netzeitung.deDramatischer Schüler-Rückgang prognostiziert

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Schüler in Deutschland (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Schüler in Deutschland
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Jeder Finanzminister wäre glücklich - 100 Milliarden Euro lassen sich an deutschen Schulen bis 2020 sparen, weil es immer weniger Schüler gibt. Doch Politiker warnen vor einem Vergreisen der Gesellschaft.

100 Milliarden Euro – eine unglaubliche Menge Geld. Bis 2020 können die Bundesländer diese Summe bei ihren Bildungsausgaben sparen, weil es immer weniger Kinder gibt, und somit die Schülerzahlen schwinden. Wie die Baseler Prognos AG im Auftrag der Robert-Bosch-Stiftung herausfand, wird es bis dahin in Deutschland zwei Millionen Schüler weniger geben als noch 2005.

Union, Grüne und die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) zeigten sich einig in der Forderung, das frei werdende Geld in den Ausbau der Bildung zu investieren. Sie warnten eindringlich davor, die Milliarden in die defizitären Haushalte zu stecken.

Nicht verfrühstücken
In die Freude über die frei werdenden Mittel mischt sich aber auch die Sorge um die Altersstruktur der Gesellschaft. Der familienpolitische Sprecher der Unionsfraktion, Johannes Singhammer, warnte vor vorschnellem Jubel über die «demographische Rendite». Die Studie zeige, wie sich die festgefügte Bevölkerungspyramide in einen instabilen Bevölkerungspilz mit vielen Alten entwickele.

Statt die Kinderschwundprämie zu verfrühstücken, brauche es eine gemeinschaftliche Anstrengung, um die Mittel entsprechend zu verwenden. Die freiwerdenden Mittel müssten daher für die Familienförderung verwendet werden, forderte Singhammer. «Grund zur Freude wäre, wenn Schulen und Kindergärten geöffnet anstatt geschlossen würden.»

Böhmer will kostenfreie Kindergärten
Im Bildungsbereich erwarten besonders die Grünen den Ausbau der Frühförderung sowie der Ganztagsschulen. Außerdem sollten Schulen eigenverantwortlich sein und aus einem eigenen Budget nach Bedarf zusätzliche Fachkräfte einstellen können, erklärten die Sprecherinnen für Demographie- und Bildungspolitik, Britta Hasselmann und Priska Hinz.

Auch die Vorsitzende der Frauen-Union und Staatsministerin im Kanzleramt, Maria Böhmer (CDU), sprach von einer «einmaligen Möglichkeit, frei werdende Gelder durch den Rückgang der Schülerzahlen als zukunftsgerichtete Investition in unser Bildungssystem» zu nutzen. Böhmer wiederholte ihre Forderung nach beitragsfreien Kindergartenplätzen und verlangte eine hochwertige pädagogische Betreuung im Vorschulalter sowie den Ausbau von Ganztagsschulen.

Umverteilung verlangt
Die stellvertretende GEW-Vorsitzende Marianne Demmer warnte ebenfalls davor, das Geld außerhalb des Bildungssystems zu verwenden: «Dumm, aber schuldenfrei ist keine Perspektive für die junge Generation.»

Die Autoren betonten in der Studie, es gehe nicht nur darum, die Ausgaben je Schüler zu erhöhen. Für genauso wichtig halten sie eine Umverteilung hin zur Grundschulbildung. «Hier weist Deutschland im internationalen Vergleich erheblichen Nachholbedarf auf.» Die Einsparungen könnten 75 Prozent einer umfassenden Reform im Schulbereich finanzieren.

Brandenburg Spitze
Die Experten warnten davor, die frei werdenden Mittel für die Finanzierung von Hochschulen zu nutzen. Dies verhindere eine erhöhte Bildungsqualität. Für die neuen Bundesländer prognostizieren die Forscher den stärksten Ausgabenrückgang. Wegen der stark angespannten Haushaltslage ist den Autoren zufolge hier die Gefahr besonders groß, «dass die frei werdenden Mittel in den allgemeinen Haushalt überführt werden».

Wie die Prognos AG berechnete, sinken die Schülerzahlen am stärksten in Brandenburg (minus 35 Prozent) und Mecklenburg-Vorpommern (minus 30 Prozent). Vergleichsweise gering wird der Rückgang dagegen in Bremen und Niedersachsen sein. Selbst in wirtschaftsstarken Ländern wie Bayern und Baden-Württemberg nimmt die Schülerzahl ab. Lediglich in Hamburg steigt sie den Prognosen zufolge bis 2020 um 3,2 Prozent.

Da der Schülerschwund in großen Ländern insgesamt höher sein wird als in kleinen, können Flächenländer, gemessen in absoluten Summen, besonders viel Geld sparen. So müsste zum Beispiel Nordrhein-Westfalen im Jahr 2020 für seine Schüler nahezu 3,1 Milliarden Euro weniger ausgeben. Dahinter folgen Bayern (2,81 Milliarden Euro), Baden-Württemberg (2,12 Milliarden), Hessen (880 Millionen) und Sachsen (789 Millionen). (nz)