In der DDR kam der Scharfrichter von hinten
12.07.2007
Herausgeber: netzeitung.de
Erst vor 20 Jahren am 17. Juli 1987 gab Staats- und Parteichef Erich Honecker die Abschaffung der Todesstrafe bekannt. Von einem Verzicht aus humanitären Gründen kann nach Ansicht von Wissenschaftlern keine Rede sein. «Vor dem ersten deutsch-deutschen Gipfeltreffen mit Helmut Kohl im September wollte Honecker ein Zeichen des guten Willens setzen», sagt Yvonne Fiedler, die sich gemeinsam mit dem Leiter der Gedenkstätte Museum in der «Runden Ecke» in Leipzig, Tobias Hollitzer, mit dem Thema beschäftigt. Aus der Bundesrepublik war immer wieder nachdrücklich der Verzicht auf die Todesstrafe angemahnt worden.
Nach Recherchen des stellvertretenden Beauftragten für die Stasi- Unterlagen des Landes Berlin, Falco Werkentin, wurden in der DDR 221 Todesurteile gesprochen, von denen 164 vollstreckt wurden - davon 64 in Leipzig. Bis 1956 verrichteten die Scharfrichter vor allem in Dresden ihr blutiges Handwerk. Damals wurden die Verurteilten noch mit Guillotinen geköpft. Erst später wurde die ehemalige Wohnung des Heizers der Leipziger Justizvollzugsanstalt zentrale Hinrichtungsstätte. Ab 1968 gab es Hinrichtungen durch «unerwarteten» Nahschuss ins Hinterhaupt.
Der Todestrakt in Leipzig blieb bis zum Ende der DDR streng geheim. Auch im Krematorium, wo die Leichen verbrannt wurden, war Stillschweigen oberstes Gebot. Im Einäscherungsbuch wurden die Fälle unter den Stichwörtern «Abfall» oder «Anatomie» festgehalten. Auf den Totenscheinen waren Todesursache und -ort stets gefälscht.
Als letzter in der DDR Hingerichteter gilt der Stasi-Hauptmann Werner Teske, der sich in die Bundesrepublik absetzen wollte. Er starb am 26. Juni 1981 durch Genickschuss, obwohl er selbst nach DDR- Recht nicht hätte zum Tode verurteilt werden dürfen. Im Juli 1998 verurteilte das Berliner Landgericht einen früheren DDR-Militärrichter und einen Militärstaatsanwalt wegen Totschlags und Rechtsbeugung beziehungsweise Beihilfe zu vier Jahren Haft. Sie hatten an Teskes Verurteilung mitgewirkt.
Die letzte zentrale Hinrichtungsstätte der DDR in Leipzig soll nun als justizgeschichtlicher Erinnerungsort der Öffentlichkeit zugängig gemacht werden. In der Gedenkstätte Museum in der «Runden Ecke» werde an einem Konzept für den Umgang mit dem Ort gearbeitet, sagte ihr Leiter Hollitzer. Bislang kann er nur an zwei Terminen im Jahr besichtigt werden. (Ansgar Haase, dpa)

