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Mielkes liebstes Spielzeug

10. Jun 2004 09:48, ergänzt 12:09
Erich Mielke
Die Einflussnahme und Durchdringung des DDR-Fußballs durch den Staat ist bisher nur unzureichend erörtert worden. Der Politologe Hanns Leske liefert nun die erste umfassende wissenschaftliche Analyse.

Fußball in der DDR – das ist nicht nur die Geschichte des Jahrhundert-Tors von Jürgen Sparwasser gegen die BRD bei der WM 1974 oder dem Erfolg des 1. FC Magdeburg im Europapokal der Pokalsieger im selben Jahr. Der Volkssport Nummer eins in der deutschen demokratischen Republik ist nicht ausschließlich durch Traditionsmannschaften wie dem achtmaligen Meister Dynamo Dresden, Carl-Zeiss Jena oder Lokomotive Leipzig geprägt. 40 Jahre DDR-Fußball sind auch gekennzeichnet durch massive politische Einflussnahme der Stasi, Bespitzelung von Mitspielern und die Bevorzugung des Serienmeister BFC Dynamo Berlin.

Genau dieser unheilvollen Seite des Fußballsports im sozialistischen Arbeiter- und Bauernstaat hat sich der Berliner Politologe Hanns Lekse mit seinem Buch «Erich Mielke, die Stasi und das runde Leder» gewidmet. Das 565 Seiten starke Werk, das im Verlag «Die Werkstatt» erschienen ist, gibt einen bis dato einmaligen Ein- und Überblick in die Machenschaften der Stasi und die permanenten staatlichen Eingriffe in den Spielbetrieb der DDR-Ligen, die den Sport zum Politikum machen sollten. «Das ist das erste Buch, das so umfassend die Geschichte des DDR-Fußball darstellt», lobt Enno Brand vom zuständigen Verlag. Im Vergleich zum reich bebilderten Standard-Werk «Die Geschichte der DDR-Oberliga» gehe dieses Buch in die Tiefe, «mit diesem Buch eckt man an, es behandelt ein Thema, über das nicht gern gesprochen wird», so Brand.

Nicht alle Zeitzeugen sind kooperativ

Das musste der 1950 in Berlin geborene Leske bei seinen Recherchen zu der als Dissertation vorgelegten Arbeit an eigener Haut feststellen. Der Politikwissenschaftler öffnete jahrelang Archive, hatte Einblick in Stasi-Unterlagen, verglich DDR-Presseberichte und befragte Zeitzeugen. Und genau bei diesen stieß er teilweise auf Widerstand. So erfolgreiche und populäre Personen wie der heutige Cottbuser Trainer Eduard Geyer oder der zuletzt bei Hertha BSC unter Vertrag stehende Hans Meyer haben jahrelang der Stasi zugearbeitet – die Auswertungen der Stasi-Akten belegen dies.

Meyer sicherte Leske zunächst seine Zusammenarbeit zu. «Doch nach einem Spiegelartikel im Jahre 2001 über seine IM-Tätigkeit hat er den Kontakt zu mir brüsk abgebrochen», berichtet der Autor. Meyer soll Leske vorgeworfen haben, die Einsicht in seine Stasi-Akten sei unrechtmäßig. Bei Geyer hat Leske erst gar nicht versucht, nachzufragen. «Der hätte mir eh nichts gesagt», ist er sich sicher.

Trotz allem hat Leske genug Informationen zusammengetragen und ausgewertet, die zutage fördern, dass der DDR-Fußball in einer Weise von Staatsseite gelenkt wurde, «wie man es sich gar nicht vorstellen kann», merkt Klaus Schröder, der Leiter des Forschungsverbundes SED-Staat an der FU Berlin, an. In diesem Zusammenhang geht der Erzähler besonders ausführlich auf die Rolle des DDR-Serienmeisters BFC Dynamo Berlin ein. Der Lieblingsklub von Stasi-Chef Erich Mielke ist das Zentrum der Wettbewerbsverzerrung.

BFC Dynamo Berlin: Der bevorzugte Klub

Von der Oberliga-Saison 1978/79 bis zur Spielzeit 1987/88 wurde der BFC Dynamo zehnmal hintereinander DDR-Meister. Und dies geschah nicht wegen der zweifellos vorhandenen sportlichen Qualität der einzelnen Spielerkader. Vielmehr «musste nach dem Willen Mielkes und seiner MfS- und Polizeihelfer der Klub jedes Jahr Titelträger werden», wie Leske schreibt. Die Spiele sind auf verschiedene Arten verschoben worden. Direkte Einflussnahme gab es durch dubiose Schiedsrichterentscheidungen zugunsten des BFC. «Es wurde so gepfiffen, dass der Sieg oder der Punkt für den BFC gesichert war», sagt Leske.

