19.02.2004
Herausgeber: netzeitung.de
Präsident Johnson soll 1967 Beschuss der «Liberty» durch Israel vertuscht haben
Der israelische Angriff 1967 auf das US-Spionageschiff «Liberty» war gezielt und vorsätzlich - behaupten zwei ehemalige Navy-Offiziere. Und sorgen nach 37 Jahren für eine neue Debatte darüber.
Die amerikanische Regierung war nie daran interessiert, zu erfahren, warum ihr Spionageschiff «USS Liberty» von israelischen Einheiten beschossen wurde. Dies zumindest behauptet ein ehemaliger Navy-Offizier, der leitender Anwalt des Untersuchungsausschusses der Marine war.
Dem Admiral, der in den sechziger Jahren die Attacke der Israelis auf das Schiff untersuchte, sei von höchster Stelle befohlen worden, nicht zu genau hinzusehen, sagte Ward Boston laut einem Bericht der «San Diego Union-Tribune». Präsident Lyndon Johnson und Verteidigungsminister Robert McNamara hätten entschieden, die Sache offiziell als Unfall zu deklarieren, obwohl sie andere Hinweise besessen hätten.
Schweigen befohlenAm 8. Juli 1967, während des Sechs-Tage-Krieges, beschossen israelische Kampfflugzeuge und Torpedoboote einen zum Spionageschiff umgebauten Frachter des amerikanischen Geheimdienstes NSA. 34 Seeleute wurden getötet, 171 verletzt. Das Schiff hatte eine amerikanische Flagge gehisst und befand sich in internationalen Gewässern. Die Regierung akzeptierte schnell die Begründung aus Israel, dass man die «Liberty» für einen ägyptischen Truppentransporter gehalten habe.
Boston, der damals an dem Untersuchungsbericht der Navy beteiligt war, hatte viele Jahre über die Affäre geschwiegen, «weil es mir gesagt wurde». Erst vor kurzem fing er an, sein Wissen anderen zu erzählen. Auch auf einer Konferenz des Außenministeriums über den Sechs-Tage-Krieg berichtete er im vergangenen Monat von dem Schweigebefehl, woraufhin in den USA die Debatte um die «Liberty» neu begann.
Unterstützt wird Boston von dem ehemaligen Admiral Thomas Moorer, der unter Präsident Richard Nixon Chef des Vereinigten Generalstabs war. Er schrieb im «Houston Chronicle», Israel habe das Schiff absichtlich und gezielt angegriffen und seine komplette Crew töten wollen, um ein Mitschneiden seines militärischen Funkverkehrs während des Krieges zu verhindern.
Überlebende fühlen sich bestätigtEine offizielle Untersuchung hat es bis heute nicht gegeben. Die Überlebenden der «Liberty» wurden nie von einem Kongressausschuss oder einem ähnlichen Gremium befragt. Lediglich der jetzt diskreditierte Navy-Bericht existierte dazu und war 37 Jahre lang, neben vielen Büchern ohne faktische Grundlage, die einzige Quelle von Informationen über den Vorfall. Erst im vergangenen Juli war das Thema neu diskutiert worden, nachdem die NSA Protokolle von damals aufgefangenen Funksprüchen der Israelis veröffentlicht hatte.
Es gibt in den USA Gruppen, die diese Darstellungen nicht teilen und zum Beispiel Boston vorwerfen, er lüge. Die Überlebenden des Angriffs dagegen glauben, dass endlich die Wahrheit gesagt wird.
«Wir fühlen uns bestätigt», zitiert «Union-Tribune» James Ennes, der damals Deckoffizier auf der «Liberty» war und bei der Attacke verwundet wurde. «Wir sagen seit 37 Jahren, dass der Untersuchungsausschuss ein Schwindel war, dass er korrupt war, dass er die Fakten ignorierte und zu Schlüssen kam, für die es keine Belege gab.»
«Es war auf keinen Fall ein Unfall», so Boston. Er hat dies zweimal eidesstattlich erklärt. Jetzt berichtet er auch darüber, wie die Navy damals zu ihrem Urteil kam.
Kein Interesse an den FaktenGemeinsam mit seinem vorgesetzten Offizier, Konteradmiral Isaac Kidd, habe er den Fall diskutiert. Der habe die Israelis damals als «mörderische Bastarde» bezeichnet, sagt Boston heute laut der Zeitung. Einen entsprechenden Bericht habe er auch nach Washington geschickt, doch dort habe man sich nicht dafür interessiert. «Sie sind nicht interessiert an den Fakten oder daran, was passiert ist. Es ist eine politische Entscheidung. Sie wollen es vertuschen», habe Kidd damals zu ihm gesagt, so Boston. Im Vertrauen habe er ihm gesagt, dass Johnson und McNamara entscheiden hätten, es als Unfall zu betrachten. Und Kidd habe auch ihm Schweigen befohlen, so Boston. Dokumente, die dies belegen, gibt es nicht. Kidd selbst starb 1999.
Erst das 2002 veröffentlichte Buch des Richters Jay Cristol habe ihn zum Reden bewegt, sagt er. Cristol ist einer der schärfsten Verteidiger der Unfall-Behauptung.
Einer der schärfsten Gegner der Unfall-These, der Buchautor James Bamford, hält die neuen Aussagen für entscheidend. «Sie werfen einen enormen Schatten auf alles, was in dem Bericht (der Navy) steht», zitiert ihn die «Union Tribune». (nz)