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Sieger unter Generalverdacht: 

Der Fall Riccardo Ricco

14. Jul 2008 15:29, ergänzt 17:21
Auffällig am Berg: Riccardo Ricco
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Zehn Jahre nach dem Festina-Skandal bei der Tour de France 1998 hat sich die Radsportwelt verändert. Doch das Klima im Tross der Pedaleure und ihrer Entourage ist noch immer vergiftet, nur anders, findet Alexander Ludewig.

Am 13. Juli 1967 fiel der Engländer Tom Simpson am Aufstieg zum Mont Ventoux von seinem Rad. Kurz darauf war er tot. Ein Dopingcocktail aus Alkohol und Amphetaminen kostete ihn das Leben. Solch eine Inszenierung seiner Perversion wird uns der Radsport nicht mehr liefern, viel zu professionell ist die Arbeit auch in den Dopinglaboren. Heute gehen die Helden meist abseits des Rampenlichts zugrunde. Ihre Sterblichkeitsrate ist dreimal höher als der normale Durchschnitt, bei Rennfahrern im Alter von 25 bis 34 Jahren sogar fünfmal so hoch.

Nicht umsonst hört man vielerorts die Feststellung, dass wer sich heutzutage noch erwischen lässt, ein ganz Dummer sein muss. Auch bei der 95. Tour de France gab es schon wieder einen Dummen: Manuel Beltran. Bis zur B-Probe will er allerdings die Unschuldsvermutung für sich in Anspruch nehmen. Klingt ganz nach alten Reflexen, ist auch so. Denn bis vor kurzem war die Unschuldsvermutung ein Synonym für den Radsport. Aktive, Betreuer, Organisatoren, Verbände und Medien zogen erst Konsequenzen, als es nicht mehr anders ging.

Ricco unter Verdacht

Am letzten Sonntag kam auch Gerolsteiner-Profi Sebastian Lang darauf zu sprechen: «Solange keine Beweise auf dem Tisch liegen, muss für ihn die Unschuldsvermutung gelten. Aber mal sehen, was noch kommt». Er meinte keineswegs Beltran, sondern Riccardo Ricco. Der 24-jährige italienische Radprofi vom spanischen Team Saunier Duval-Scott sorgte mit seinem zweiten Etappensieg, den er in der Manier seines im Februar 2004 mit nur 34 Jahren verstorbenen Vorbilds Marco Pantani errang, für Aufsehen.

«Er war so schnell vorbei, keine Ahnung», waren die ratlosen Worte des Erfurters Lang, nachdem er in Führung liegend gut einen Kilometer vor der Bergwertung am Col d'Aspin von einem entfesselt fahrenden Ricco stehen gelassen wurde. Ob sich der Italiener nun unehrenhaft einen Vorteil verschafft hat und auch andere Verdachtsmomente wie auffällige Blutbilder oder Hormonspiegel gegen ihn sprechen: auffällig sind auch die neuerdings offenen Worte. Seien es die Reporterstimmen, die nun teilweise jeden Antritt kritisch kommentieren oder eben Verdächtigungen von Kollegen über Kollegen.

Als Armstrong noch persönlich für Ruhe sorgte

Die Aussagen von Sebastian Lang wären vor fünf Jahren aus dem Fahrerfeld heraus undenkbar gewesen. Erinnert sei nur an die skurrile Auseinandersetzung zwischen dem siebenmaligen Tour de France-Sieger Lance Armstrong (USA) und dem sportlich eher unbedeutenden Felippo Simeoni. Der Italiener hatte es gewagt gegen den berüchtigten «Sportarzt» Michele Ferrari (Italien) auszusagen: «Ich habe nach Anweisung von Ferrari Epo und Wachstumshormone genommen.» Dumm nur, dass Ferrari auch Armstrongs «medizinischer Helfer» war.

Auf der 18. Etappe der Tour de France 2004 versuchte Simeoni sein Glück in einer Ausreißergruppe. Daraufhin fuhr Lance Armstrong im Gelben Trikot allein (!) nach vorn, um unmissverständlich klarzustellen, dass die Ausreißer nur Aussicht auf einen Etappenerfolg hätten, wenn Simeoni nicht mehr unter ihnen ist. Von den anderen Fahrern in der Spitzengruppe bedrängt, ließ sich der Italiener entmutigt zurückfallen und Armstrong demonstrierte nicht nur seine Stärke, sondern offenbarte auch die Gesetze des Pelotons.

Den Mund will sich natürlich immer noch kein Fahrer verbrennen, doch auch unter den Aktiven ist die Kultur des Schweigens gebrochen. Vielmehr bekommt man den Eindruck, dass jetzt jeder Sieger unter Generalverdacht steht, etwas Illegales getan zu haben. Wenn es hilft, den Radsport sauberer zu machen: Bitteschön!

 
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