«Palin hat keine Chance»:
Leichtes Spiel für Obamas Vize
01.10.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Außerdem wird Biden die Sprache immer wieder auf die Außenpolitik lenken, ein Gebiet auf dem Palin außerordentlich unerfahren ist. Er wird jede Gelegenheit nutzen, darauf hinzuweisen, dass Palin Staatsoberhaupt und Oberbefehlshaberin sein wird, sollte McCain in seinem hohen Alter etwas zustoßen. Da wird sicherlich mancher Wähler ins Grübeln kommen.
Netzeitung: Was muss Palin tun, um ein Debakel zu vermeiden?
Allerdings muss sie sich dann auf süffisante Zwischenrufe einstellen wie etwa die Frage nach ihrer 17-jährigen schwangeren Tochter. Ich bin sicher, die Debatte wird sehr schnell sehr privat werden.
Zudem wird Palin versuchen, mit patriotischen Aussagen zu punkten. Sie wird sagen, dass sie stolz auf Amerika und die Soldaten im Irak ist. Bei der ersten Debatte auf CNN war bei der laufenden Bewertung durch die Zuschauer deutlich zu sehen, dass bei McCains patriotischen Sprüchen die Zustimmung republikanischer Anhänger fast schon reflexartig nach oben schnellte.
Brettschneider: Obama hat einen leichten Vorsprung herausgeholt, sowohl bei den Zuschauern als auch in der Berichterstattung in den Folgetagen. McCain waren im Vorfeld bessere Chancen eingeräumt worden, weil es bei dem Duell um Außen- und Sicherheitspolitik ging, und auf diesem Gebiet gilt der Republikaner als Experte. McCain hätte die Gelegenheit gehabt, seinem Rivalen einige Prozentpunkte abzuknöpfen und für sich eine positive Berichterstattung herauszuholen. Aber er hat sein Heimspiel verloren.
Netzeitung: Obama hat auffallend häufig gesagt, er stimme mit McCain überein. War das ein Fehler?
Gerhard Schröder hat im Bundestagswahlkampf 1998 etwas Ähnliches gemacht: Er prägte seinerzeit den Slogan: Wir machen nicht alles anders, aber vieles besser. Eine gute Taktik, denn viele Wähler haben Angst vor einer völlig anderen Politik.
Netzeitung: McCain hat durchgehend den direkten Blickkontakt mit Obama vermieden. Warum?
Brettschneider: Entweder hat McCain den Blickkontakt bewusst vermieden, weil er Obama nicht aufwerten wollte, indem er auf gleicher Augenhöhe mit ihm spricht. Lieber über ihn als mit ihm reden, um zu zeigen, dass sie nicht in der gleichen Liga spielen. Allerdings hat das meiner Ansicht nach nicht funktioniert, weil es eher arrogant wirkte. Vielleicht geschah es auch unbewusst, einfach aus Angst vor einem direkten Schlagabtausch mit Obama, weil dieser rhetorisch geschickter ist als er selbst.
Brettschneider: Obama hat nicht viel falsch gemacht. Er hat sich in dem für ihn eher nachteiligen Themenfeld wacker geschlagen. Auf seinem eigenen Gebiet der Innen- und Wirtschaftspolitik wird es ihm noch leichter fallen.
Je näher allerdings der Wahltermin rückt, umso stärker wird auch das so genannte Negative Campaigning. Darin sind die Republikaner große Spezialisten, sie haben es praktisch perfektioniert. Es bleibt abzuwarten, ob Obama sich davon provozieren lässt oder souverän bleibt.
Netzeitung: Welche Wirkung haben TV-Debatten im Wahlkampf?
Netzeitung: Wer sind diese Spin Doktoren?
Brettschneider: Das sind PR-Fachleute, die nichts anderes tun, als unmittelbar nach der Sendung die Sichtweise ihres Kandidaten in der Öffentlichkeit durchzusetzen. Diese Öffentlichkeitsarbeiter spielen in den USA eine sehr wichtige Rolle.
Brettschneider: Die Unterschiede sind gar nicht so groß. In Deutschland ist das Wählerverhalten sehr stark durch die Parteien geprägt, weniger durch Personen. Das ist in den USA anders. Dort konzentriert sich alles viel stärker auf die Person des Präsidenten. Wähler beurteilen also nicht nur die Themenkompetenz des Kandidaten, sondern auch dessen Führungsstärke, Entscheidungsfreude oder Tatkraft.
Brettschneider: Das hängt bei einem so knappen Rennen auch von dem Thema ab, welches in den letzten Wochen vor der Wahl die Öffentlichkeit beherrscht. Sollte es zu einer außenpolitischen Krise kommen, hat McCain die besseren Chancen, bleibt dagegen die Finanzkrise Thema, profitiert Obama.
Außerdem ist nicht absehbar, wie sich die Hautfarbe der Kandidaten auf die Entscheidung der Wähler auswirkt. Auch wenn das Thema im Wahlkampf kaum eine Rolle spielt, wird es zumindest unterschwellig den Wahlausgang beeinflussen vor allem in den Südstaaten. Die spannende Frage heißt: Werden die Demokraten dort für einen schwarzen Kandidaten stimmen oder gehen sie vielleicht gar nicht zur Wahl?
Das Interview mit Prof. Dr. Frank Brettschneider führte Michaela Duhr

