Alltag entzaubert Märchenmacher: 

netzeitung.deKlinsmann scheitert an sich selbst

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Abgang: Einen langen Schatten hinterlässt Jürgen K. beim FC Bayern nicht. (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Abgang: Einen langen Schatten hinterlässt Jürgen K. beim FC Bayern nicht.
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Eine groß angekündigte Ära beim FC Bayern München ist nach nur zehn Monaten schon wieder beendet. Jürgen Klinsmann ist als Trainer fast alles schuldig geblieben, weiß Alexander Ludewig .

Uli Hoeneß verriet, dass Jürgen Klinsmann «überrascht war», als er von seiner Entlassung unterrichtet wurde. Aber diese Reaktion passt zum geradlinigen Schwaben, und zeigt zugleich einen Grund seines Scheiterns auf – dem Visionär fehlt die Einsicht in die Notwendigkeit des Kleinen und Machbaren. Jürgen Klinsmann übersah auf dem Weg, «den FC Bayern wieder in der europäischen Spitze zu etablieren», Stolpersteine wie Hannover 96, den 1. FC Köln oder zuletzt Schalke 04. Niederlagen in der Liga nahm er nicht als solche wahr, sondern sprach von kleinen Rückschlägen, und dass man auf die Tabellenführung «nun noch ein paar Tage warten müsse». Jetzt geht er als der Trainer in die Geschichte des FC Bayern München ein, der nicht einmal an der Spitze der Bundesliga stand.

Mit Jürgen Klinsmann wollte der FC Bayern im vergangenen Sommer «eine neue Ära» begründen. Mit dem 44-Jährigen sollte ein neuer Geist in die Säbener Straße einziehen. Doch am Ende stand genau der Klinsmannsche Geist dem Erfolg des FC Bayern im Weg. «Wir mussten die psychologische Barriere, die man bei der Mannschaft auf dem Platz gesehen hat, zur Seite räumen», erläuterte Bayerns Vorstandsvorsitzender Karl-Heinz Rummenigge die Notwendigkeit der Trennung. «Wir brauchen eine Aufbruchstimmung», ergänzte Uli Hoeneß.

Großes im Sinn, im Kleinen gescheitert
Das muss den ehrgeizigen Klinsmann schmerzen, ist er doch seit der Weltmeisterschaft im eigenen Land für den Aufbruch im deutschen Fußball zuständig. Doch die alltägliche Arbeit hat den Märchenmacher aus dem Sommer 2006 entzaubert. Der Dauerlächler hatte wieder Großes im Sinn, scheiterte aber schon im Kleinen. Denn in der Liga lebt man von Ergebnissen, nicht von Visionen. Aber selbst in dem Moment seiner Entlassung zweifelt er nicht an seiner Arbeit: «Wir haben den Grundstein für die Zukunft gelegt.»

Doch was meint Klinsmann damit? Der großspurigen Ankündigung, «jeden Spieler jeden Tag ein wenig besser zu machen», konnte er nicht im Ansatz gerecht werden. Ganz im Gegenteil: Lukas Podolski ist in einem tiefen Leistungsloch verschwunden, Torwart Michael Rensing hat er abgesägt, Bastian Schweinsteiger stagniert und der in der letzten Saison überragende Martin Demichelis ist weit von seiner Bestform entfernt. Selbst der zumindest immer solide Philipp Lahm schwächelt. Von einer überragenden Fitness ist ebenfalls nichts zu sehen.

Welche Philosophie?
Auch den groß angekündigten Systemwechsel und die «neue Philosophie» kann Jürgen Klinsmann nicht nachweisen. Mit begeisterndem Offensivfußball wollte er die Gegner überrennen und die Herzen der Fans erobern. Doch mit dem schlechtesten Saisonstart seit 31 Jahren, war dieses Vorhaben schon allzu zeitig gestorben – Autoritätsverlust inklusive. Denn nicht nur die Bayern-Führung insistierte, auch die Spieler verlangten eine Taktikkorrektur.

Für Klinsmann schien die Welt dennoch in Ordnung. Nach einem ordentlichen Schlussspurt zum Ende der Hinrunde und dem sicheren Einzug in das Achtelfinale der Champions League konnte er wieder große Worte sprechen: «Wir müssen keine Angst mehr haben, vor keiner Mannschaft der Welt.» Der weitere Verlauf ist bekannt: demütigendes DFB-Pokalaus gegen Bayer Leverkusen (2:4), eine Vorführung vom VfL Wolfsburg in der Liga (1:5) und eine bittere Deklassierung in der Champions League beim FC Barcelona (0:4). «Der Stolz des FC Bayern ist mit Füßen getreten» worden, zeigte sich Karl-Heinz Rummenigge zutiefst verletzt.

Was bleibt, ist ...
Was also hat Jürgen Klinsmann Bleibendes für den FC Bayern getan? Vielleicht meint er es wortwörtlich, wenn er vom «Grundstein für die Zukunft» spricht. Denn das neue und sündhaft teure Leistungszentrum wird wohl auf ewig mit seinem Namen verbunden bleiben. Doch offensichtlich hat es wohl keinen Bayern-Spieler besser gemacht. Aber die Monumentalität und die Moderne dieses Komplexes ist wohl ein Sinnbild für die kurze Ära des Jürgen Klinsmann beim FC Bayern. Er ist auf seiner ersten Station als Vereinstrainer gescheitert - an sich und seinen großen Zielen.