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150 Jahre Freud: Der Deuter des Unbewussten

07. Mai 2006 08:18
Sigmund Freud
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Er war ehrgeizig und hoch begabt, beobachtete die Welt und den Menschen mit großer Neugier. Der Schlüssel zu allem lag für ihn in der Seele. Er ist der Vater der Psychoanalyse. Am 6. Mai jährte sich Freuds Geburtstag zum 150. Mal.

Von Irmgard Schmidmaier

Sigmund Freud hat wie wenige andere Wissenschaftler unsere Sicht der Welt geprägt. Seine Erkenntnisse haben, wenn auch oft missverstanden, auf vielfältige Weise Einzug in unseren Alltag genommen: Wir lachen über Loriots «Ödipussi» und zittern bei Hitchcocks «Vertigo», diagnostizieren «Vater»- oder «Ödipuskomplex» und leisten uns «Freudsche Versprecher».

Der Welt gilt Freud heute als Wiener, hatte er doch die wesentlichen Phasen seines Lebens und Wirkens in der österreichischen Hauptstadt verbracht. Tatsächlich stammt er jedoch aus dem kleinen Ort Friedberg in Mähren. Sein Vater Jakob, ein verarmter Wollhändler, war in dritter Ehe mit der deutlich jüngeren Amalie Nathanson verheiratet. Sigismund Schlomo, der sich später wegen einer Namensgleichheit Sigmund nannte, war der erste Sohn des Paares, das danach noch weitere sieben Kinder bekam. Freud, der schon als Schüler zum überzeugten Atheisten wurde, verwies später oft auf die wichtige Prägung in der Welt des assimilierten Judentums der bürgerlichen Kleinstadt.

Entscheidung zwischen Jura und Medizin

Wirtschaftliche Schwierigkeiten zwingen die Familie zum Umzug in die Großstadt Wien. In den ersten Schuljahren fällt Freud als aufgeweckter, intelligenter Schüler mit breiter Begabung auf. Er bleibt Klassenbester bis zum Abitur 1873 und liebäugelt mit einem Jura-Studium. Dass er sich sich dann für Medizin entschließt, geschieht nicht primär aus Interesse am Arztberuf, wie er selbst festhält: «Eher bewegte mich eine Art von Wissbegierde, die sich aber mehr auf menschliche Verhältnisse als auf natürliche Objekte bezog.»

Er promoviert 1881 und strebt eine Forscherkarriere an: «Ich bin kraftvoll beisammen und gedenke die Wissenschaft auszubeuten, anstatt mich zu ihren Gunsten ausbeuten zu lassen.» Doch um seine heimliche Verlobte Martha Bernays (1861-1951) heiraten zu können, kehrt er zunächst der wenig lukrativen Forschung den Rücken. 1882 tritt Freud eine Assistenzstelle im Wiener Allgemeinen Krankenhaus an.

Die Begründung der «Sprechtherapie»

Er beschäftigt sich mit der Behandlung von Hysterien, erhält bei einer Studienreise nach Paris Einblick in die Methoden der Hypnose und Suggestion und entwickelt mit seinem Lehrer Josef Breuer die «Sprechtherapie» als Vorstufe der Psychoanalyse. Er habilitiert sich 1885 als Dozent für Neuropathologie an der Universität Wien, wird 1902 außerordentlicher und 1920 ordentlicher Professor. 1886 eröffnet er eine private Praxis und kann nach fünfjähriger Verlobung endlich heiraten. Martha und Sigmund Freud bekommen sechs Kinder.

Aus seinen Beobachtungen vor allem bei Behandlungen mit der posthypnotischen Suggestion entwickelt Freud die Vorstellung von einem «Unbewussten» als jenem seelischen Bereich, der nicht der bewussten Kontrolle unterliegt. Hier vermutet er die Ursache der so genannten Neurosen und sieht freie Assoziationen und Traumbilder als einen Weg, dieses Unbewusste analytisch zu erfassen und zu deuten.

Es, Ich und Über-Ich

1899 erscheint seine Schrift «Die Traumdeutung», das Erscheinungsdatum gilt als Geburtsstunde der Psychoanalyse. In «Das Ich und das Es» (1923) beschreibt Freud sein Drei-Instanzen-Modell der menschlichen Psyche als Zusammenspiel von triebgesteuertem Es, bewusstem Ich und gesellschaftlich-kulturell geformtem Über-Ich. Aus seiner Theorie des Unbewussten leitet Freud auch seine Religionskritik ab und erklärt Religion zur Zwangsneurose.

Freuds psychoanalytische Lehre gewinnt international rasch Anhänger und Kritiker. In den 20er Jahren ist Freud einer der weltweit bekanntesten Wissenschaftler, der mit Schriften wie »Massenpsychologie und Ich-Analyse« (1921) oder »Das Unbehagen in der Kultur« (1930) heftige Debatten auslöst. Gleichzeitig bringt der zunehmende Antisemitismus Freud und seine Familie immer mehr in Bedrängnis. »Ich betrachtete mich geistig als Deutschen, bis ich die Zunahme des antisemitischen Vorurteils in Deutschland und Deutschösterreich bemerkte«, hält der vehemente Atheist 1926 fest: »Seit dieser Zeit ziehe ich es vor, mich einen Juden zu nennen.«

1938 die Emigration

An seinem 70. Geburtstag wird Freud noch zum Ehrenbürger Wiens ernannt, 1930 erhält der anerkannte Wissenschaftler den Goethepreis der Stadt Frankfurt am Main. Dann fallen seine Schriften der Bücherverbrennung der Nationalsozialisten zum Opfer. 1938 emigriert der 82-Jährige mit seiner Familie nach London.

Der seit Jahren an Gaumenkrebs leidende Freud führt seine Arbeit bis zuletzt fort. Am 23. September 1939 bittet er nach zahlreichen Operationen seinen Hausarzt um eine tödliche Dosis Morphium und stirbt. (dpa)

 
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