netzeitung.deAußenangreiferin Grün ist zum Topstar gereift

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Beim Schmettern: Angelina Grün (Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Beim Schmettern: Angelina Grün
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Die Damen des Deutschen Volleyball-Verbandes stehen kurz vor der Olympia-Qualifikation. Mit großem Teamgeist haben sie Weltmeister Italien bezwungen. Jetzt sammelt das Team von Angelina Grün Kraft fürs Finale.

Normalerweise gibt sich Angelina Grün stets freundlich bis euphorisch, doch als sie neulich erfahren hat, sie sei von den Lesern des Fachblattes «Volleyball Magazin» zur «Volleyballerin des Jahres» gewählt worden, hat sie die Sache relativ schnell und geschäftsmäßig abgehakt.
Grün im gelobten Land
Wer sonst außer der alles überstrahlenden Spielerpersönlichkeit, in der hierzulande so überschaubaren Szene der Netzartisten sollte auch in Frage kommen? Zum vierten Mal in Folge ist Angelina Grün als Beste ihrer Zunft gekürt worden. Das gab es noch nie, keine Ariane Radfan, keine Susanne Lahme, keine Sylvia Roll hat das geschafft. Allein dieser Umstand dokumentiert, welch überragenden Status sich die 24 Jahre alte Außenangreiferin inzwischen erschmettert hat. Und was für Deutschland wahr ist, gilt in zunehmendem Maße auch für Italien. Im gelobten Land der Volleyballer schlägt Angelina Grün seit drei Jahren auf. Erst in Modena, seit dieser Saison beim Branchenführer Radio 105 Foppapedretti Bergamo.

In dieser Zeit ist sie von einer hoch veranlagten Spielerin zu einem Topstar gereift. Mit allen Vergünstigungen, die ein solcher Status mit sich bringt: Ein gut dotierter Kontrakt beim Verein sowie ein Individualvertrag mit dem Sportartikel-Hersteller Asics, Ausrüster des Deutschen Volleyball-Verbandes (DVV).

Vor Erfüllung eines Traums
Ein solches Privileg genießt bei den deutschen Volleyballern sonst nur Stefan Hübner, der ebenfalls in Italien sein Geld verdient, und mit dem Angelina Grün liiert ist. Das Paar Angelina Grün und Stefan Hübner fungiert in der Szene hierzulande als Lokomotive einer ganzen Sportart. Das über die mit dem Verband vereinbarten Leistungen hinausgehende Engagement wird von Dieter Bauer, Geschäftsführer von Asics Deutschland, so begründet: «Wir brauchen Athletinnen wie Hübner und Grün, um Volleyball ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu transportieren.»

Bei den derzeit stattfindenden Turnieren um die Olympia-Qualifikation treten die beiden Protagonisten jedoch mit unterschiedlicher Präsenz auf: Während Hübner in Leipzig verletzt zuschauen muss, ist Angelina Grün in Baku (Aserbaidschan) mitten drin im Geschehen. Dort stehen die Deutschen am Samstag im Endspiel und können mit einem Sieg über die Türkei ihren olympischen Traum verwirklichen. Die Türkinnen setzten sich in einer Neuauflage des EM-Finales 3:1 (23:25, 25:16, 25:18, 25:18) gegen Polen durch. Im anderen Halbfinale gegen Weltmeister Italien bog das Team von Bundestrainer Hee Wan Lee beim dramatischen 3:2 (15:25, 19:25, 25:21, 25:23, 17:15) ein Spiel um, das mehrmals verloren schien und wehrte bei diesem Bravourstück unter anderem zwei Matchbälle ab.

Dabei hatten die Deutschen in der ersten Hälfte der Begegnung noch müde gewirkt, weil bereits die beiden Spiele zuvor gegen Polen und Russland über Kraft raubende fünf Sätze gegangen waren. Zu wenig Power, zu wenig Mumm, das galt in dieser Phase auch für die Chefin Angelina Grün. In den Durchgängen drei, vier und fünf rafften sich die Deutschen jedoch zu einer bewundernswerten Energieleistung auf gegen einen Kontrahenten, der zwar mit dem Vorteil eines Ruhetages in die Partie gegangen war, am Ende jedoch am unbändigen Willen des deutschen Ensembles zerbrach. Für Angelina Grün war es vor allem ein Sieg des Teamgeistes, «durch den wir immer wieder zu neuen Kräften kommen. Jetzt müssen wir sehen, dass wir bis zum Finale noch einmal auftanken.»

Die Popularität von Angelina Grün in ihrer Wahlheimat dürften solche Auftritte weiter steigern. Längst erkennt man die sprungstarke Deutsche in der 120.000-Einwohner-Stadt Bergamo auch dann, wenn sie sich außerhalb der Halle bewegt: Als sie vor einigen Wochen beim Chinesen ihr Essen bezahlen wollte, wiegelte der Restaurantbesitzer ab und bedeutete der Volleyballerin, es sei ihm eine Ehre, sie einzuladen. Und als sie auf dem Weg zu ihrem Freund an einer Autobahn-Raststätte eine Pause einlegte, kam Angelina Grün kaum zum Kaffe trinken, so viele Autogramme musste sie schreiben.

In Deutschland gibt es so etwas nicht, da agieren Volleyballer unbemerkt. Allerdings ist das Anspruchsdenken hierzulande auch nicht so hoch. Als Angelina Grün mit den Bossen von Bergamo um eine Meisterschaftsprämie feilschte, haben die Funktionäre kühl abgewunken. Man erwarte den Titel von ihr so oder so. «Das sind hier die Ansprüche», weiß Angelina Grün inzwischen. So ist das halt, wenn eine vom Mitläufer zum Star reift.