12.02.2004
Herausgeber: netzeitung.de
Luftaufnahme des durch Bombenangriffe zerstörten Stadtzentrums von Köln
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Mikrofilm entstaubt: Lange geheim gehaltene Luftbilder aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs können nun in einem Online-Archiv abgerufen werden. Bilderschau: Luftaufklärung im Zweiten Weltkrieg
Das britische Nationalarchiv hat Luftaufklärungs-Aufnahmen der Alliierten und der deutschen Luftwaffe aus dem Zweiten Weltkrieg im Internet veröffentlicht. Bilder, die den Kriegsverlauf entscheidend beeinflusst haben, sagte Projektleiter Allan Williams der Netzeitung.
Suche verkürztAls die Website «Evidence in Camera» im Januar online ging, war der Server dem großen Andrang nicht gewachsen. «Wir hatten mehr als eine halbe Millionen Anfragen in den ersten drei Stunden», sagt Williams. Für mehrere Tage war die Website nicht zu erreichen. Dabei kann bislang nur ein kleiner Teil der Bilder betrachtet werden. Die Mitarbeiter der
Aerial Reconnaissance Archives (ARA) arbeiten zur Zeit noch daran, eine Suchmaschine für die mehr als fünf Millionen Luftbilder einzurichten, die die Alliierten vom deutsch besetzten Westeuropa aufnahmen.
Mit deren Hilfe sollen Internetnutzer das Archiv zukünftig nach Städten, Straßen und dem Datum der Aufnahme durchsuchen können. Innerhalb von Minuten könne so gefunden werden, wonach man in den Mikrofilm-Beständen des britischen Nationalarchivs tagelang hätte suchen müssen, sagt Williams. Zudem soll das Online-Luftbild-Archiv weiter wachsen. Die Sammlung wird zur Zeit um Bilder erweitert, die die deutsche Luftwaffe über Osteuropa fotografierte.
«Bilder unschätzbaren Werts»Der Luftaufklärung wurde damals eine entscheidende strategische Bedeutung beigemessen. Diese hat sie bis heute beibehalten, wenn auch Satelliten diese Aufgaben weitgehend übernommen haben. «Es sollte sich bewahrheiten, dass die Seite mit der besseren Luftaufklärung gewinnt», sagt Williams. Doch zunächst dominierte die deutsche Luftwaffe diesen Bereich. Die von ihr fotografierten Bilder waren später eine Kriegsbeute, um die sich sowjetische und westliche Truppen ein Rennen lieferten.
Zwar gab es auf deutscher Seite den Befehl, sämtliche Bilder bei Heranrücken feindlicher Truppen zu verbrennen, doch gelang es britischen und amerikanischen Kräften einen Teil der Bilder zu erbeuten. Auf ihnen war die exakte Lage militärischer Stützpunkte und anderer strategisch wichtiger Einrichtungen in den Staaten des künftigen Warschauer Paktes zu erkennen. «Zu Beginn des Kalten Krieges, als Satellitenaufnahmen noch nicht zur Verfügung standen, hatten diese Bilder unschätzbaren Wert», sagt Williams. Sie waren daher bis nach dessen Ende unter Verschluss gehalten worden.
Unbekannte DetailsFinanziert hat sich das Archiv bislang vor allem aber über den Verkauf der Luftaufnahmen an Bombenräumdienste. Diese spüren anhand der Fotos Blindgänger auf. Die riesige Zahl von wahrscheinlich über zehn Millionen Bomben, die über Europa abgeworfen worden sind, mache diese Dienste bis heute auf täglicher Basis erforderlich, teilte die Keele University in Staffordshire mit, an der das ARSA angesiedelt ist. Williams sieht in dem Archiv vor allem einen riesigen Fundus, aus dem Historiker schöpfen könnten. Die Aufnahmen zeigten Details des Krieges, die noch nicht ausgewertet worden seien, sagt Williams.
Eines der auch für Nicht-Wissenschaftler eindrucksvollsten Bilder ist eine Luftaufnahme vom Vernichtungslager Auschwitz. Neben den Baracken sind Häftlinge zu erkennen, die zum Appell antreten mussten, während aus einem Massengrab weißer Rauch von der Verbrennung der Leichen ermordeter Insassen aufsteigt. (nz)