netzeitung.deNebra-Himmelsscheibe ist astronomische Uhr

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Die Bronzescheibe in der Ausstellung der "Geschmiedete Himmel" im Landesmuseum für Vorgeschichte Sachsen-Anhalt in Halle (Foto: AP<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Die Bronzescheibe in der Ausstellung der "Geschmiedete Himmel" im Landesmuseum für Vorgeschichte Sachsen-Anhalt in Halle
Foto: AP
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Die Frage, wozu Menschen vor 3600 Jahren die Himmelsscheibe von Nebra gebrauchten, beschäftigt die Forschung. Eine babylonische Keilschrift hat nun einem Astronomen entscheidende Hinweise geliefert.

Von Elmar Stöttner
Eine babylonische Keilschrift aus dem siebten Jahrhundert vor Christus und die Detektivarbeit eines Hamburger Astronomen haben das Rätsel um die Himmelsscheibe von Nebra gelöst: Rahlf Hansen entschlüsselte eine Schaltmonat-Regel, die von der 3600 Jahre alten Bronzescheibe abzulesen ist.

Die Regel ermöglichte es den Menschen der Bronzezeit, das Sonnenjahr mit 365 und das Mondjahr mit 354 Tagen in Einklang zu bringen. Die 32 Zentimeter große Himmelsscheibe aus der frühen Bronzezeit erweist sich damit als eine astronomische Uhr, wie der Landesarchäologe von Sachsen-Anhalt, Harald Meller, der Astronom Hansen vom Planetarium Hamburg und sein Bochumer Kollege Wolfhard Schlosser am Dienstag auf einer Pressekonferenz in Halle an der Saale erklärten.

Der Fund zeigt, dass die Schöpfer der Scheibe über Wissen in Astronomie und Mathematik verfügten und die Mechanik der Himmelskörper besser verstanden, als die große Mehrheit der Forscher den Mitteleuropäern der Bronzezeit bislang zugetraut hatte.

Die zwei Kilo schwere Bronzescheibe ist mit Darstellungen von Sonne, Mond und 32 Sternen aus unlegiertem Goldblech versehen und wurde um 1600 vor Christus auf dem 252 Meter hohen Mittelberg bei Nebra nahe Merseburg vergraben. Sie sei «die weltweit älteste konkrete Darstellung astronomischer Phänomene», sagte Meller. Die neuen Erkenntnisse bewiesen nun, dass sie eine Gedächtnisstütze zur Koordinierung von Sonnen- und Mondjahr war.

Die entscheidenden Hinweise fand Hansen in der «Mul-Apin»- Textsammlung aus dem siebten und sechsten Jahrhundert vor Christus. Die Keilschrift-Texte aus Babylon sind nach Hansens Worten ein Kompendium des «astronomischen Wissens aus frühesten Zeiten». Dort findet sich eine Zeitschaltregel, die sich auf eine Mondsichel im babylonischen Frühlingsmonat Nisannu bezieht. «Exakt eine solche Sichel ist auf der Scheibe von Nebra dargestellt», sagte Hansen.

«Wenn am ersten Nisannu Mond und Plejaden in Konjunktion stehen, so ist dieses Jahr normal. Wenn erst am dritten Nisannu, so ist dies ein Schaltjahr», zitierte Hansen den Text aus Babylon. Konkret bedeute die Regel, dass man einen Schaltmonat einfügen muss, wenn man einen Mond sieht, der so dick ist wie die Mondsichel auf der Nebra-Scheibe und der nahe den Plejaden, den sieben Fixsternen im Sternbild des Stiers, am Firmament steht: Damit wurden Sonnen- und Mondjahr in Deckung gebracht, und die beiden Kalendersysteme gerieten nicht aus dem Takt.

Die neuen Erkenntnisse werfen die Frage auf, ob die astronomischen Erkenntnisse in Europa erarbeitet wurden oder Wissensimport aus dem Vorderen Orient sind. Die Wissenschaft müsse nun auch klären, so Meller, ob nur der Besitzer der Scheibe diese Kenntnisse hatte oder ob sie in den Eliten der Frühbronzezeit allgemein verbreitet waren. (AP)