29.12.2006
Herausgeber: netzeitung.de
Pluto und Charon
Foto: Eso
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
«Mein Vater erklärt mir jeden Sonntag unsere Nacht.» Ob sich dieser Merkspruch für die Reihenfolge der Planten durchsetzen kann? Seit der Pluto nicht mehr dazugehört, ist nicht nur die gewohnte Eselsbrücke unbrauchbar geworden.
Von Klaus Merhof2006 wird als das Jahr in die Geschichte eingehen, in dem ein ganzer Planet verschwand. 76 Jahre lang war der 1930 entdeckte Pluto als kleinster und sonnenfernster Planet Mitglied in der Planetenfamilie des Sonnensystems. Doch am 24. August 2006 wurde ihm dieser Status von der Internationalen Astronomischen Union (IAU) aberkannt.
Seitdem gilt er nur noch als «Zwergplanet». Anlass für die Entscheidung war der erklärte Wille der rund 2500 in Prag versammelten Astronomen aus fast 60 Ländern, eine neue begriffliche Ordnung in das Sammelsurium der Himmelskörper zu bringen, die die Sonne umkreisen. Dabei wurde wochenlang vor allem der Vorschlag diskutiert, die Zahl der Planeten sogar von neun auf zwölf zu erhöhen.
Bereits im 19. Jahrhundert waren im so genannten Asteroidengürtel zwischen den Planetenbahnen von Mars und Jupiter etliche Objekte beträchtlicher Größe entdeckt worden, die mindestens als Kleinplaneten in Frage kamen. «Ceres», zum Beispiel, ist mit einem Durchmesser von fast 1000 Kilometern so ein stattlicher Klotz.
Definition musste herIn den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts wurden dank stets verbesserter Optik immer neue Objekte sogar jenseits der Bahnen von Neptun und Pluto entdeckt. Einige von ihnen, wie «Sedna», «Xena» oder «Eris», waren ähnlich groß wie Pluto oder sogar größer. Eine Definition sollte her, was ein Planet überhaupt sei. Die Wissenschaftler einigten sich mehrheitlich darauf, dass ein Planet ein Himmelskörper ist, der seine Sonne umkreist, genügend Masse für eine annähernde Kugelgestalt besitzt sowie seine nähere Umgebung von kleineren Objekten freigeräumt hat.
Dies trifft im Sonnensystem nur noch auf acht Himmelskörper zu: Merkur, Venus, Erde, Mars, Jupiter, Saturn, Uranus und Neptun. Hinfällig wurde damit auch der traditionelle Planeten-Merkvers, der sogar Eingang in Schulbücher, Lexika und die Fachliteratur gefunden hatte: «Mein Vater erklärt mir jeden Sonntag unsere neun Planeten» - wobei die Anfangsbuchstaben der neun Wörter jeweils für einen Planeten stehen, in der Reihenfolge von der Sonne her gesehen. Ohne Pluto fehlt nun auch das «p» für Planet. Und die «neun» (stand für Neptun) stimmt auch nicht mehr - weil es nur noch acht sind.
Neuer Merkvers gesuchtSternwarten, Planetarien und Zeitungen riefen bundesweit dazu auf, einen neuen Merkvers zu finden - mit zum Teil kuriosen Ergebnissen und Vorschlägen: «Macht Völlerei eigentlich moppelig? Ja, sagt unser Nilpferd», oder: «Muttis volle Einkaufstaschen machen jeden Spaziergänger ungeheuer neugierig.» Durchgesetzt hat sich bislang kein neuer Spruch.
Einige Aussicht auf hinreichende Anerkennung hat jedoch die Idee, den alten Merkvers annähernd zu belassen und ihn nur am Schluss zu ändern: «Mein Vater erklärt uns jeden Sonntag unsere Nacht», oder: «... unsere Nachbarplaneten».
Nasa-Sonde startet im JanuarDem degradierten Pluto kann dieser definitorische Hickhack egal sein. Mit nur 2300 Kilometern Durchmesser kleiner als der Erdenmond (3460 km), zieht er weiter seine äußerst exzentrische Bahn um die Sonne, zwischen 4,4 und 7,3 Milliarden Kilometer von ihr entfernt. 248 Jahre braucht er für einen kompletten Umlauf. Mit bloßem Auge ist Pluto von der Erde aus nicht zu sehen. Seine Entdeckung gelang dem amerikanischen Astronomen Clyde Tombaugh durch den Vergleich von Fotoplatten.
Doch demnächst soll Pluto Besuch bekommen: Am 19. Januar 2006 startete die Nasa-Sonde «New Horizons». Beim Abheben des Vehikels galt der Pluto noch als Planet. Erst im Sommer 2015 wird die Mission ihr Ziel erreichen. (epd)