31.05.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Das Innere der Raumkapsel ist vergleichsweise geräumig
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Auf der Ila in Berlin ist erstmals das Modell einer europäischen Raumkapsel ausgestellt, mit der die Esa in das Geschäft der bemannten Raumfahrt einsteigen könnte. Ein Simulator entführt in das All, Katrin Matthes ist mitgeflogen.
Ein Raumanzug hängt nicht bereit. Aber dafür stehen weiße Puschen am Einstieg der Astronautenkapsel. Wer sie über die Straßenschuhe zieht und in die Kapsel klettert, schlüpft aus der normalen Welt in die Wirklichkeit von Raumfahrern.
Dabei sieht das Modell der Industriestudie ATV-Evolution, das die Firma Astrium auf der Internationalen Luft- und Raumfahrtausstellung in Berlin (Ila) erstmals einem breiten Publikum vorführt, von außen eher unspektakulär aus: ein oben spitz zulaufender Zylinder mit Tür, dessen silbern-weiße Außenwand das gelblich-blaue Licht reflektiert, mit dem das Modell im düsteren Space-Pavillon angestrahlt wird.
Große Hoffnungen werden mit dieser Kapsel verbunden: Europa überlegt, in die bemannte Raumfahrt einzusteigen. Die unscheinbare Kapsel soll einmal Astronauten ins All und wieder zurück zur Erde bringen. Bislang ist alles nur ein Konzept sagt Cristian Bank, Projektleiter bei Astrium in Bremen. Wir haben analysiert, was wir schon haben, was wir neu brauchen und ob die bemannte Raumfahrt für Europa überhaupt zu realisieren ist. Das Ergebnis ist die Kapsel. Bank schätzt: Der erste bemannte Flug wird voraussichtlich um 2017 möglich sein. Die Kosten sollen bis ins Jahr 2013, wenn der erste unbemannte Versuchstart geplant ist, bei rund 800 Millionen Euro liegen.
Raumfahrt ist spannend - aber nicht bequemSo betrachtet entfaltet die silberne Dose auf der Ila ihre Faszination. Die Überzieh-Schuhe stören etwas bei dem Versuch, den von der Schwerkraft angezogenen Körper möglichst elegant in einen der drei schwarzen Liegestühle zu bugsieren - sie stehen dicht beieinander mit der Rückenlehne zur Einstiegstür. Raumfahrt hat nichts mit Bequemlichkeit zu tun.
Trotzdem ist der Innenraum vergleichsweise geräumig. Auf den 3,5 Metern Durchmesser stehen nur die Lederliegen - Systeme wie die Lebenserhaltung oder die Flugtechnik werden in einen Zwischenraum zwischen Kapselboden und dem vier Meter hohen ATV-Antrieb montiert. An die Wände kommen nur noch Vorrichtungen zur Aufbewahrung von Lebensmitteln und einige Geräte, sagt Bank. Das frisst zwar Platz, aber insgesamt haben die Astronauten mehr Raum zur Verfügung als in einer russischen Sojus-Kapsel, die nur zirka 2,25 Meter durchmisst.
Gesteuert wird das Raumschiff über MonitoreÜber den Sitzen sind Monitore an den Wänden angebracht, zwischen ihnen stehen kleine Pulte mit einer Nummerntastatur und eine Computermaus. Mehr brauchen Astronauten nicht, um die Kapsel zu steuern, versichert Bank und drückt einen Knopf. Auf den Bildschirmen flimmert es kurz, dann beginnt eine Simulation des Starts.
Die erste halbe Stunde machen die Astronauten nichts, es fliegt der Autopilot, berichtet der Projektleiter. Die Monitore zeigen, wie die Trägerrakete Ariane abhebt und sich nach und nach entblättert. Als erstes werden die Treibstofftanks abgestoßen. Wenn die Rakete die Erdatmosphäre durchstößt, folgt der Rettungsturm, der oben auf der Kapsel angebracht ist und die Raumfahrer im Notfall sicher zur Erde zurückbringen soll. Bank erzählt: Wenn nun etwas passiert, erfolgt eine Notlandung der Kapsel über den Fallschirm.
Schwieriges Docking-ManöverErst wenn das Raumschiff den Orbit erreicht, alle Teile der Rakete abgeworfen und die Sonnensegel für die Energieversorgung ausgefahren sind, übernehmen die Astronauten das Steuer. Bank drückt wieder einen Knopf: Nun kann die Kapsel über Maus und Tastatur ausgerichtet werden. Links, Rechts, Oben, Unten - auch wenn diese Richtungen im Raum nicht gelten.
Langsam kommt die Tagseite der Erde in Sicht. Die Tür des ATV hat ein Fenster, auch oben in der Spitze sind drei runde Luken, durch die die Raumfahrer rausgucken können. Gesteuert wird aber über die Monitore. Dann taucht die Internationale Raumstation (ISS) auf. Das Docking-Manöver ist nicht leicht und misslingt der ungeübten Besucherhand. Genau dafür gibt es das Modell, sagt Bank. Damit die Astronauten ein Gefühl für die Steuerung entwickeln können.
Bemannte Raumfahrt muss für Europa kein Traum bleibenEr drückt wieder einen Knopf. Nun geht es zurück zur Erde. Auf den Bildschirmen schießt die Kapsel durch die Atmosphäre, die hitzebeständige Außenhaut aus Kunststoff-Fasern schützt die Astronauten bis das Raumschiff schließlich an rot-weißen Fallschirmen ins Wasser platscht.
Die Wissenschaftler von Astrium haben mit der Industriestudie gezeigt, dass die bemannte Raumfahrt für Europa kein Traum bleiben muss. Ob sie jedoch wirklich Realität wird, entscheidet die Europäische Raumfahrtagentur (Esa) im November.