150 Jahre Freud: Der Deuter des Unbewussten
Sigmund Freud hat wie wenige andere Wissenschaftler unsere Sicht der Welt geprägt. Seine Erkenntnisse haben, wenn auch oft missverstanden, auf vielfältige Weise Einzug in unseren Alltag genommen: Wir lachen über Loriots «Ödipussi» und zittern bei Hitchcocks «Vertigo», diagnostizieren «Vater»- oder «Ödipuskomplex» und leisten uns «Freudsche Versprecher».
Der Welt gilt Freud heute als Wiener, hatte er doch die wesentlichen Phasen seines Lebens und Wirkens in der österreichischen Hauptstadt verbracht. Tatsächlich stammt er jedoch aus dem kleinen Ort Friedberg in Mähren. Sein Vater Jakob, ein verarmter Wollhändler, war in dritter Ehe mit der deutlich jüngeren Amalie Nathanson verheiratet. Sigismund Schlomo, der sich später wegen einer Namensgleichheit Sigmund nannte, war der erste Sohn des Paares, das danach noch weitere sieben Kinder bekam. Freud, der schon als Schüler zum überzeugten Atheisten wurde, verwies später oft auf die wichtige Prägung in der Welt des assimilierten Judentums der bürgerlichen Kleinstadt.
Er promoviert 1881 und strebt eine Forscherkarriere an: «Ich bin kraftvoll beisammen und gedenke die Wissenschaft auszubeuten, anstatt mich zu ihren Gunsten ausbeuten zu lassen.» Doch um seine heimliche Verlobte Martha Bernays (1861-1951) heiraten zu können, kehrt er zunächst der wenig lukrativen Forschung den Rücken. 1882 tritt Freud eine Assistenzstelle im Wiener Allgemeinen Krankenhaus an.
Aus seinen Beobachtungen vor allem bei Behandlungen mit der posthypnotischen Suggestion entwickelt Freud die Vorstellung von einem «Unbewussten» als jenem seelischen Bereich, der nicht der bewussten Kontrolle unterliegt. Hier vermutet er die Ursache der so genannten Neurosen und sieht freie Assoziationen und Traumbilder als einen Weg, dieses Unbewusste analytisch zu erfassen und zu deuten.
Freuds psychoanalytische Lehre gewinnt international rasch Anhänger und Kritiker. In den 20er Jahren ist Freud einer der weltweit bekanntesten Wissenschaftler, der mit Schriften wie »Massenpsychologie und Ich-Analyse« (1921) oder »Das Unbehagen in der Kultur« (1930) heftige Debatten auslöst. Gleichzeitig bringt der zunehmende Antisemitismus Freud und seine Familie immer mehr in Bedrängnis. »Ich betrachtete mich geistig als Deutschen, bis ich die Zunahme des antisemitischen Vorurteils in Deutschland und Deutschösterreich bemerkte«, hält der vehemente Atheist 1926 fest: »Seit dieser Zeit ziehe ich es vor, mich einen Juden zu nennen.«
Der seit Jahren an Gaumenkrebs leidende Freud führt seine Arbeit bis zuletzt fort. Am 23. September 1939 bittet er nach zahlreichen Operationen seinen Hausarzt um eine tödliche Dosis Morphium und stirbt. (dpa)