Er führt exemplarisch Partien aus den 70er und 80er Jahre auf, in denen offensichtliche Schiebereien stattgefunden haben. Anhand von Unterlagen des Fußballverbandes (DFV) und der Stasi werden konkrete Manipulationen nachgewiesen. Auch überregionale und regionale DDR-Zeitungen belegen dies. Selbst das Parteiorgan «Neues Deutschland» fing Mitte der 80er Jahre an, auf die Wettberwerbsverzerrung einzugehen. Beim Fußballvolk hatten die irregulär zustande gekommenen Ergebnisse schon lange für heftigen Zorn gesorgt: Tausendfach schallte «Schiebermeister BFC» durch die Stadien der DDR. Kein Wunder, dass der Zuschauerzuspruch in den 80er Jahren rapide bergab ging.

Der Autor dokumentiert sogar Eingaben und Beschwerden von SED-Mitgliedern und Angehörigen der Schutz- und Sicherheitsorganen beim Zentralkomitee (ZK), denen die manipulierten Spielausgänge auf die Nerven gingen. Leske: «Die Beschwerdeführer machten sich Sorgen um den reinen sozialistischen Sport.»

Aus reiner Zuneigung zum BFC Dynamo haben die Unparteiischen nicht die anderen Teams benachteiligt. Ihnen wurden Privilegien zuteil. Ausreisen ins westliche Ausland wurden erleichtert. Zu den sogenannten «Reisekadern» zu gehören, war für die Schiedsrichter sehr verlockend.

Verschobene Spiele schon 1953

Doch auch indirekt wurde die Benachteiligung der restlichen Oberligisten gesteuert. Leistungsträger von anderen Teams bekamen ungerechtfertigte Gelbe Karten, die eine Sperre nach sich zogen. Mannschaften, die dem Berliner Stasi-Klub gefährlich werden konnten, wurden verpfiffen. Zudem wurden die besten Spieler anderer Vereine in die Hauptstadt delegiert. Als Beispiel dienen die Wechsel von Frank Pastor, dem Torjäger von Chemie Halle 1984, und dem späteren HSV- und Italien-Profi Thomas Doll von Hansa Rostock.

Leske verweist auf Bestechungen und verschobene Spiele bereits im Jahre 1953. Diese stehen im engen Zusammenhang mit der besonderen Struktur und Rolle des DDR-Fußballs. Die Macht im Fußball lag bei den Statthaltern der SED-Macht in den Provinzen, bei den 1. Sekretären der SED-Bezirksleitungen. Diese sogenannten Bezirksfürsten hielten sich Fußballvereine wie ihr Lieblingsspielzeug. Und waren natürlich daran interessiert, Erfolge zu feiern – auch wenn sie nicht ganz sauber zustande kamen.

In diesem Zusammenhang ist es bemerkenswert, dass es in der zentralistisch strukturierten DDR und im gleichsam zentralistisch gelenkten Sportsystem vierzig Jahre nicht gelang, die gleiche Organisationsstruktur wie in anderen Gesellschafts- und Sportbereichen auch im Fußball zu installieren. Der Autor sieht darin auch die zentrale Ursache für die sportlichen Misserfolge im DDR-Fußball im Vergleich zu den anderen Sportarten.

Die Stasi und das System der Überwachung

Ein weiteres Schwerpunktthema des Werkes ist das eng verwobene Netz der Staatssicherheit und ihrer Spitzel. Anhand mehrerer Beispiele beschreibt Leske die Anwerbung zum IM (Inoffizieller Mitarbeiter) der Stasi, die Art und das Ausmaß ihrer Mitarbeit. Fußballspieler und auch Fußball-Lehrer arbeiteten gleichsam für das Ministerium der Staatssicherheit (MFS). Leske kommt zu dem Schluss, dass die Mannschaft von Dynamo Dresden auch als Betriebssportgemeinschaft des MfS hätte auflaufen können.

Durch seine Sichtung von Stasi-Akten hat er herausgefunden, dass in den 70er und 80er Jahren mehr als die Hälfte der Spieler IM's des MfS waren. Hinzu kamen Trainer Eduard Geyer (IM «Jahn»), der Arzt und der Physiotherapeut. Der später bei Bayer Leverkusen so erfolgreiche Angreifer Ulf Kirsten wurde als IM «Knut Krüger» geführt. Sein Sturmpartner Frank Lippmann, der sich 1986 in den Westen abgesetzt hatte, hieß IM «Günter Scholz».

