netzeitung.deTschernobyl und die DDR: Glänzende Gurken

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Immer noch sind Böden und Pflanzen verseucht (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Immer noch sind Böden und Pflanzen verseucht
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Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Nach der Reaktor-Katastrophe von Tschernobyl versuchte die Regierung in Ostberlin, den Vorfall zu verharmlosen. Infos bekam nur, wer West-Fernsehen sah - und den plötzlich auffällig bunten und großen Gemüse- und Obstsorten in den Läden nicht traute.

Von Markus Geiler

Im Mai 1986 schien die SED-Führung die zähen Probleme bei der Versorgung mit Obst und Gemüse endlich bewältigt zu haben. Neben Weiß- und Rotkohlköpfen, verschrumpelten Möhren, madigen Äpfeln und keimenden Kartoffeln strahlten plötzlich in den Auslagen von HO und Konsum Blattsalat, Gurken und einzelne Zucchini im frischen Grün.

«Das war so dreist, dass es fast schon wieder gut war», erinnert sich Volker Winkler. Der heute 40-Jährige zog damals durch die Innenstadt von Leipzig, um die Resonanz des Volkes auf die eigens errichteten «Vitaminbasare» zu beobachten. Die Ostdeutschen schüttelten den Kopf, zeigten an die Stirn, grinsten, schimpften, meckerten und fluchten - aber sie kauften auch ein.

Fatalistische Stimmung
«Insgesamt war die Stimmung ziemlich fatalistisch», erzählt Winkler, der damals beim staatlichen Wohlfahrtsverband «Volkssolidarität» für ältere Menschen Essen austrug. «Viele sagten, was soll's, wir wissen sowieso nicht, woran wir sind, und werden es wohl auch nie richtig erfahren. Warum dann nicht das Zeug kaufen, wenn es schon da ist?»

Woher das Gemüse stammte, in dessen Genuss die DDR-Bevölkerung plötzlich kam, war den meisten durchaus bewusst. Denn seit Tagen drehte sich im «Westfernsehen» alles nur noch um die Ereignisse im ukrainischen Tschernobyl, wo sich am 26. April die schwerste Reaktor-Katastrophe in der zivilen Nutzung der Kernenergie ereignet hatte.

Mit drei Tagen Verspätung die verharmlosende Nachricht
ARD und ZDF verfolgten die radioaktive Wolke auf ihrer Wanderung durch Europa. Eine Warnmeldung jagte die andere: vor Blattgemüse und Milch, vor Klassenfahrten in die DDR oder auch vor Spielplätzen und Sandkästen, die gesperrt werden sollten. Die Europäische Gemeinschaft erteilte sogar ein sofortiges Einfuhrverbot für östliche Frischwaren. Als besonders gefährdet galten Ost- und Süddeutschland.

In den DDR-Medien war von Katastrophen-Stimmung keine Spur. Erst am 29. April, drei Tage nach dem GAU, verbreiteten die SED-gelenkten Blätter eine Meldung der sowjetischen Nachrichtenagentur TASS: «Im Kernkraftwerk Tschernobyl in der Ukraine hat sich eine Havarie ereignet.» Ein Kernreaktor sei beschädigt. «Es wurden Maßnahmen zur Beseitigung der Folgen der Havarie ergriffen», hieß es lapidar.

Eine Meldung so groß wie eine Streichholzschachtel
«Die Meldung war etwa so groß wie eine Streichholzschachtel und stand auf Seite 5», erinnert sich Sebastian Pflugbeil, der heute Präsident der Gesellschaft für Strahlenschutz ist. Der Ex-Bürgerrechtler und spätere Minister ohne Geschäftsbereich in der Regierung Modrow hat die absurde Informationspolitik des SED-Staates nach dem Super-GAU in einem Aufsatz detailliert beschrieben.

Die SED wollte das Problem kleinschreiben, berichtet der Physiker. Nur kurze Zeit später blies sie zum Gegenangriff auf Verunsicherung und Angst, die durch ARD und ZDF über die Mauer schwappten. Professor Günter Flach von der DDR-Akademie der Wissenschaften habe «absolutes Unverständnis» darüber geäußert, «wie man die technische Situation, die eingetreten ist, zu einer derartigen Kampagne nutzen kann, um die friedliche Nutzung der Kernenergie in der UdSSR zu verteufeln».

Geradezu grotesk nennt Pflugbeil das Fazit des damaligen Präsidenten des Staatlichen Amtes für Atomsicherheit und Strahlenschutz in der DDR, Professor Georg Sitzlack. «Jeder Schuster kloppt sich mal auf den Daumen, wenn das der Maßstab wäre, hätten wir keine Schuhe», sagte er vor westdeutschen Journalisten einen Monat nach dem Unfall.

Die Umweltbewegung wird aktiv
Die Dreistigkeit und offenkundigen Lügen sollten nicht ohne Resonanz bleiben. Die DDR-Umweltbewegung, die sich bis dahin mehr mit der Zerstörung der Landschaft durch den Braunkohletagebau als mit den Gefahren der Kernenergie beschäftigt hatte, war sensibilisiert und bildete schon bald eine Gegenöffentlichkeit.

Unter dem Dach der evangelischen Kirchen erschienen in den folgenden Jahren zwei viel beachtete Studien. Die erste hieß «Pechblende» und stammte von Michael Beleites, dem heutigen Landesbeaufragten für die Stasi-Unterlagen in Sachsen. Darin wurde erstmals über Ausmaß und Gefahren des Uranbergbaus in der DDR informiert.

Die zweite trug den Titel «Energie und Umwelt» und wurde im Auftrag des DDR-Kirchenbundes von Sebastian Pflugbeil erstellt. In ihr wurde die «Energie-Vision» der DDR hart kritisiert und der Tschernobyl-Unfall ausführlich beschrieben. «Ohne die Katastrophe wäre jedoch die Studie nie geschrieben worden», ist Pflugbeil noch heute überzeugt. (epd)