80. Geburtstag des «Commandante»:
Konsequent, revolutionär, Che Guevara
14. Jun 2008 09:56
 |  Che Guevara | Foto: AP |
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Mythos und Märtyrer, Ikone und Idealist: Der kubanische Revolutionsführer passte nie in ein Schema und stieß mit großem Radikalismus und realitätsfernem Idealismus oft an Grenzen. Ein Rückblick zu seinem Geburtstag.
Wenn ein Mann zum Mythos und sein Gesicht zur Ikone geworden ist, bleibt die Frage: Wie lebte und was tat der Mann wirklich? Und wenn es sich dabei gar noch um den populärsten und vielleicht attraktivsten Revolutionär des 20. Jahrhunderts, um Ernesto «Che» Guevara handelt, dann darf die Schilderung seines kurzen, aber folgenreichen Wirkens und Nachruhms die Nebelwände der Verklärung und Verteufelung nicht scheuen, um ihm gerecht zu werden.
Am 14. Juni wäre «Che» 80 Jahre alt geworden wäre, Unbestritten war der gebürtige Argentinier, der erst zum Idol der kubanischen Revolution, dann der sozialrevolutionären Rebellen in der Dritten Welt und schließlich der linken Szene Europas aufstieg, ein Mann mit Charisma, Glaubwürdigkeit und konsequenter Opferbereitschaft. Seine Ermordung im bolivianischen Dschungel am 9. Oktober 1967 hat den Mediziner, der Politiker und Guerillaführer wurde, zum Märtyrer und sogar zu einer Art Heiligenfigur gemacht. Denn dieser frühe Tod setzte Guevara nicht jenem unerbittlichen politischen Verschleißprozess aus, der vielen seiner einstigen Mitkämpfer in Kuba beschieden war. Niemand vermag sich den ewig jugendlichen «Commandante Che» mit dem roten Stern auf der Mütze und der Havanna-Zigarre im Mund als dogmatisch-bornierten Greis vorstellen. Tatsächlich ist Guevara das Schicksal von Fidel Castro erspart geblieben, der ein halbes Jahrhundert lang die Revolution auf der Karibikinsel bis zu seinem krankheitsbedingten Rückzug verwalten musste. Guevara wie Castro stammen beide keineswegs aus armen Verhältnissen. Als der spätere Revolutionär im argentinischen Rosario 1928 geboren wurde, lebten seine Eltern in gut situierten Verhältnissen. Der kleine Ernesto, erstes von fünf Kindern des Paares, litt an Asthma, eine sein gesamtes Leben mitprägende Krankheit. Er konnte erst verspätet die Schule besuchen, 1946 machte er Abitur.
Der Internationalist an Castros Seite
Der Tod der geliebten Großmutter bewegte den jungen Mann zum Studium der Medizin an der Universität von Cordoba. Guevara war ein ernsthafter Student, den allerdings unwiderstehlich die Reiselust packte. Im Dezember 1951 brach er mit seinem Freund Alberto Granado auf, um auf einem wackligen Motorrad Südamerika zu entdecken. In Chile, Peru und Bolivien wurden die beiden Studenten aus dem damals noch sehr wohlhabenden Argentinien mit Armut und Ausbeutung vieler Menschen dieser Länder konfrontiert. Zwar kehrte Guevara zurück, um in Buenos Aires im April 1953 seinen Doktortitel zu erwerben. Doch schon im Juli des gleichen Jahres verabschiedete sich der 25-Jährige faktisch für immer von der Heimat und seiner Familie. Es folgte eine zweite, bereits deutlich politisierte Reise durch Südamerika, die in Guatemala endete. Dort kam es zu schicksalhaften Begegnungen seines Lebens: Guevara lernte die Peruanerin Hilda Gadea kennen, seine erste Ehefrau.
Er las intensiv marxistische Literatur und bekam schließlich Kontakt zu Exilkubanern. Dieser Kontakt führte im Sommer 1955 nach Mexiko zur ersten Begegnung mit Castro. Guevara notierte damals in seinem Tagebuch über seinen Eindruck von dem Kubaner: «Jung, intelligent, sehr selbstbewusst und außerordentlich mutig. Ich glaube, wir sind uns sympathisch...».
Kubaner ehrenhalber
In Guatemala erhielt Guevara auch seinen Spitznamen «Che», was soviel wie «Hallo» bedeutet und eine für Argentinier gebräuchliche Bezeichnung in Süd- und Mittelamerika ist. Inzwischen bereits Vater einer Tochter, schloss sich «Che» Castros Gruppe als Mediziner an und gehörte zu denjenigen, die nach abenteuerlicher Schiffsreise am 2. Dezember 1956 an der kubanischen Küste landeten. In den folgenden zwei Jahren erwies sich der Arzt als fähiger militärischer Führer und Stratege, der nicht geringen Anteil am Triumph der revolutionären Guerillakämpfer über den von den USA unterstützten kubanischen Diktator Fulgenico Batista hatte. Einen Monat nach dem Sieg am 1. Januar 1959 wurde Guevara von den neuen Machthabern zum «geborenen kubanischen Staatsbürger» ernannt. Er selbst hat sich aber stets als Internationalist verstanden und auch entsprechend gehandelt. Deshalb konnte ihn die folgende Tätigkeit als Leiter der Nationalbank Kubas und Industrieminister nicht befriedigen, zumal der ökonomisch unerfahrene Politiker in diesen Positionen an zu großem Radikalismus und realitätsfernem Idealismus scheiterte. Guevaras Umgang mit politischen Feinden und Gefangenen wird als rücksichtslos beschrieben. Seine dokumentierten Äußerungen zur Kuba-Krise 1962, in denen er einen sowjetischen Atomkrieg gegen die USA befürwortete, waren schockierend menschenverachtend.
Bewunderer und Verächter
Aber es war kein Zyniker, der seinen nachrevolutionären Frustrationen in Kuba mit ebenso abenteuerlichen wie erfolglosen militärischen Expeditionen zur Verbreitung des revolutionären Marxismus in Afrika und in Bolivien zu entfliehen suchte. Der argentinische Arzt, fünffache Vater, leidenschaftliche Leser und glänzende Schreiber war vielmehr ein Mann, der mit äußerster Konsequenz und Härte seinen Weg ging.Dieser Weg verhieß kein langes Leben. Ob einer wie Ernesto Che Guevara als Vorbild taugt, wird umstritten bleiben. Als Mythos und Legende, als Ikone und Märtyrer dürfte er im Gedächtnis der Menschheit gewiss seinen Platz behaupten, bei Bewunderern und Verächtern gleichermaßen. (Wolfgang Hübner, AP)