Der ehemalige DDR-Nationaltrainer Bernd Stange hat jahrelang der Stasi zugearbeitet. Von 1973 bis 1986 war er IM, danach unterhielt er offizielle Kontakte zum MfS. Leske berichtet wie Stange in Mielkes Auftrag dem geflüchteten Coach Jörg Berger im «Nichsozialistischen Wirtschaftsgebiet» (NSW) nachspürte und bei seiner Rückkehr die neugewonnenen Erkenntnisse über den «Verräter» meldete. Stange informierte über geplante Republikfluchten und bot 1976 sogar an, illegal in die Wohnung einer Bekannten einzudringen.

Abhöranlage auf der Trainerbank

Klaus Sammer, Vater von Matthias Sammer und Trainer bei Dynamo Dresden, galt als wenig linientreu, äußerte sich häufig offen systemkritisch. Dies brachte die Staatssicherheit dazu, den ungeliebten Querkopf direkt auf der Trainerbank abzuhören – eine eigens installierte Anlage machte dies möglich. Selbstverständlich waren alle Fußballmannschaften, die Spiele im westlichen Ausland hatten, permanenter Kontrolle der Stasi ausgesetzt. Leske lässt den Dynamo-Spieler und späteren Trainer Reinhard Häfner zu Wort kommen: «Wenn wir in der BRD oder auch in Holland gespielt haben, hat man immer die gleichen Leute gesehen, die sich als angebliche Fans ausgaben, von denen man jedoch schnell den Eindruck gewann, dass sie berichtet haben.»

Leske geht auch auf Spieler ein, die sich erfolgreich den Fängen der Stasi widersetzt haben. Mit dabei auch Jürgen Sparwasser, der durch sein WM-Tor 1974 gegen die BRD natürlich einen hohen Stellenwert in der DDR genoss, sich 1988 allerdings in den Westen absetzte. Freilich waren unwillige Aktive auch Repressalien ausgesetzt. Selbst wenn die Flucht in den Westen geglückt war, reichte der Arm der Stasi noch bis dorthin.

Der Fall Lutz Eigendorf

Das bekannteste Beispiel von Überwachung im «imperialistischen Westen» ist der Fall des zu Tode gekommenen Lutz Eigendorf. Leske widmet dem ehemaligen BFC- und DDR-Nationalspieler, der sich 1979 nach Westdeutschland absetzte, ein ganzes Kapitel. Die Auswertungen und Rekonstruktionen der Geschehnisse um den von Mielke gescholtenen «Verräter» lesen sich zeitweise spannend wie ein Krimi. Der von der MfS betriebene Aufwand ist immens. Eigendorf und seine Familie werden nach seinem Verschwinden rund um die Uhr überwacht. Allein 17 IM beschatten seine Ehefrau und die Eltern. Vier nach Westdeutschland eingeschleuste IM observieren den Flüchtling. Insgesamt waren 50 hauptamtliche Stasi-Mitarbeiter mit dem Fall befasst.

1983 verunglückt der zu diesem Zeitpunkt bei Eintracht Braunschweig spielende Eigendorf bei einem Autounfall tödlich. Leskes Untersuchungen bringen ihm zu folgendem Urteil: «Die Umstände des tödlichen Verkehrsunfalls bleiben mysteriös und nähren Zweifel an der offiziellen Version eines bedauerlichen Unglücksfalls. Sie stellen jedoch keinen Beweis für die Ermordung Eigendorfs durch die Ost-Berliner Staatssicherheit dar.» Auf die von der Boulevard-Presse vorangetriebene Meinung (Bild: Eigendorf Tod durch Stasi-Gift) will er sich nicht so recht einlassen.

Keine Beschuldigungen

Überhaupt hält sich der Autor mit pauschalen Beschuldigungen aber auch Entlastungen in seinem Buch zurück. Er versucht einen sehr differenzierten Blick auf die teilweise erschreckenden Machenschaften der Stasi zu werfen. Er verharmlost die illegalen Überwachungs-Tätigkeiten der IM nicht, er überzeichnet sie aber auch nicht. Er versucht die Spitzel-Sportler und –Trainer «aus der Eingebundenheit in die Zeitgeschichte zu verstehen».

Das Buch bietet aber auch einen wunderbaren Überblick über die sportliche Geschichte des Fußballs in der DDR: Meisterschaften, erfolgreiche Teilnahme im Europapokal, Gold und Bronze bei Olympischen Spielen und natürlich der Sieg über die BRD bei der WM 1974. Im Anhang findet sich zudem ein Sportler-Lexikon von über 500 damaligen Aktiven. Da kommen sie dann doch wieder sportlich ins Spiel, die Stars wie Sparwasser, Erfolgstrainer wie Geyer, Traditionsteams wie Dynamo Dresden, der 1. FC Magdeburg...

Hanns Leske:
Erich Mielke, die Stasi und das runde Leder,
Verlag Die Werkstatt,
640 Seiten,
38 Euro


 
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