«Palin hat keine Chance»: 

netzeitung.deLeichtes Spiel für Obamas Vize

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Für Vize-Kandidatin Palin droht das TV-Duell mit dem Polit-Profi Biden ein Desaster zu werden. Die Netzeitung sprach mit dem Kommunikationsexperten Brettschneider über McCains «verlorenes Heimspiel» und die Wirkung patriotischer Sprüche in TV-Debatten.

Netzeitung: Am Donnerstag treffen die beiden Vize-Kandidaten Sarah Palin und Joe Biden in einer TV-Debatte aufeinander. John McCains Vize Palin hat mit ihren bisherigen Interviews erhebliche Zweifel an ihrer Kompetenz geweckt. Hat sie überhaupt die geringste Chance, gegen den Polit-Strategen und Außenexperten Joe Biden zu bestehen?

Frank Brettschneider: Allein die Vorstellung dieser Debatte bringt mich zum Lachen. Nein, sie hat natürlich keine Chance. Joe Biden ist ein erfahrener, gewiefter und mit allen Wassern gewaschener Polit-Profi. Er weiß ganz genau, wie er Palin in die Enge treiben kann, was angesichts ihrer überaus schrägen Ansichten ohnehin ein leichtes Spiel sein dürfte.

Außerdem wird Biden die Sprache immer wieder auf die Außenpolitik lenken, ein Gebiet auf dem Palin außerordentlich unerfahren ist. Er wird jede Gelegenheit nutzen, darauf hinzuweisen, dass Palin Staatsoberhaupt und Oberbefehlshaberin sein wird, sollte McCain in seinem hohen Alter etwas zustoßen. Da wird sicherlich mancher Wähler ins Grübeln kommen.

Netzeitung: Was muss Palin tun, um ein Debakel zu vermeiden?

Brettschneider: Palin kann nicht in wenigen Tagen all ihre inhaltlichen Defizite ausgleichen. Sie muss einfach authentisch bleiben, sie darf sich jetzt nicht verbiegen. Sie muss sich Taktiken überlegen, wie sie die Themenfelder umgeht, auf denen sie nur verlieren kann. Im Gegenzug muss sie aktiv die Themen setzen, in denen sie stark ist, wie zum Beispiel Familienpolitik.

Allerdings muss sie sich dann auf süffisante Zwischenrufe einstellen wie etwa die Frage nach ihrer 17-jährigen schwangeren Tochter. Ich bin sicher, die Debatte wird sehr schnell sehr privat werden.

Zudem wird Palin versuchen, mit patriotischen Aussagen zu punkten. Sie wird sagen, dass sie stolz auf Amerika und die Soldaten im Irak ist. Bei der ersten Debatte auf CNN war bei der laufenden Bewertung durch die Zuschauer deutlich zu sehen, dass bei McCains patriotischen Sprüchen die Zustimmung republikanischer Anhänger fast schon reflexartig nach oben schnellte.

Heimspiel verloren
Netzeitung: Bei der ersten TV-Debatte zwischen den beiden Präsidentschaftsanwärtern Barack Obama und John McCain gab es keinen klaren Sieger. Wie werten Sie das Duell?

Brettschneider: Obama hat einen leichten Vorsprung herausgeholt, sowohl bei den Zuschauern als auch in der Berichterstattung in den Folgetagen. McCain waren im Vorfeld bessere Chancen eingeräumt worden, weil es bei dem Duell um Außen- und Sicherheitspolitik ging, und auf diesem Gebiet gilt der Republikaner als Experte. McCain hätte die Gelegenheit gehabt, seinem Rivalen einige Prozentpunkte abzuknöpfen und für sich eine positive Berichterstattung herauszuholen. Aber er hat sein Heimspiel verloren.

Netzeitung: Obama hat auffallend häufig gesagt, er stimme mit McCain überein. War das ein Fehler?

Brettschneider: Nein, ich denke nicht. McCain hat versucht, Obama in die linke Ecke zu drängen, indem er ihm vorwarf, für höhere Staatsausgaben, höhere Steuern und größere staatliche Eingriffe zu stehen. Das sind Vorwürfe, die auch schon in der Vergangenheit immer wieder gegen demokratische Kandidaten erhoben wurden. Sie müssen also beweisen, dass sie auch die große politische Mitte vertreten. Obama musste klar machen, dass die grundsätzlichen Unterschiede zwischen ihm und McCain gar nicht so groß sind. Nach dem Motto: Seht her, habt keine Angst, ihr könnt mich ruhig wählen. Außerdem beließ er es nicht bei der Zustimmung, sondern fügte auch ein 'Aber' hinzu, um dann die Differenzen herauszustellen.

Gerhard Schröder hat im Bundestagswahlkampf 1998 etwas Ähnliches gemacht: Er prägte seinerzeit den Slogan: Wir machen nicht alles anders, aber vieles besser. Eine gute Taktik, denn viele Wähler haben Angst vor einer völlig anderen Politik.

