01.01.2009
Herausgeber: netzeitung.de
Plakat in Havanna zum 50. Jahrestag der Revolution auf Kuba
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Die Kluft ist groß auf Kuba: Die Fidel-Anhänger feiern die Revolution vor 50 Jahren, viele junge Leute wünschen sich dagegen mehr Freiheiten. Eine Reportage aus dem Land von «Cohibas» und Stillstand.
Für die Touristen legen sie immer noch ihre olivfarbenen Uniformen an und stimmen Songs zu Ehren von Fidel Castro an. Seit Jahrzehnten leben die fünf Musiker in Häusern, die der «Maximo Lider» für sie einst in der Gebirgsregion Sierra Maestra bauen ließ, die als Wiege der Revolution gilt. Zu deren 50. Jahrestag haben sie nun sogar neue Mopeds erhalten. Wie die meisten älteren Kubaner stehen sie auch heute noch voll hinter dem Kommunismus anders als viele junge Menschen, die sich einen Wechsel wünschen.
«Vor der Revolution konnte ich nicht lesen», erinnert sich der heute 73-jährige Ruben La O, der mit Castros Rebellen kämpfte und nach dem Sieg der Revolution von ihnen als Leadsänger eines Quintetts angeworben wurde. «Bildung ist eine mächtige Waffe. Die meisten Leute verstehen das nicht, aber Fidel versteht es.» Zusammen mit seinen fünf Bandkollegen trat La O unter anderem im «Radio Rebelde» auf, dem 1958 von Ernesto «Che» Guevara gegründeten Propagandasender.
Viele junge Kubaner wissen die Bedeutung einer guten Ausbildung nach Ansicht von La Os Bruder Alcides nicht mehr zu schätzen. «Es gibt viele Schulen und viele Menschen, die nichts lernen wollen», sagt der 69-jährige Gründer und Gitarrist des Quintetts. «Sie nutzen nicht, was ihnen zur Verfügung steht.»
«Die Leute sind bereit für Neues»Alejandro, ein in der Nähe lebender Feldarbeiter, sagt, das Problem der jungen Leute sei nicht Trägheit, sondern fehlende Freiheit. «Solidarität ist schön und gut», sagt der 26-Jährige. «Aber sie ist ein Ersatz für politischen Wandel. Die Leute sind bereit für Neues. Viele sind sehr frustriert.» Ähnlich äußert sich Juan Gonzalez, der ebenfalls in der Sierra Maestra im Osten Kubas lebt. «Die Leute tun, was sie können. Sie können nicht nur herumsitzen und darauf warten, dass sie alles von der Regierung bekommen», sagt der 59-Jährige. «Wenn sie darauf warten würden, dass die Regierung alle ihre Versprechen erfüllt, müssten sie lange warten. Vielleicht weitere 50 Jahre.»
In der Sierra Maestra, 800 Kilometer von der Hauptstadt Havanna entfernt, gelang es Castros Guerilla im Mai 1958, die Oberhand über mehr als 10.000 Soldaten von Diktator Fulgencio Batista zu gewinnen. Dies führte schließlich zu Batistas Flucht ins Ausland am 1. Januar 1959. Castro erklärte den Sieg der Revolution und übernahm die Macht.
Die Hoffnungen vieler Kubaner auf eine glänzende Zukunft haben sich seitdem vor allem auf dem Land nicht unbedingt erfüllt. In der Sierra Maestra gibt es erst seit den 80er Jahren fließendes Wasser, Strom und Telefon. Viele Familien leben immer noch in einfachen Hütten und waschen ihre Wäsche im Fluss. Auf den Straßen sind weit mehr Ochsen- und Eselkarren unterwegs als Autos und Lastwagen. Der einzige Rettungswagen für das ganze Gebiet ist bereits seit Jahren kaputt, was schon einige Menschen das Leben kostete.
Eine Schnellstraße ohne VerkehrEiner der Bewohner der Region ist Luis Angel Segura, der Touristen zu den Schauplätzen der Revolution führt. Auch er ärgert sich inzwischen über die strengen staatlichen Vorgaben. So dürften etwa die Bauern der Sierra Maestra nur das anbauen, was Havanna ihnen erlaube und seien gezwungen, ihre Ernte ausschließlich an die Regierung zu verkaufen. «Es sollte mehr Autonomie geben», sagt Segura. «Aber es heißt ja immer nur: 'Wir sind alle Kuba'.»
In dem entlegenen Gebiet um Castros ehemaligen Wohnsitz Comandancia de la Plata herum leben heute etwa 600 Menschen. Wie fast alle Kubaner leben sie mietfrei und erhalten jeden Monat ihre staatliche Ration an Grundnahrungsmitteln. Die Regierung ließ eine Schnellstraße durch das Gebiet ausbauen, doch die wird so wenig befahren, dass die Kaffeebauer dort ihre Bohnen zum Trocknen auslegen. Ziegen, Schweine, Esel und Hunde schlafen ungestört auf dem Asphalt.
Viele Familien haben sich mit Hilfe staatlicher Kredite einen Fernseher gekauft - mit denen sie aber in der Gebirgsregion kaum Sender empfangen können. Um die Lücke zu füllen, gibt es kommunale «Videoclubs», in denen raubkopierte Filme gezeigt werden. Regelmäßig treffen sich die Bewohner zum «Komitee zur Verteidigung der Revolution», wo kommunale Fragen besprochen werden. Dabei herrscht Anwesenheitspflicht. «Alles ist gut organisiert», räumt Julia Castillo aus Sierra Cristal ein. «Aber die Leute beschweren sich, und nichts passiert.» (Will Weissert, AP)