27.07.2009
Herausgeber: netzeitung.de
Ziel erreicht - ohne Doping?
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Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Die Tour de France 2009 ist ohne Dopingfall zu Ende gegangen - eigenwillige Methoden des Veranstalters haben dafür gesorgt: neuer Chef, neue Dopingfahnder, Medienkontrolle. Nicht nur bei Alexander Ludewig bleiben Zweifel.
Die Veranstalter der 96. Tour de France haben nun wirklich alles getan, die Frankreich-Rundfahrt in diesem Jahr drei Wochen ohne negative Schlagzeilen auskommen zu lassen. Während im Vorjahr die französische Anti-Doping-Agentur AFLD für die Kontrollen der Fahrer zuständig war und schnell Erfolge nachweisen konnte, überließ die Amaury Sport Organisation Aso diesmal dem Radsport-Weltverband UCI die Hoheit über die Blutwerte.
Und plötzlich ist die Tour sauber. Während die AFLD 2008 acht Tätern auf die Spur kam, haben die UCI-Kontrollen bisher nichts gebracht. Wie der Weltverband seine Arbeit in Sachen Antidoping wahrnimmt, zeigt eine kleine Anekdote von der siebten Etappe. Im Zielort Andorra Arcalis ließen sich Ärzte und UCI-Kommissäre von der Astana-Mannschaft erstmal zum Kaffee einladen, bevor sie Alberto Contador, Lance Armstrong, Andreas Klöden und Levi Leipheimer knapp eine Stunde später kontrollierten. Die Zeit konnten die Fahrer des dominierenden Teams sicher gut gebrauchen - natürlich nur, um sich von der schweren Etappe mit Bergankunft zu erholen.
NachkontrollenAFLD-Chef Pierre Bordry, über die Ausbootung seiner Vereinigung schon vor der Tour verärgert, fand die Nachlässigkeiten wenig erfreulich und unterstellte der UCI, dass einige Fahrer wohl Sonderrechte genießen würden. Mit einem gezielten Paukenschlag meldete er sich dann während der sonntäglichen Feierlichkeiten auf den Champs Elysees zu Wort. Mit der Meldung, dass die eingelagerten Proben von 15 der besten 20 Fahrer der Tour 2008 nachkontrolliert werden, störte er die Doping-Ruhe gewaltig. Auch weil es sieben von diesen 20 Fahrern wieder unter die Top 20 geschafft haben.
Eigentlich ein ganz normaler Vorgang. Gerade um Dopingsünder auch noch im Nachhinein überführen zu können, werden Blutproben ja eingelagert. Doch Peloton und Umfeld der diesjährigen Tour gefällt das Bild des angeblich sauberen Sports so sehr, dass man flugs auf den Miesmacher einschlug. «Bordrys Ego ist etwas zu groß geworden», lästerte Milram-Teamchef Gerry van Gerwen. Rolf Aldag, nach Selbstauskunft ein Doper und jetzt Sportdirektor des Columbia-Teams, unterstellte gar finanzielle Interessen: «Der Anti-Doping-Kampf ist ein großes Geschäft. Da muss man sich vielleicht ins Gespräch bringen.»
Ziemlich dreistVor dem Hintergrund, dass gerade der Radsport mit «allen Mitteln» um ein sauberes Image kämpft, um die Gunst der Sponsoren nicht zu verlieren, sind diese Aussagen ziemlich dreist. Und entsprechende «Mittel» hat der Tour-Veranstalter einige. Ebenso wie die Aso gehört auch die Sportzeitung
L'Equipe zur Pressegruppe Editions Phillipe Amaury (Epa). Seit dem Herbst 2008 hat die Epa sehr viel in Bewegung gesetzt, um unangenehme Themen erst gar nicht aufkommen zu lassen.
Patrice Clerc, bis 2008 noch Aso-Chef mit dem Ruf eines entschlossenen Antidoping-Kämpfers, wurde Anfang Oktober abgesetzt. Vorausgegangen war ein in Peking geschlossener Pakt zwischen der Aso und der UCI. Eben jener Clerc hatte die AFLD mit den Dopingkontrollen beauftragt mit genanntem Erfolg. Nachdem der Führungswechsel bei der Aso vollzogen war, wurde die durchaus kritische Berichterstattung in der
L'Equipe «überdacht».
L'Equipe hisst weiße Fahne«Es ist Zeit, die Waffen niederzulegen und durchzuatmen», formulierte es Fabrice Johaud, einer von zwei Chefredakteuren. Nach Umbesetzungen in der Redaktion und einer angeblichen Order von Epa-Chefin Marie-Odile Amaury war auch in dieser Hinsicht alles getan. Trotz der «geleisteten Vorarbeit», wurde der Tourtross auch in diesem Jahr von Zweifeln begleitet 3500 Kilometer lang. Und von Etappe zu Etappe erhielten sie mehr Nahrung.
Mit offenen Armen wurde der siebenmalige Toursieger Lance Armstrong empfangen, trotz sechs positiver Dopingkontrollen aus dem Jahr 1999, die nur wegen formeller Fehler zu keiner Sperre führten. Dann kamen die Auftritte von Alberto Contador, der auf der 15. Etappe zum Verbier erst den schnellsten Anstieg der Tourgeschichte hinlegte, um dann auf der 18. Etappe sämtliche Spezialisten im Zeitfahren zu schlagen. Nach Berechnungen des Sportwissenschaftlers Antoine Vayer, muss der Spanier am Verbier eine Sauerstoffaufnahmefähigkeit (VO2 max) von 99,5 (ml/min/kg) aufgewiesen haben. In den Hochzeiten des Dopings, Mitte der 90-er Jahre, kamen die Profis auf einen Wert von 90 bis 92.
Beklemmender BlickAuch der Blick auf das Siegerpodest und die Nächstplatzierten ist beklemmend. Zwischen Sieger Contador und dem Dritten Armstrong steht Andy Schleck vom Team Saxo Bank, dessen Bruder Frank (Platz fünf) ebenso wie Contador in die Affäre um den Dopingdoktor Eufemiano Fuentes verwickelt war. Sechster ist Andreas Klöden, dem Vorwürfe im Zusammenhang mit der Dopingaffäre an der Uni Freiburg anhängen. Das auferlegte Schweigen in Manipulationsfragen bei Alberto Contador und Andreas Klöden oder Amrstrongs Angriffe gegen kritische Medien lassen ebenfalls tief blicken.
«Bevor ich ein abschließendes Fazit ziehe, möchte ich die Analyseergebnisse und die Resultate der Nachtest abwarten», bleibt Pierre Bordry misstrauisch. Die französische Zeitung Liberation legt sich dagegen schon fest: «Die unnatürlichen Leistungen der Fahrer zeigen, dass es legitim ist, von Betrug zu sprechen.» Die Methoden des Veranstalters sind vielleicht nicht betrügerisch, eigenwillig und zweifelhaft aber allemal.