30.07.2002
Herausgeber: netzeitung.de
Franziska van Almsick genießt die Wiederkehr
Franziska van Almsick gewinnt bei ihrem ersten Auftritt im Nationalteam seit dem Desaster von Sydney EM-Gold mit der Freistil-Staffel - zudem in Weltrekordzeit. Ihr für den Moment wiedererlangtes Glück soll Bestand haben.
Der erste Tag der Schwimm-Wettbewerbe bei den Europameisterschaften in Berlin endete standesgemäß. Franziska van Almsick ließ in der Pressekonferenz auf sich warten, und
Sandra Völker (l.), Franziska van AlmsickFoto: Bongartslange sah es so aus, als würde sie dort überhaupt nicht mehr erscheinen. Als schon keiner mehr an ihr Stelldichein glaubte, tauchte sie doch noch auf - allein. Längst waren da ihre Teamkolleginnen aus der in Weltrekordzeit (3:36.00) siegreichen 4 mal 100 Meter Freistil-Staffel schon wieder entschwunden: Katrin Meißner etwa, Sandra Völker und Petra Dallmann.
Geglückte Wiederkehr«Ich bin im Moment ein bisschen leer», waren die ersten Worte von van Almsick. Immerhin lag ihr letztes internationales Rennen im Schwimmdress der deutschen Mannschaft zwei Jahre zurück, und sie gab zu, dass es «ein komisches Gefühl» gewesen sei, «als ich in den Badeanzug gestiegen bin». Umso schöner fiel deshalb das Gefühl aus, dass sie nach der gelungenen Rückkehr empfand: «Ich genieße das einfach, sauge es ein bisschen auf.»
Van Almsick war mit beachtlichem Vorsprung als Schlussschwimmerin ins Rennen gegangen, und am
Ende sprang eine vielversprechende Zeit heraus. Mit 53:64 Sekunden war sie zwar fünf Hundertstel langsamer als Völker, der Hamburgerin gelang allerdings auch ihre schnellste je auf dieser Strecke geschwommene Zeit (53:59).
Und weil auch Katrin Meißner als Startschwimmerin wie von ihr erhofft in 54:82 unter 55 Sekunden blieb und dazu noch Petra Dallmann (53:95) glänzte, stand am Ende der überlegene Triumph vor den verblüfften zweitplatzierten Schwedinnen (3:40,66).
WeltrekordDie persönlich
Franziska van AlmsickFoto: ddperzielten Zeiten waren aber bald kein Thema mehr, sondern die Verbesserung der von den US-Amerikanerinnen ausgerechnet in Sydney erzielten Weltrekordzeit um immerhin 61 Hundertstel. Dieser so zustande gekommene Auftakterfolg in der Staffel, ahnte Völker, könnte noch seine klassische Aufgabe erfüllen: nämlich «das gesamte Team anstecken». Van Almsick drückte es so aus: «Jetzt haben wir kleine Flügel auf dem Rücken.»
Im letzten Jahr bei den Weltmeisterschaften im japanischen Fukuoka ergab sich das so, als Staffelgold über eben jene Strecke Auftakt war für den Gewinn 14 weiterer Medaillen (3-6-6). Dort schwamm Antje Buschschulte anstelle der von einem Bandscheibenvorfall geplagten Franziska van Almsick mit, und die Berlinerin konnte so nichts zur Rehabilitierung nach dem Desaster bei den Olympischen Spielen beitragen, als der Deutsche Schwimm-Verband mit der kargen Ausbeute von drei Bronzemedaillen zurückkehrte. Nur zu gern aber hätte sie das gewollt, denn ihr Ruf hatte gelitten in Australien.
Schlechte ErinnerungenTeamkollegen berichteten damals, van Almsick habe nach dem wenig erfreulichen vierten Platz mit der Staffel als erste zu stänkern begonnen. Als sich ihre Leistung auch im weiteren Verlauf der Spiele nicht einstellte, sah sie sich in einer deutschen Zeitung mit dem boshaften Titel «Franzi van Speck» konfrontiert. Van Almsick hat das nicht vergessen. «Ich möchte die Erlebnisse von damals niemals wieder machen», sagte sie. Sie ist erfreut darüber, dass es nun im Team «einen Zusammenhalt gibt, den ich so gar nicht kenne»; sie glaube zudem, dass die Mannschaft gemerkt habe, «dass ich aus meinen Fehlern gelernt habe».
Vielleicht ist das Verständnis füreinander tatsächlich gewachsen. Immerhin war es Sandra Völker, die das Fehlen von «Franziska» zu Beginn der PK entschuldigen ließ. Sie müsse noch ausschwimmen, schließlich habe sie am Dienstag mehrere Rennen, teilte Völker freundlich mit, nicht schnippisch. In den kommenden Tagen will van Almsick jedenfalls an ihre zum Auftakt gezeigte Leistung anknüpfen. Am Samstag soll es dann die Goldmedaille auch im Einzelwettbewerb geben; auf ihrer Weltrekordstrecke (1:56.78), den 200 Meter Freistil. Niemand ist in diesem Jahr über diese Distanz schneller gewesen als sie (1:57.74).