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Canal+ bringt «die Wahrheit» über Kennedys Tod

27. Okt 2003 14:26
John F. Kennedy
Lee Harvey Oswald mag als der Todesschütze von John F. Kennedy gelten, der eigentliche Kennedy-Mörder aber war ein anderer. Das jedenfalls will Frankreichs Fernsehsender Canal+ nachweisen.

Grundlage jeder Verschwörungstheorie ist die Behauptung, dass hinter der Realität mehr verborgen ist, als der banale Augenschein zu erkennen nahe legt. So war Lee Harvey Oswald, John F. Kennedys mutmaßlicher Mörder, laut einer solchen paranoisch aufgeladenen Geschichte der Sündenbock für eine Kamarilla aus Mafia, FBI und rechtsextremen Society-Mitgliedern, die Kennedys Tod wollten.

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Drei Gründe dafür werden genannt: Er drohte die USA moralisch zu sehr zu liberalisieren, er setzte gemeinsam mit seinem Bruder Robert das organisierte Verbrechen unter Druck und erwies sich als zu nachgiebig gegenüber der Sowjetunion und ihren Satelliten.

Ungeeignet

Oswald wurde von dem Nachtclubbesitzer Jack Ruby ermordet, der dazu von denselben Verschwörern erpresst worden war, wie viele glauben, die nicht auf Hilfssheriff Burk hören. Der sagte dem «Hustler» vor einigen Jahren, Ruby sei ein erstklassiker Choleriker, dafür aber ein letztklassiger Gangster gewesen und als Verschwörer ganz ungeeignet. Burk hält Rubys eigene Version der Tat für wahrscheinlich, dass er aus Mitleid für Kennedys Witwe gehandelt habe, um ihr die Zeugenaussage in einem Oswald-Prozess zu ersparen.

Das Männermagazin gilt allerdings unter Paranoikern nicht als seriöse Quelle. Für sie war Ruby der Mann, der den Sündenbock Oswald - im Gegensatz zu den Verschwörern ein glühender Anhänger Castros - zu erledigen hatte, bevor er seine Rolle in der Verschwörung im Verhör bekannte.

Der wahre Schütze

Denn Oswald hat nicht geschossen. Das steht für viele fest. Auch für den französischen Digital-TV-Sender Canal+. Dessen Abonnenten werden am heutigen Montagabend mit einer keineswegs neuen, ganz anders beschaffenen Verschwörungsgeschichte versorgt. Und mit einem Beweis, einem echten, nämlich einem Fingerabdruck, gefunden in der fünften Etage des Lagerhauses, aus dem heraus Kennedy erschossen wurde. Es ist der Abdruck von Malcolm Everett Wallace. Der wiederum, ein Berufsverbrecher, war am Tag der Ermordung Kennedys demnach schon seit einigen Jahren für einen Spitzenpolitiker tätig, der später tun sollte, was Kennedy angeblich ablehnte, nämlich einen Krieg in Vietnam beginnen.

Lyndon B. Johnson, Vizepräsident, früherer Senator aus Texas, handelte aber auch nicht etwa aus eigenem Antrieb. Er war Teil einer Verschwörung, hinter der im wesentlichen texanische Geschäftsleute standen, meinen die Autoren der Theorie.

Auch sie lebt allerdings von der Unterstellung, dass Kennedy tatsächlich der Linke, der politische Softie, der Bürgerrechtler und Revoluzzer gewesen sei, den mächtige Kreise beseitigen wollten. Genau betrachtet, war Kennedy aber ein recht durchschnittlicher Vertreter des amerikanischen Establishments, den nicht einmal der berüchtigte rechte Senator McCarthy zu seinen Feinden zählen mochte. Er unterschied sich von anderen vor allem durch seine Gabe zu wirkungsvollen öffentlichen Auftritten, wobei selbst seine allseits geschätzte und hervorgehobene Jugendlichkeit gespielt, da einer Vielzahl chronischer Krankheiten abgetrotzt war. Kennedys tatsächliche Politik hätte sich, darin sind sich viele Fachleute einig, erheblich von dem abgesetzt, was an Hoffnungen in seine weitere Amtszeit projiziert wurde, nachdem der Mord seine Zukunft jäh ins Potenzielle gewendet hatte.

Acht Morde

«Mac» Wallace hat angeblich für Johnson acht Morde begangen, einschließlich jenem an Kennedy. Er war es nach dieser Lesart auch, der Ruby rekrutiert hatte, der wiederum Oswald als Mörder anwarb.

