Auftrieb für Amerika: 

netzeitung.de«Die Rassenfrage ist damit nicht vom Tisch»

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Amerika ist noch kein post-rassistisches Land, aber auf dem Weg dahin (Foto: AP<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Amerika ist noch kein post-rassistisches Land, aber auf dem Weg dahin
Foto: AP
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Dass die USA es fertig gebracht haben, einen Schwarzen zum Präsidenten zu machen, hat einen immensen Effekt, meint Knud Krakau vom John-F.-Kennedy-Institut im Gespräch mit Netzeitung . Und zwar nicht nur für das schwarze Amerika.

Netzeitung: Der neue US-Präsident Barack Obama wird weltweit enthusiastisch gefeiert – fast wie ein Heilsbringer. Hat auch Sie die Begeisterung erfasst?

Knud Krakau: Das war ein unglaublich spannender Wahltag, der mit dem Höhepunkt der Reden dieser beiden Männer endete: John McCain machte eine sehr gute Figur, als er seine Niederlage einräumte, ganz anders als während seines Wahlkampfes. Und schließlich Obamas Schluss- und Dankansprache. Dieser hochintelligente Mann ist ein begnadeter Redner. Doch es sind nicht nur seine rhetorischen Fähigkeiten, sondern auch die Atmosphäre seiner Rede – so völlig unprätentiös und unsentimental und der genuine Enthusiasmus der vielen Zuhörer, Zeugen lebendiger Demokratie.

Diese unpathetische Rhetorik war enorm beeindruckend: So sprach Obama auch von einem 'patriotism of responsibility' (ein Patriotismus der Verantwortlichkeit) – das heißt von der Chance eines Neuanfangs gegenüber dem bisherigen Missbrauch des politischen Systems als Einrichtung, um Macht, Geld und Interessen zu vermehren.

Ich habe mich mein Leben lang mit Amerika beschäftigt, aber als Reaktion auf diesen Höhepunkt habe ich bei mir gedacht: My god, what a country (Mein Gott, was für ein Land). In diesem Land steckt eine unglaubliche Kraft und ein enormes Potential für Veränderung – allerdings fokussiert auf diesen einzigen Menschen. An ihn werden jetzt völlig übersteigerte Erwartungen gerichtet.
Das wird viel, viel Geld kosten
Netzeitung: Sind Enttäuschungen nicht vorprogrammiert?

Krakau: Auf Obama lastet ein ungeheurer Erwartungsdruck. Jetzt erst fängt die Arbeit richtig an, und das nach diesem entsetzlich anstrengenden Wahlkampf. Nicht um alles in der Welt möchte ich in seiner Haut stecken. Enttäuschungen sind natürlich vorprogrammiert. Es warten enorme Probleme auf ihn: die außenpolitische und wirtschaftliche Lage, das Bildungs- und Gesundheitssystem. Alles was er angehen muss, wird viel, viel Geld kosten. Es wird sehr schwer werden, Veränderungen durchzusetzen. Selbst in einem von den Demokraten beherrschten Kongress wird er auf Widerstand stoßen.

Netzeitung: Nach acht Jahren Bush steht Obama vor einem Trümmerfeld: Die Finanzkrise hat die Bürger tief verunsichert, dem Land droht eine Rezession, das Image der USA ist ruiniert. Was muss er Ihrer Ansicht nach zuerst tun?

Krakau: Die außenpolitischen Vorgaben ändern sich nicht über Nacht, nur weil Obama jetzt Präsident ist. Wir wissen, dass er nicht alle Probleme lösen kann. Obama hat im Wahlkampf zwar Andeutungen zu seinen außenpolitischen Vorstellungen gemacht, aber vernünftigerweise keine präzisen Konzepte vorgelegt. Ich bin davon überzeugt, dass er die Probleme mit größerer Rationalität, Empathie und Offenheit angehen wird als George W. Bush.

Obama zeigt die Bereitschaft, auf andere zuzugehen, die Gegenseite und ihre Positionen anzuhören und einzubeziehen. Darauf lässt alles schließen, was wir bisher von ihm und seinem Team wissen. Und das ist eine große Chance für Amerika.

