Freuds Erben - «Hauptsache, er spricht mit mir»
06.05.2006
Herausgeber: netzeitung.de
Immer mehr Menschen brauchen nach Einschätzung des Weltverbandes für Psychotherapie die Hilfe von Psychologen, um mit ihren Problemen fertig zu werden. Die Weltgesundheitsorganisation WHO geht davon aus, dass weltweit etwa 400 Millionen Menschen von einer ernsten psychischen Erkrankung betroffen sind. Die Zahl derer, die unter Störungen leiden und die Hilfe eines Psychiaters oder Psychotherapeuten nötig hätten, gilt als deutlich höher. «Die Psychotherapie boomt», sagt der Verbandspräsident Alfred Pritz in Wien.
Für die Arbeit Freuds, der schon zu Lebzeiten die Gemüter erregte und dessen Jünger und Nachfolger heute weltweit in zahllose Verbände und Vereinigungen gespalten sind, ist der Boom wie eine nachträgliche Bestätigung. «In den Industrieländern bräuchten vermutlich etwa drei Prozent der Bevölkerung eine Psychotherapie», sagt Pritz. Doch behandelt würden deutlich weniger: «Tatsächlich in Behandlung sind in Österreich nur etwa 0,6 bis 0,7 Prozent.» In Deutschland sei der Anteil der behandelten Kassenpatienten sogar nur halb so groß.
In den USA sinkt der Stellenwert der von Freud geprägten Wissenschaft allerdings. «Ich glaube, die Amerikaner haben es versäumt, die Psychotherapie als gesellschaftliche Kraft zu institutionalisieren. Die Psychoanalyse war trendy in amerikanischen Filmen, aber nie in der amerikanischen Bevölkerung, wo es einen enormen Bedarf gäbe», sagt Pritz. Gerade die Ärmeren aber könnten sich in den USA eine Therapie nicht leisten. In Deutschland und Österreich dagegen sei die Behandlung auf Krankenschein möglich.
Freuds grundlegender Beitrag zur Entwicklung der verschiedenen Behandlungsformen scheint dabei heute - trotz der stark miteinander rivalisierenden Schulen in der Psychoanalyse - wenig umstritten. Eric Kandel, US-amerikanischer Neuro-Wissenschaftler und Nobelpreisträger für die Erforschung der Erinnerung, nennt den «Vater der Psychoanalyse» einen «Giganten» und großen Forscher des 20. Jahrhunderts.
Pritz, der in Wien die erste Privatuniversität für Psychotherapie leitet, sieht in der fast ein Jahrhundert alten Spaltung des Lagers der Psychoanalytiker keinerlei Schmälerung der Bedeutung Freuds: «Ich würde Freud jetzt nicht verherrlichen als einen Halbgott oder Gott. (...) Wenn man ihn in den Status eines Säulenheiligen erhebt, dann tut man sowohl ihm Unrecht als auch der Psychoanalyse. Denn worum wir uns bemühen, ist ja eine wissenschaftliche Grundlage dieser Arbeit, und in dieser Tradition sollte Freud gesehen werden: Als ein wesentlicher Forscher in diesem Sektor im 20. Jahrhundert.»