Der für diese Variante der Geschichte als Gewährsmann gerade steht, ist einer der wenigen noch lebenden Akteure: Billie Sol Estes, Ex-Geschäftsmann, Ex-Subventionsbetrüger, nach eigenen Angaben zudem Ex-Vertrauter Johnsons und damit Zeuge mehrerer Mordkonspirationen, darunter jener gegen Kennedy. Estes behauptet, die Verschwörung mit Tonbändern beweisen zu können, hat das aber bislang unterlassen.

Als Estes 1984 erstmals mit dieser Geschichte herauskam, mochte sich das FBI mangels Beweisen nicht weiter darauf einlassen.

Bleiben die Fingerabdrücke «Mac» Wallaces am Tatort und überdies die relative Ökonomie und damit höhere Überzeugungskraft dieser Verschwörungstheorie, wonach (so Estes) Johnson die Mafia nicht beteiligen wollte, um sich nicht erpressbar zu machen. Der unzuverlässige Kleingangster Ruby passt in dieses Bild allerdings schlecht.

Die unbekannten texanischen Geschäftsleute hinter dem Komplott werden überdies als Ölbarone charakterisiert, die Kennedy hätten los werden wollen. Da in ihrem Interesse bekanntlich heute auch in Irak Krieg geführt wird - diesem Vorwurf sieht sich derzeit das Weiße Haus ausgesetzt -, gilt es kaum als Zufall, dass Franzosen Estes' Geschichte nun wieder ausgraben. Schließlich verfolgen sie in der arabischen Welt eigene, durchaus dubiose geschäftliche und politische Ziele mit derlei Unterstellungen. Was wiederum eine amerikanische Verschwörungstheorie ist.

Gegenverschwörung

Natürlich gibt es noch eine weitere, die ultimative Verschwörungstheorie. Demnach ist es die nackte Wahrheit, basierend allein auf Fakten, entkleidet um Spekulationen und reduziert auf Ermittlungsergebnisse sowie die Akten der Warren-Kommission, die sich mit dem Mord und seinen Umständen befasste, dass Oswald ein psychopathischer Einzeltäter war. Alles andere sei, unter anderem vom sowjetischen KGB in die Welt gesetzte, Desinformation zur Auflösung der amerikanischen Ordnung, meinen die Vertreter dieser Version.

In dieser Theorie kommt «Mac» Wallace naturgemäß nicht vor. Sein mysteriöser Fingerabdruck aber auch nicht.

Letzte Wahrheiten

Wer letzte Wahrheiten über die Morde an John F. und Robert Kennedy sowie Martin Luther King erfahren will, ist dennoch weniger gut bei Canal+ aufgehoben als bei James Ellroy. Der amerikanische Thriller-Autor zieht eine komplexe Verbindung zwischen den drei Morden, der Mafia, der Kuba-Krise, rechtsextremer Korruption im FBI und dessen angeblichen Plänen, die durch den Vietnamkrieg erzeugte Unordnung in Asien auszunutzen, um Schwarzenviertel in den USA mit Drogen zu überschwemmen mit dem Ziel, die Bürgerrechtsbewegung zu brechen. «American Tabloid» und «The Cold Six Thousand» heißen die beiden Romane, gegen die Oliver Stones «JFK»-Film wie die Fingerübung eines Anfängers in Sachen Konspirationstheorien wirkt.

Pointe von «The Cold Six Thousand» ist, dass die Schwarzenviertel zwar zu Drogenghettos wurden, aber der FBI-geförderte Drogenhandel teilweise aus dem Ruder lief und die falschen Kunden fand, woraufhin Tausende US-Soldaten als heroinsüchtige Soziopathen aus dem Krieg heimkehrten.

Die Romane geben nicht vor, etwas anderes als Fiktion sein zu wollen.

Die Dokumentation «JFK, Autopsie eines Verbrechens» geht indessen laut französischen Medienberichten ähnlich wie ein literarisches Werk mit der Affäre um, blendet also alle Gegenannahmen und abweichenden Fakten aus. Damit bringt nach Ansicht der Kritiker auch Canal+ durch die Präsentation banalen Augenscheins mehr Schatten ins Dunkel einer Geschichte, die so oft erzählt wurde, dass sie ganz unwirklich geworden ist. (nz)

 
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