Netzeitung: McCain hat durchgehend den direkten Blickkontakt mit Obama vermieden. Warum?


Brettschneider: Entweder hat McCain den Blickkontakt bewusst vermieden, weil er Obama nicht aufwerten wollte, indem er auf gleicher Augenhöhe mit ihm spricht. Lieber über ihn als mit ihm reden, um zu zeigen, dass sie nicht in der gleichen Liga spielen. Allerdings hat das meiner Ansicht nach nicht funktioniert, weil es eher arrogant wirkte. Vielleicht geschah es auch unbewusst, einfach aus Angst vor einem direkten Schlagabtausch mit Obama, weil dieser rhetorisch geschickter ist als er selbst.

Republikaner sind Spezialisten im Negative Campaignung
Netzeitung: Was geben Sie Obama für die nächste TV-Debatte mit auf den Weg?

Brettschneider: Obama hat nicht viel falsch gemacht. Er hat sich in dem für ihn eher nachteiligen Themenfeld wacker geschlagen. Auf seinem eigenen Gebiet der Innen- und Wirtschaftspolitik wird es ihm noch leichter fallen.

McCain wird dagegen versuchen müssen, das Duell wieder auf die Außen- und Sicherheitspolitik zu lenken und Widersprüche in den Aussagen Obamas zu provozieren. Allerdings dürfte das sehr schwer sein, denn Obama ist sehr kontrolliert, wenig impulsiv. Er lässt solche Angriffe weitgehend an sich abperlen.

Je näher allerdings der Wahltermin rückt, umso stärker wird auch das so genannte Negative Campaigning. Darin sind die Republikaner große Spezialisten, sie haben es praktisch perfektioniert. Es bleibt abzuwarten, ob Obama sich davon provozieren lässt oder souverän bleibt.

Netzeitung: Welche Wirkung haben TV-Debatten im Wahlkampf?

Brettschneider: Es gibt zwei Arten: die direkte Wirkung auf die Rezipienten, wobei man hier nochmals zwischen Parteianhängern und unabhängigen Wählern unterscheiden muss, und die indirekte Wirkung auf die Berichterstattung in den Folgetagen. Letztere hat allerdings eine weit größere Bedeutung. So fangen schon wenige Minuten vor Ende des TV-Duells die Spin-Doktoren an, den Journalisten einzuflüstern, welcher Kandidat gewonnen hat und wer sich besser geschlagen hat. Entscheidend ist schließlich, welche Interpretation sich in der Öffentlichkeit durchsetzt.

Netzeitung: Wer sind diese Spin Doktoren?

Brettschneider: Das sind PR-Fachleute, die nichts anderes tun, als unmittelbar nach der Sendung die Sichtweise ihres Kandidaten in der Öffentlichkeit durchzusetzen. Diese Öffentlichkeitsarbeiter spielen in den USA eine sehr wichtige Rolle.

Alles dreht sich um den Präsidenten
Netzeitung: Welche Unterschiede sehen Sie zwischen deutschen und amerikanischen Wahlkämpfen?

Brettschneider: Die Unterschiede sind gar nicht so groß. In Deutschland ist das Wählerverhalten sehr stark durch die Parteien geprägt, weniger durch Personen. Das ist in den USA anders. Dort konzentriert sich alles viel stärker auf die Person des Präsidenten. Wähler beurteilen also nicht nur die Themenkompetenz des Kandidaten, sondern auch dessen Führungsstärke, Entscheidungsfreude oder Tatkraft.

Anders als in Deutschland spielen in den USA auch unpolitische personenbezogene Aspekte eine Rolle, wie zum Beispiel Palins schwangere Tochter. Heutzutage sind Wahlkämpfe bei uns weniger unpolitisch personalisiert als noch in den 50er oder 60er Jahren. Konrad Adenauer hat es noch versucht, in dem er Willy Brandt im Wahlkampf vorwarf, ein uneheliches Kind zu sein. Heute würden sich die Wähler fragen: Na und?

Netzeitung: Wer wird das Rennen um das Weiße Haus gewinnen, Obama oder McCain?

Brettschneider: Das hängt bei einem so knappen Rennen auch von dem Thema ab, welches in den letzten Wochen vor der Wahl die Öffentlichkeit beherrscht. Sollte es zu einer außenpolitischen Krise kommen, hat McCain die besseren Chancen, bleibt dagegen die Finanzkrise Thema, profitiert Obama.

Außerdem ist nicht absehbar, wie sich die Hautfarbe der Kandidaten auf die Entscheidung der Wähler auswirkt. Auch wenn das Thema im Wahlkampf kaum eine Rolle spielt, wird es zumindest unterschwellig den Wahlausgang beeinflussen – vor allem in den Südstaaten. Die spannende Frage heißt: Werden die Demokraten dort für einen schwarzen Kandidaten stimmen oder gehen sie vielleicht gar nicht zur Wahl?

Das Interview mit Prof. Dr. Frank Brettschneider führte Michaela Duhr