60 Jahre Soziale Marktwirtschaft:
Kein Wunder – aber viele Legenden
18. Jun 2008 20:54
 |  Der VW Käfer - Symbol des Wirtschaftswunders
| Foto: Werk |
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Lebensmittel waren rationiert, Zigaretten die Leitwährung. Dann kam die D-Mark. Und damit das Wirtschaftswunder. Oder? Der Redakteur der «Berliner Zeitung»
Christian Bommarius sagt: Etwas anderes war viel wunderbarer.
Die Bundesrepublik Deutschland ist am 20. Juni 1948 entstanden. Zwar verlegen die Geschichtsbücher den Geburtstag auf den 23. Mai 1949, an dem das Grundgesetz in Bonn verkündet wurde. Aber das kollektive Gedächtnis der Westdeutschen hat es jahrelang besser gewusst und die Währungsreform vom 20. Juni 1948 als Gründungsakt der Republik gespeichert. Kein anderes Ereignis der ersten Nachkriegsjahre hat das Selbstverständnis Westdeutschlands so tief geprägt wie die Einführung der D-Mark, kein anderer Tag war mit so freundlichen Empfindungen besetzt und mit so vielen falschen Erinnerungen verbunden.
Die Geschichten, die sich die Bundesbürger darüber jahrzehntelang immer und immer wieder erzählten, verliefen alle nach dem Muster «per aspera ad astra» – nach drei schwarzen Jahren der Besatzungszeit, der Entbehrungen, der Verzweiflung und Not habe ihnen mit dem neuen Geld endlich wieder das Licht der Hoffnung geleuchtet, mit ihm sei die Zuversicht in das westdeutsche Leben zurückgekehrt und mit der Zuversicht der Tatendrang.
Zigarette als Leitwährung
Für die westdeutsche Nachkriegsgeschichte hatte die Währungsreform eine immense Bedeutung. Die wirtschaftliche Lage in den Besatzungszonen aller vier Siegermächte des Zweiten Weltkriegs war im Sommer 1948 noch immer katastrophal, Lebensmittel waren rationiert, die Zigarette war die Leitwährung, der Schwarzmarkt das örtliche Handelszentrum. Nicht einmal die Zusammenlegung der amerikanischen und der britischen Zone («Bizone») hatte die Lage verbessert. Mit der Währungsreform verschwand nicht nur die seit Kriegsende fast komplett entwertete Reichsmark, auch der Schwarzmarkt war von einem Tag auf den anderen verschwunden, und die Regale in den Läden füllten sich. Die Legende, damals hätten «alle» bei null angefangen, beruht auf dem Umstand, dass jeder 60 D-Mark erhielt. Benachteiligt aber waren die Sparer, deren Vermögen über Nacht weitgehend verdampfte, bevorzugt die Eigentümer von Immobilien und anderen Sachwerten.Im Sommer 1948 hat auch keineswegs – wie ebenfalls die Legende behauptet – das deutsche «Wirtschaftswunder» begonnen. Mit der Einführung der neuen Währung hatte Ludwig Erhard, der Direktor der Verwaltung für Wirtschaft in der Bizone und damit faktisch der Wirtschaftsminister, zugleich die Zwangsbewirtschaftung – also die Rationierung von Produktion und Verteilung – und die meisten Preisbindungen aufgehoben. Die Folge war ein extremer Anstieg der Preise, die Arbeitslosigkeit verdoppelte sich binnen eines halben Jahres, und am 12. November 1948 kam es zum Generalstreik. Aber schon im Frühjahr 1949 waren die ersten Anzeichen des Aufschwungs unübersehbar, der Triumph Erhards als Vater der «sozialen Marktwirtschaft» und des «Wirtschaftswunders» begann. Insofern ist das freudige Andenken, das die Westdeutschen dem 20. Juni 1948 lange Zeit bewahrten, leicht zu verstehen.
Berlin-Blockade wird gern übersehen
Andererseits wurde stets gerne übersehen, dass vier Tage später in West-Berlin die Lichter ausgegangen waren und die Blockade der in vier Sektoren zerlegten Stadt durch die Sowjetunion begonnen hatte. Das war eine Reaktion auf die Ausdehnung der Währungsreform auch nach West-Berlin, und beides – Währungsreform und Blockade – waren nur weitere Schritte auf dem Weg zur deutschen Teilung. Das Zerwürfnis der Siegermächte, der Kalte Krieg bildete den Rahmen, innerhalb dessen sich die Währungsreform vollzog. Sie war die Voraussetzung für die Aufnahme der West-Zonen in den Marshall-Plan, ein gigantisches Hilfsprogramm, mit dem die USA den wirtschaftlichen Wiederaufbau Europas – nebenbei einer ihrer wichtigsten Absatzmärkte – ankurbelten. Man kann sagen: Hätten die Westdeutschen die drohende Teilung Deutschlands damals wirklich als Tragödie empfunden, dann hätten sie die Währungsreform als deren vorletzten Akt betrachten müssen. Aber in einer Umfrage des Jahres 1948 bekannte sich nur noch einer von vier Westdeutschen zu der Hoffnung, die vier Siegermächte würden sich doch noch auf eine Regelung über Gesamtdeutschland einigen.
Es hat lange gedauert, bis die Bundesbürger begriffen haben, dass der Geburtstag der Republik tatsächlich auf den 23. Mai 1949 fiel und nicht auf den 20. Juni im Jahr zuvor. Aber so war es: Das Wunder, das in Deutschland – teils früher, teils später – tatsächlich stattgefunden hat, war nicht das Wirtschaftswunder, sondern das Wunder der Demokratie.
[Diesen Autorentext übernahm die Netzeitung mit freundlicher Genehmigung der «Berliner Zeitung».]