06.12.2007
Herausgeber: netzeitung.de
Europa im Weltraum
Foto: Esa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Das Weltraumlabor «Columbus» ist das Herzstück der europäischen Beteiligung an der Internationalen Raumstation ISS. Eine Geschichte, die 20 Jahre zurück reicht.
Zwei Jahrzehnte nach der Grundsatzentscheidung über den Bau eines europäischen Weltraumlabors startet «Columbus» nun endlich zur ISS. Am Donnerstagabend ist es soweit, um 22.31 Uhr (MEZ) bringt die Raumfähre «Atlantis» die überdimensionale Tonne ins All. Die Wetteraussichten sind gut und nachdem noch einmal alle Systeme überprüft wurden, kam am Dienstagabend nach einer Sitzung führender Manager die Startfreigabe. «Es ist für einen Briten gar nicht so einfach zu sagen, dass er aufgeregt ist», erklärte Alan Thirkettle, der bei der Esa für die ISS zuständig ist. «Aber wir sind sehr, sehr aufgeregt. Wir warten darauf, dass 'Columbus' dahin kommt, wo es hingehört.»
«Wir hoffen, dass wir jetzt am Ende des Anfangs sind», sagte Thirkettle. Auch Esa-Generaldirektor Jean-Jacques Dordain kann seine Vorfreude nicht verbergen: «Ich warte seit 20 Jahren, seit ich bei der Esa bin, auf den Beginn des Columbus-Programms», sagte er der Nachrichtenagentur AP. «Und ich bin daher ohne Zweifel die Person in Europa, die dem Start des Labors am ungeduldigsten entgegenblickt.»
1,36 Milliarden Euro ließen sich die Europäer ihren wichtigsten Beitrag zum «Außenposten der Menschheit im All» kosten, wobei Deutschland die führende Rolle übernommen hat. Zusammengebaut und integriert wurde das High-Tech-Labor für Experimente in der Schwerelosigkeit vom Konsortialführer EADS Astrium in Bremen.
Insgesamt flossen Aufträge im Umfang von 450 Millionen Euro an die deutsche Industrie zurück, wie Volker Sobick vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) erläutert. Der deutsche Astronaut Hans Schlegel gehört zur «Atlantis»-Crew und wird maßgeblich für das Andocken, den Anschluss und die Verkabelung von «Columbus» an die ISS verantwortlich sein. Und schließlich wird das Labor vom DLR-Kontrollzentrum in Oberpfaffenhofen überwacht.
Das von einer mehreren Zentimeter dicken mehrschichtigen Außenhülle aus Aluminium, Kevlar und Nextel gegen Mikro-Meteoriten und Weltraumschrott geschützt Modul ist keine «Fabrik im All», sagt Sobick. Der Zylinder ist knapp sieben Meter lang und misst 4,5 im Durczhmesser. In den fünf standardisierten Nutzlastschränken des Moduls werden mehr als 100 wissenschaftliche Experimente in der Schwerelosigkeit ablaufen.
Versuche in den Gebieten Biologie, Medizin, Plasmakristall-Forschung und Materialwissenschaften sind ausgewählt und warten auf ihre Umsetzung. «Columbus» ist für eine Laufzeit von mindestens zehn Jahren ausgelegt, doch Sobick hofft mit Blick auf die nahezu unverwüstliche russische Raumstation «Mir», dass das Labor auch länger im Einsatz bleibt.
Die Planungen von «Columbus» reichen bis in die 80er Jahren zurück: 1987 beschloss der Esa-Ministerrat den Bau des Labors, 1996 vergab die Esa den Auftrag an die spätere EADS. Als die Raumfähre «Columbia» 2003 beim Wiedereintritt in die Atmosphäre verglühte und die Nasa ein Startverbot für die gesamte Shuttle-Flotte verhängte, musste das Programm mehr als drei Jahre verschoben werden.
Die «Columbus»-Techniker nutzten die Zeit, aktualisierten die Software und tauschten Teile mit begrenzter Lebensdauer aus. «Da fliegt kein Museum ins All», sagt Sobick vom DLR: «Das ist state of the art der Technik.» Im Mai 2006 verschwand das Labor dann im Bauch eines gigantischen «Beluga»-Transportflugzeugs von Airbus und wurde zum Kennedy Space Center nach Florida geflogen.
Nachdem im Oktober das europäische Verbindungsmodul «Harmony» zur ISS gebracht wurde, ist «Columbus» nur ein weiterer Zwischenschritt zu einer stärkeren Repräsentanz der Europäer im All. Im Februar oder März soll mit «Jules Verne» das erste europäische Frachtraumschiff starten. Damit wären dann 45 Tonnen Raumstation-Hardware im All. (nz/AP)