Justin Fashanu auf dem Cover eines Schwulenmagazins
Foto: Gay Times
Kicker küssen und knuddeln sich im Torjubel nach Herzenslust. Und nach einem Spiel gehen sie in die Gemeinschaftsdusche. Aber nichts im Sport ist so tabuisiert wie Schwule im Fußball. Dabei gibt es sie. Von Martin Krauß. Mit Video
Schwule im Fußball gibt es nicht. Das hat zuletzt der Kölner Trainer Christoph Daum noch mal betont, der vor «gleichgeschlechtlichen Tendenzen» glaubte warnen zu müssen. Lange war Homosexualität gar kein Thema im Profifußball, doch vor etwa 20 Jahren bekamen die Vertreter des offiziellen Fußballs die ihnen so schwer fallende Aufgabe, es wenigstens zum Nichtthema zu erklären.
«Ich kann mir nicht vorstellen, dass Schwule Fußball spielen können», versuchte es 1990 Paul Steiner, Abwehrspieler des 1. FC Köln. Als er wegen seiner lustigen These, Schwule könnten keinen Ball geradeaus treten, allzu sehr ausgelacht wurde, gab sich Steiner ganz differenziert: «Fußball spielen können Schwule vielleicht, aber ich glaube nicht, dass sie hart genug sind, um im Profigeschäft zu bestehen.»
«Schwabenschwuchtel» und «Warmduscher»
Schwule sind weich, davon sind bis heute fast alle im Profifußball überzeugt. «Schwabenschwuchtel» und «Warmduscher» wurde Jürgen Klinsmann diffamiert, solange er nicht verheiratet war, sein Privatleben geheim hielt und nicht als ganz harter Kerl galt.
Dass sie weich sind, davon sind sogar schwule Fußballer überzeugt. «Ich wollte besonders männlich wirken», berichtet Marcus Urban, früherer Zweitligaprofi von Rot-Weiß Erfurt in einem Interview. «Das hatte zur Folge, dass ich auf dem Platz wie ein Terrier war, üble Fouls beging und mich insgesamt schlimm verhielt.» Für weich hielt Urban, der damals noch Marcus Schneider hieß, niemand. «Meine Trainer waren froh, so einen zweikampfstarken Spieler im Team zu haben.»
Die glücklich ausgegangene Geschichte des Marcus Urban
Marcus Urban hatte in der DDR-Jugendnationalmannschaft gespielt. An der Seite von späteren Nationalspielern wie Bernd Schneider, Thomas Linke oder Frank Rost galt er als großes Talent. Dass er schwul war, wusste er bereits früh: Vor sich selbst hatte er die Erkenntnis nicht verdrängt, wohl aber vor den Kollegen.
Aber nach einer nur kurzen Zeit im Profifußball brach er seine Karriere ab und lebt heute als Designer in Hamburg. Der Sportjournalist Ronny Blaschke schrieb in einem gerade erschienenen Buch Urbans Karriere auf: «Versteckspieler. Die Geschichte des schwulen Fußballers Marcus Urban» (Werkstatt Verlag, 16,90 Euro).
Einen Profifußballer, der sich während seiner Karriere outete, hat es im deutschen Fußball noch nie gegeben. Nur in England, und die Geschichte endete traurig.
Video: Schwule Spieler in der Bundesliga?
Die traurige Geschichte des Justin Fashanu
Justin Fashanu hatte sich 1990 öffentlich zu seiner Homosexualität bekannt. Er war ein guter Fußballer: 1980 wechselte er als bis dahin teuerster schwarzer Spieler zu dem damaligen englischen Spitzenklub Nottingham Forest.
Für sein Outing wählte er die «Sun», das große Boulevardblatt: «Eine Million Pfund teurer Fußballstar: Ich bin schwul» lautete der Titel. «Ich dachte, wenn ich mich der schlimmsten Zeitung oute und dann stark bleibe, gäbe es nichts mehr, was noch zu sagen wäre», meinte Fashanu später.
Er irrte sich. Nach seinem Outing zählten seine sportlichen Fähigkeiten nichts mehr: Kein Verein wollte ihn mehr, die Kollegen stellten sich gegen ihn, und die Fans verspotteten ihn. Fashanu flüchtete nach Kanada, wo er zwar kaum Geld verdiente, man ihn aber in Ruhe ließ.
Als er wieder nach Großbritannien zurückkam, musste er zunächst bei einem Provinzverein anheuern, dann bei einem besseren Klub, Heart of Midlothian, der ihn aber wegen «Verhaltens, das eines Fußballers nicht würdig ist» entließ. Fashanu ging in die USA, arbeitete als Jugendtrainer und kam später nach London zurück. Sein Leben wurde nicht mehr normal. Am 2. Mai 1998 erhängte sich Justin Fashanu in einer Garage in London.
Der Tod des Heinz Bonn
In Deutschland gab es Heinz Bonn. Der Siegerländer war vom Wuppertaler SV gekommen und kickte drei Jahre in der Bundesliga beim Hamburger SV. Von 1970 bis 1973 stand er mit Helden wie Uwe Seeler und Charly Dörfel in einer Mannschaft, er wurde «Bonni» genannt und hatte den Ruf eines beinharten Verteidigers mit dem, was im Fußball «Pferdelunge» heißt.
Groß raus kam Bonn nie, die große Zeit des HSV fand auch nicht gerade in seiner Zeit statt. Nach der kurzen Profikarriere verfiel Bonn dem Suff. Am 5. Dezember 1991 wurde er in seiner Ein-Zimmer-Wohnung in Hannover tot aufgefunden, ermordet von einem Strichjungen – geoutet im Tod.
Die Geschichte von den unbekannten schwulen Kickern
Es gibt auch im deutschen Profifußball des Jahres 2008 schwule Kicker. Das Fußballmagazin «Rund» stellte vor anderthalb Jahren einige vor; auch eine Reportage des DSF stellten einen vor.
Dass weder bei «Rund» noch beim DSF Namen genannt wurden, erklärt sich, wenn man die Schicksale kennt: Einer ist verheiratet, ohne dass seine Frau etwas weiß; der Freund lebt in einer anderen Stadt. Ein anderer hat eine gute Freundin, die sich in der Öffentlichkeit zum Schein als Spielerfrau präsentieren lässt. Auch Marcus Urban sagt, dass ihm drei aktuelle Bundesligaspieler bekannt sind, die schwul sind. Sie dürfen es nicht zeigen.
Video: Promi-Statements zu Homosexualität im Fußball