Der Duden und die DDR: 

netzeitung.deÄh, Genosse, nur mal eine Frage

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Ob 'Trabant' im Duden stand? (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Ob 'Trabant' im Duden stand?
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Vormarsch, Klasseninteresse, Friedenswacht: Ja, diese Worte gab es in der DDR. Aber: nicht im Duden. Was Damir Fras im Nachhinein zu einer launigen Betrachtung animiert.

Wer kann helfen? Wie kam ein DDR-Bürger, der es nicht wusste, im Jahr 1968 dahinter, wie sich das Wort «Friedenswacht» schrieb? Was machte der arme Mann? Rief er in der SED-Kreisleitung an und fragte: «Äh, Genosse, nur mal eine Frage. Ich schiebe hier Friedenswacht und soll meinem Chef einen Bericht schreiben. Nun weiß ich leider nicht, ob man Friedenswacht mit oder doch ohne Fugen-S schreibt.» Kann sein, dass es so war. Kann sein, dass es der Genosse Kreisleiter wusste. Oder auch nicht - dann hatte der Mann auf Friedenswacht ein echtes Problem.

In seiner Duden-Ausgabe jedenfalls fand der arme Mann den Begriff nicht. Es gab ihn einfach nicht. Das fanden die Bonner Sprachforscher Manfred Hellmann und Arne Schubert 1968 heraus, nachdem sie monatelang die im Jahr zuvor in 16. Auflage erschienenen Ausgaben von Duden West und Duden Ost miteinander verglichen hatten.

Ertstaunliches über den DDR-Wortschatz
Dabei kam Erstaunliches über den DDR-Wortschatz zu Tage, wie das Hamburger Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» im Dezember 1968 meldete. Dutzende von Wörtern waren im wichtigsten Rechtschreibe-Werk aus dem volkseigenen Bibliographischen Institut in Leipzig einfach nicht aufgeführt. So, als existierten sie nicht.

Dabei waren das Wörter, die die damalige Einzigartigkeit des damaligen Staates der Arbeiter und Bauern klangvoll beschrieben. Es fehlten Wörter wie Vormarsch (war doch wichtig, weil es die Richtung angab), Klasseninteresse (war wichtiger, weil es den Leuten sagte, wo sie zu stehen hatten), Abgabesoll (war noch wichtiger, weil die Leute dann genau wussten, wie viel sie zu arbeiten hatten), Staatssicherheitsdienst (war am wichtigsten, weil Schild und Schwert der Partei und wahrscheinlich größter Arbeitgeber der DDR) und Republikflucht (war am allerwichtigsten, weil verboten).

Urtypus des sozialistischen Bildungswesens
Nicht einmal den Arbeiterstudenten, diesen Urtypus des sozialistischen Bildungswesens, fanden die Forscher Hellmann und Schubert im Duden Ost. Und auch nicht den Neofaschisten, den zu bekämpfen doch die Partei alle Menschen im Land aufgerufen hatte. Ganz zu schweigen von der Arbeiterklasse, die der Duden Ost nicht aufführte, wobei die doch die wichtigste Klasse aller Klassen in der damals noch nicht ganz klassenlosen DDR-Gesellschaft war.

Selbst die Betriebskampfgruppe, diese die Arbeiterschaft so verbindende Einheit, war der Leipziger Duden-Redaktion keinen Eintrag wert. Warum die Wörter im Duden Ost fehlten, war den Bonner Wissenschaftlern nicht so recht ersichtlich. War es tatsächlich so, wie der Germanist Willi Steinberg aus Halle behauptete? Der die Leipziger Duden-Ausgabe lobte, weil sie «alle Wörter führt, die Heldentum der Arbeit und Taten unserer Menschen für Frieden und Freiheit widerspiegeln». Der hinzufügte, dass der Duden West aus Mannheim «Wörter wie Armenhaus, Arbeitgeber, Armenrecht und Auslandsdeutsch» aufnehmen solle und schlussfolgerte: «Bei uns sind Wort und Sache längst überwunden.»

Wenn dem wirklich so war, dann erklärt sich auch das Fehlen von Wörtern wie Rechtsstaat, Sozialstaat, Einheitsfront und Friedenskampf in der Leipziger Ausgabe. Eine genauere Erklärung fanden Hellmann und Schubert offenbar nicht. Immerhin konstatierten sie eine gewisse Verbesserung gegenüber der 15. Auflage aus dem Jahr 1957. Damals waren Wörter wie Abfalleimer und Arbeiterbewegung im DDR-Duden nicht aufgeführt.Bewaffnung: Kampfgruppen im Naturkundemuseum Berlin.

Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der «Berliner Zeitung».