Canal+ bringt «die Wahrheit» über Kennedys Tod
Das Männermagazin gilt allerdings unter Paranoikern nicht als seriöse Quelle. Für sie war Ruby der Mann, der den Sündenbock Oswald - im Gegensatz zu den Verschwörern ein glühender Anhänger Castros - zu erledigen hatte, bevor er seine Rolle in der Verschwörung im Verhör bekannte.
Lyndon B. Johnson, Vizepräsident, früherer Senator aus Texas, handelte aber auch nicht etwa aus eigenem Antrieb. Er war Teil einer Verschwörung, hinter der im wesentlichen texanische Geschäftsleute standen, meinen die Autoren der Theorie.
Auch sie lebt allerdings von der Unterstellung, dass Kennedy tatsächlich der Linke, der politische Softie, der Bürgerrechtler und Revoluzzer gewesen sei, den mächtige Kreise beseitigen wollten. Genau betrachtet, war Kennedy aber ein recht durchschnittlicher Vertreter des amerikanischen Establishments, den nicht einmal der berüchtigte rechte Senator McCarthy zu seinen Feinden zählen mochte. Er unterschied sich von anderen vor allem durch seine Gabe zu wirkungsvollen öffentlichen Auftritten, wobei selbst seine allseits geschätzte und hervorgehobene Jugendlichkeit gespielt, da einer Vielzahl chronischer Krankheiten abgetrotzt war. Kennedys tatsächliche Politik hätte sich, darin sind sich viele Fachleute einig, erheblich von dem abgesetzt, was an Hoffnungen in seine weitere Amtszeit projiziert wurde, nachdem der Mord seine Zukunft jäh ins Potenzielle gewendet hatte.
Der für diese Variante der Geschichte als Gewährsmann gerade steht, ist einer der wenigen noch lebenden Akteure: Billie Sol Estes, Ex-Geschäftsmann, Ex-Subventionsbetrüger, nach eigenen Angaben zudem Ex-Vertrauter Johnsons und damit Zeuge mehrerer Mordkonspirationen, darunter jener gegen Kennedy. Estes behauptet, die Verschwörung mit Tonbändern beweisen zu können, hat das aber bislang unterlassen.
Als Estes 1984 erstmals mit dieser Geschichte herauskam, mochte sich das FBI mangels Beweisen nicht weiter darauf einlassen.
Bleiben die Fingerabdrücke «Mac» Wallaces am Tatort und überdies die relative Ökonomie und damit höhere Überzeugungskraft dieser Verschwörungstheorie, wonach (so Estes) Johnson die Mafia nicht beteiligen wollte, um sich nicht erpressbar zu machen. Der unzuverlässige Kleingangster Ruby passt in dieses Bild allerdings schlecht.
Die unbekannten texanischen Geschäftsleute hinter dem Komplott werden überdies als Ölbarone charakterisiert, die Kennedy hätten los werden wollen. Da in ihrem Interesse bekanntlich heute auch in Irak Krieg geführt wird - diesem Vorwurf sieht sich derzeit das Weiße Haus ausgesetzt -, gilt es kaum als Zufall, dass Franzosen Estes' Geschichte nun wieder ausgraben. Schließlich verfolgen sie in der arabischen Welt eigene, durchaus dubiose geschäftliche und politische Ziele mit derlei Unterstellungen. Was wiederum eine amerikanische Verschwörungstheorie ist.
In dieser Theorie kommt «Mac» Wallace naturgemäß nicht vor. Sein mysteriöser Fingerabdruck aber auch nicht.
Pointe von «The Cold Six Thousand» ist, dass die Schwarzenviertel zwar zu Drogenghettos wurden, aber der FBI-geförderte Drogenhandel teilweise aus dem Ruder lief und die falschen Kunden fand, woraufhin Tausende US-Soldaten als heroinsüchtige Soziopathen aus dem Krieg heimkehrten.
Die Romane geben nicht vor, etwas anderes als Fiktion sein zu wollen.
Die Dokumentation «JFK, Autopsie eines Verbrechens» geht indessen laut französischen Medienberichten ähnlich wie ein literarisches Werk mit der Affäre um, blendet also alle Gegenannahmen und abweichenden Fakten aus. Damit bringt nach Ansicht der Kritiker auch Canal+ durch die Präsentation banalen Augenscheins mehr Schatten ins Dunkel einer Geschichte, die so oft erzählt wurde, dass sie ganz unwirklich geworden ist. (nz)