Ob Nahost, Irak, Afghanistan oder Iran - Obama wird all das rational analysieren und neu bewerten. Er wird die Konsequenzen, die er daraus für die Amerikaner zieht, sehr offen mit den Europäern diskutieren. Zu diesen Schlussfolgerungen gehört vor allem, dass die Europäer eine größere Verantwortung – finanziell, wirtschaftlich und nicht zuletzt militärisch – übernehmen sollen.

Die Rassenfrage ist damit nicht vom Tisch
Netzeitung: Was bedeutet die Wahl für das schwarze Amerika? Manche sprechen bereits von dem Ende einer über 200-jährigen Unterdrückung der afro-amerikanschen Bevölkerung. Aber selbst Obama kann die amerikanische Gesellschaft nicht über Nacht umkrempeln.

Krakau: Das ist natürlich ein Ausdruck von großer Euphorie und einer ungeheuren Befriedigung. Es war sehr beeindruckend, die meist so würdevoll erscheinenden älteren Afro-Amerikaner mit Tränen in den Augen zu sehen. Das war ein ungeheuer emotionaler Augenblick für alle Afro-Amerikaner. Leute, die sich nie am politischen Leben beteiligt haben, die nie gewählt haben, weil sie es schlicht für hoffnungslos hielten, sind an die Wahlurnen geströmt. Das ist ein wichtiger Schritt, um all das zu überwinden, was in der amerikanischen Gesellschaft noch nicht überwunden ist.

Die Rassenfrage ist damit nicht vom Tisch, aber die gewaltigen Fortschritte, die Amerika gemacht hat, haben noch einmal einen gewaltigen Schub erfahren. Obamas großartige Rede zur Rassenfrage im Frühsommer ging ja auch nicht davon aus, dass Amerika plötzlich eine post-rassistische Gesellschaft ist. Aber er hat die Diskussion auf eine rationalere, sachliche Ebene gehoben und damit die Weichen gestellt, um die gesellschaftlichen Gräben in der Zukunft langsam zu überwinden.
Ein immenser Effekt für die afrikanische Welt
Netzeitung: Welche Wirkung hat die Wahl eines schwarzen Präsidenten für die Schwarzen weltweit?

Krakau: Das hat sicher eine bestätigende Wirkung für die vielfach von Komplexen geprägten Verhaltensweisen der schwarzen Bevölkerung, das aus einem Gefühl der Vernachlässigung und Jahrhunderte langer Unterdrückung entstanden ist. Das dürfte der schwarzen Bevölkerung in ihrem Streben nach Aufstieg, Anerkennung und Bestätigung weltweit großen Auftrieb geben.

Obamas Wahlsieg trägt natürlich auch dazu bei, das Ansehen der Vereinigten Staaten zu heben. Dass Amerika es fertig bringt, einen Angehörigen dieser lange unterdrückten Minderheit zu seinem Präsidenten zu machen – gewählt von weißen und schwarzen Amerikanern - hat einen immensen Effekt für die afrikanische Welt.

Netzeitung: Glauben Sie, dass er sich auch stärker für die Schwarzen einsetzen wird? ?

Krakau: Obama wird sich allgemein für bessere Chancengleichheit einsetzen – und zwar für alle. Ich glaube nicht, dass er jetzt gezielt Programme nur für Schwarze auflegen wird. Das halte ich für ausgeschlossen. Sein Leitziel, unter dem er angetreten ist und das sich durch seinen gesamten Wahlkampf zog, ist es, Differenzen zu überwinden und alle gesellschaftlichen Gruppen zu integrieren. Integrationsbedürftig sind zwar noch immer Teile der afro-amerikanischen Bevölkerung, aber sie sind eben nicht die einzigen. Er wird sich hüten, als Interessenvertreter des schwarzen Amerika aufzutreten. Aber das fordern Vertreter der afro-amerikanischen Bevölkerung auch gar nicht.

Das Gespräch mit Professor Knud Krakau vom John-F.-Kennedy-Institut führte Michaela Duhr