Tour de France: «Kriminelles Millieu, das da radelt»: 

netzeitung.deDer Radsport stinkt

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Darf auf einen achten Triumph hoffen: Lance Amrstrong (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Darf auf einen achten Triumph hoffen: Lance Amrstrong
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Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Scheinheiligkeit auf der einen, Machtlosigkeit auf der anderen Seite: Der Radsport stinkt. Und die Aktiven - ob Fahrer, Manager oder Organisatoren - sind nicht bereit, sich zu waschen. Alexander Ludewig rümpft die Nase.

«Den Sport, den wir gerne hätten, gibt es nicht mehr», sagt einer der es wissen muss. Hans Michael Holczer, ehemaliger Teamchef des aufgelösten Gerolsteiner-Rennstalls, ist dieses Jahr nur als Randfigur bei der Tour de France vor Ort. Am 4. Juli startet die Frankreich-Rundfahrt zum 96. Mal und nur diejenigen, die finanziell von der schwersten Etappenfahrt profitieren, glauben an eine saubere Tour und ein besseres Image des Radsports.

«Die Tour wird das am besten kontrollierte Großereignis der Sportgeschichte sein», versichert Pat McQuaid, Präsident des Radsport-Weltverbandes UCI. Er verspricht insgesamt 520 Blut- und Urintests. Vorausgesetzt, dass alle 180 Fahrer die 21 Etappen überstehen und am 26. Juli in Paris über den Zielstrich fahren, gibt es einzelne 3780 Zielankünfte. Wenn davon weniger als ein Siebtel kontrolliert wird, gibt das kaum Anlass zur Hoffnung. Zumal es kein Geheimnis ist, dass die Betrüger ihren Verfolgern mindestens immer einen Schritt voraus sind.

Kontrollhoheit
Und es bleibt abzuwarten, wie effektiv die Kontrollen wirklich sind. Denn im Gegensatz zur Tour 2008 hat die UCI wieder die Kontrollhoheit. Im vergangenen Jahr war es nach einem Streit zwischen den Tourorganisatoren von der Aso (Amaury Sport Organisation) und dem Weltverband noch die französische Antidoping-Agentur AFLD, die die Doper verfolgte und sieben erwischte. Unter anderen Riccardo Ricco, Stefan Schumacher und Bernhard Kohl mit einem eigens entwickelten Test auf den Epo-Nachfolger Cera.

In diesem Jahr darf die AFLD in Verdachtsmomenten gezielte Tests verlangen, allerdings offenbart schon das vorgesehene Prozedere im Streitfall zwischen UCI und AFLD den Unwillen eines schnellen Erfolgs. Denn letztendlich liegt die Entscheidungsgewalt dann bei der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada. Immerhin, die AFLD scheint es ernstzunehmen. Ihr Chef Pierre Bordry kündigte neue Testverfahren an, von denen die Fahrer noch nichts wüssten. Vielleicht wissen die Fahrer ja wirklich nichts, aber die Hintermänner im Dopinggeschäft sind bestimmt besser informiert.

Zweifelhaftes Image
Seine gruselige Vergangenheit hat dem Image des Radsports sehr geschadet. Und so versuchen die Verantwortlichen, aus kleinen Erfolgen ganz große zu machen. Dass Tom Boonen am Sonnabend nicht in Monaco an den Start gehen darf, ist für die Tourorganisatoren natürlich selbstverständlich. Nachdem der Niederländer zum dritten Mal beim Schnupfen von Kokain aufgefallen ist, lasse sich sein «Image und Verhalten nicht mit dem Image der Tour in Einklang bringen». Gegen die stark vorbelasteten Lance Armstrong, Andreas Klöden oder Alberto Contador aus dem kasachischen Astana-Team hat man nichts.

Und wie hoffnungslos der Fall Radsport nach wie vor ist, zeigt dass Beispiel Thomas Dekker. Der 24-jährige Niederländer wurde dank neuer Testmethoden nachträglich des Epo-Dopings überführt. Die Reaktionen waren vorhersehbar: Sein Team Silence-Lotto ist «total entsetzt und geschockt». Der Sportler selbst versichert, nichts genommen zu haben und will einfach nicht verstehen, warum eine negative Probe vom Dezember 2007 noch einmal analysiert wurde. «Ich habe das Gefühl, dass ich betrogen wurde», beteuert er seine Unschuld. Seinen Anwalt hat er natürlich schon aufgesucht, vielleicht findet dieser ja irgendeinen Verfahrensfehler. Neben guten sportlichen Leistungen fiel Dekker übrigens damit auf, Medien zu kritisieren, die über Doping im Radsport berichteten.

«Unter Freunden»
Der geständige Dopingsünder Bernhard Kohl offenbart den Zusammenhalt der Fahrer in Sachen Betrug: «Unter guten Freunden gibt man manche Sachen natürlich weiter». Wem er was gegeben habe, weiß die Wiener Soko Doping. Nachdem der Österreicher nun auch noch Doping-Handel gestanden hat, droht dem 28-Jährigen neben der Sperre auch eine Gefängnisstrafe. Zumindest hat er mit seinen Aussagten in Bezug auf Wirkungsweise und Praxis des Blut-Dopings «sehr geholfen», weiß AFLD-Chef Bordry Kohls Beichte zu schätzen.

Für einen Experten und ausgewiesenen Antidoping-Kämpfer ist die Tour «ein kriminelles Millieu, das da radelt». Der Heidelberger Molekularbiologe Werner Franke gibt sich auch in diesem Jahr keinen Illusionen hin und erwartet «jede Menge Doping auf einem höheren wissenschaftlichen Absicherungsniveau». Zu seiner Bestätigung sei ein Termin in einem teuren Hotel in Monte Carlo erwähnt – am Rande der Tour de France. Der noch wegen Blutdopings gesperrte Alexander Winokurow gibt eine Pressekonferenz. Thema: seine Rückkehr im September.