderlichen Weiten reicht. Ich kann jetzt leider nicht um Titel springen - weder national noch international. Daher muss ich meine Titelpläne und damit auch Olympiaplanungen streichen», so Drechsler Anfang Juli, fünf Wochen vor Beginn der Sommerspiele.
«Man merkt, dass es nicht mehr geht»In Braunschweig trat sie trotzdem an. Doch bereits nach dem ersten Sprung musste die Wahl-Karlsruherin den Wettkampf wegen einer Oberschenkelverletzung aufgeben. «Braunschweig war sicher ein Knickpunkt», so Drechsler am Sonntag. Zuvor hatte sie sich ein Jahr bereits gequält, um doch noch die Qualifikation für Athen zu schaffen. Doch schon da fielen ihr «manche Einheiten schwer».
Nach der Verletzung von Braunschweig aber kam «die bittere Realität. Weiten von 6,60 oder 6,70 Metern waren unrealistisch. Man gibt sich Mühe, aber man merkt auch, dass es nicht mehr geht.» So folgte der Absprung, den manche Sportfunktionäre schon vor einem Jahr gefordert hatten, beim Istaf.
In Athen schon auf der anderen SeiteUnd auch da kam wieder Wehmut auf. «Wenn ich das hier sehe, würde ich gerne noch zehn Jahre bekommen», sagt Drechsler, schiebt aber auch gleich hinterher: «Jetzt sind die anderen dran.»
In Athen konnte sie sich bereits als Kolumnistin engagieren und sah auch mal die Sportler von der anderen Seite. «Als Wettkämpferin bist du auf einen Wettkampf, auf einen Tag fokussiert. In Athen konnte ich das Drumherum genießen, obwohl ich gesehen habe, was die Journalisten von früh bis spät zu arbeiten hatten.»
Mit Herzen immer SportlerinIn Zukunft wird Drechsler in der Nachwuchsarbeit dem Sport erhalten bleiben. Bisher lediglich in Diensten einer Krankenkasse, doch Gespräche mit dem Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) habe es auch schon gegeben.
Auch wenn sie jetzt auf ihre Karriere zurückblickt, kommt doch immer wieder zum Vorschein, dass der Absprung der Vorzeigeathletin gedanklich noch nicht ganz vollzogen ist. «Ich kann zufrieden sein. Ich hatte Erfolg und eine gelungene Karriere», sagt Drechsler, «aber mit dem Herzen werde ich immer Sportlerin bleiben.»