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Erinnerungen einer Zeitzeugin: 

«Du auch!» – Das Ende des Prager Frühlings

20. Aug 2008 17:00
Panzer in Prag am 21. August 1968
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«Prag 1968, das war der Aufschlag auf dem Boden der Ernüchterung», schreibt «Berliner Zeitungs»-Autorin Regine Sylvester. Die Nachricht von Panzern in der tschechischen Hauptstadt beendete damals nicht nur ihren Urlaub.

Sie standen in Badesachen und weinten. Zwischen ihnen schepperte ein Kofferradio, aus dem Schreie kamen und Schüsse. Männer und Frauen hoben die Faust, sie sangen am Ufer des ungarischen Balatons die tschechoslowakische Nationalhymne. Andere Urlauber, auch meine Schwester und ich, standen daneben und verstanden nichts.

Jemand übersetzte: Die Armeen des Warschauer Paktes waren am frühen Morgen in Prag einmarschiert, mit Panzern gegen die gewählte sozialistische Regierung. Eine Tschechin zeigte mit dem Finger auf mich: «Du auch!» Ich?

Der Vorwurf traf

Ich war eine Ostdeutsche. Auch wenn die DDR sich nicht militärisch beteiligte - auf Anordnung Breschnews mussten ihre Einheiten im Grenzgebiet biwakieren und in Bereitschaft bleiben - traf der Vorwurf. Seit dem Frühjahr gab es Anzeichen, dass der «Sozialismus mit menschlichem Antlitz» in Gefahr war. Die meisten DDR-Bürger hatten nichts riskiert, was unseren mutigen Nachbarn unterstützt hätte.

Die ostdeutschen Urlauber fuhren dann drei Tage lang - oben um das okkupierte Land herum - über die Ukraine und Polen zurück. Wir stiegen mehrmals um, warteten auf Weiterfahrt, es gab wenig Trinkwasser und keine Verpflegung. Verschwitzt und verdreckt kamen wir in Görlitz an und wuschen uns in Schüsseln auf dem Bahnsteig.

Boden der Ernüchterung

Prag 1968, das war der Aufschlag auf dem Boden der Ernüchterung, gefolgt von einer neuen Eiszeit. Junge Leute, die mit Flugblättern gegen den Einmarsch protestierten, gingen in den Bau, Florian Havemann zum Beispiel war da erst sechzehn Jahre alt. Die Einschüchterung saß mit großen Ohren am Nebentisch, sie prüfte jeden Artikel, jeden Film und jedes Buch auf Virusspuren aus dem Nachbarland.

Die organisierte Vergatterung zeigte sofort Ergebnisse: Parteien und Verbände sprachen von «Konterrevolution» und «brüderlicher Hilfe». Große und kleine Namen gaben Ergebenheitsadressen ab. Ein bekannter Schauspieler verkündete in der Fernsehkantine, dass der Genosse Dubcek für ihn nur noch ein Herr Dubcek sei. Er hielt das für eine große Strafe. Nur der Schriftsteller Franz Fühmann rang dem Datum einen Vorteil ab und erzählte seitdem, dass Leonid Breschnew sein Leben gerettet habe, weil er, Fühmann, seit dem 21. August 1968 nie mehr einen Tropfen Alkohol getrunken habe.

Verändertes Leben

Für einige Zeit war die Grenze zu. Als ich wieder nach Prag reisen durfte, hatte sich das Leben der Freunde geändert. Akademiker, die zu den Reformkommunisten gehört hatten, waren Friedhofsgärtner geworden oder Straßenfeger, ihre Kinder durften nicht studieren. Eine ältere Germanistikdozentin schleppte bei der Post schwere Pakete und rieb sich abends die geschwollenen Beine mit Schlangengiftsalbe ein. Alexander Dubcek, ausgeschlossen aus seiner Partei, arbeitete in der Forstwirtschaft. Viele entzogen sich durch die Emigration. Und im Januar 1969 verbrannte sich Jan Palach auf dem Wenzelsplatz.

Die Opposition bei uns blieb in Zirkeln, sie wurde verfolgt oder verzehrte sich durch Ausreisen. Nach 1968 wurde der Ausbau des Ministeriums für Staatssicherheit beschleunigt. Auf Ulbricht folgte Honecker, die Sozialprogramme und die gekaufte Ruhe im Land, mit russischen Panzern im Hintergrund. Die Gefahr verschwand erst mit Gorbatschow. Wir in der DDR waren in die Niederschlagung des Prager Frühlings verstrickt durch Duldung.

[Dieses Autorenstück übernahm die Netzeitung mit freundlicher Genehmigung der «Berliner Zeitung».]

 
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