Porträt einer schwarzen First Lady: 

netzeitung.deWahre Siegerin Michelle Obama

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Michelle Obama im Wahlkampf (Foto: AP<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Michelle Obama im Wahlkampf
Foto: AP
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Die Mehrheit in den USA konnte sich schon lange einen schwarzen Mann im Weißen Haus vorstellen, hat Olivia Schoeller erlebt. Doch wenn etwa in privater Runde die Rede auf Michelle Obama kam, wurde es am Esstisch plötzlich ruhig.

Als der Sprecher im Grant Park von Chicago am Dienstag die First Family ankündigte, bekamen die Zuschauer ein Bild zu sehen, dass es so in Amerika noch nicht gegeben hat. Barack Obama trat als erster schwarzer Präsident der USA zusammen mit seiner Frau Michelle und seinen Töchtern Malia und Sasha auf die Bühne. Die erste afroamerikanische First Lady erschien groß und elegant in einem modernen schwarz-roten Cocktail-Kleid vor den jubelnden Fans. Mit der einen Hand winkte sie, mit der anderen hielt sie ihre Tochter. Dann küsste sie ihren Mann und verließ strahlend die Bühne.

Auch Michelle Obama war an diesem Abend eine Siegerin. Vielleicht war der Triumph der First Lady sogar der größere.

Seit Barack Obama seine Kandidatur für das Weiße Haus erklärt hat, beschäftigte sich die Nation immer wieder mit dem Thema Hautfarbe und Rasse. «Sind die USA bereit für einen schwarzen Präsidenten?», war eine der meist debattierten Fragen, die zumindest in der Öffentlichkeit oft mit einem klaren Ja beantwortet wurde. Die Mehrheit konnte sich einen schwarzen Mann im Weißen Haus durchaus vorstellen. Doch wenn etwa in privater Runde die Rede auf Michelle Obama kam, wurde es am Essenstisch plötzlich ruhig. Eine schwarze First Lady überforderte häufig die Vorstellungskraft von Amerikanern.

Gleichberechtigte Partnerschaft
Die First Lady der USA ist eine Ikone, die das Land nach außen vertritt, sich um soziale Belange kümmert und weit über der Alltagspolitik steht. Schon Hillary Clinton weckte mit ihrem Anspruch, als Präsidentengattin auch politisch mitwirken zu wollen, nicht nur Sympathien. Dagegen ist Laura Bush, die sich stets zurückhielt, bis heute wesentlich beliebter als ihr Mann.

Obwohl Michelle Obama sich nie als Beraterin ihres Mannes sah und auch nicht so leichtfertig das Plätzchenbacken verdammte wie einst Hillary, machte auch sie keinen Hehl aus ihrer Selbstständigkeit. Es gab nie einen Zweifel daran, dass Michelle Obama ihre Ehe als gleichberechtigte Partnerschaft sah. Als Marketing-Managerin der Universitätsklinik Chicago verdiente sie mehr Geld als Obama mit seinem Posten als Senator. Die Öffentlichkeit nahm das gelassen hin. Kritik zog Michelle Obama erst auf sich, als sie sich als Tochter des schwarzen Amerikas offenbarte. Damit verschreckte sie viel mehr Menschen als ihr Mann.

Rassenlose Ära
Dank seiner Biografie sahen viele in Barack Obama einen Mann, der Rassengrenzen durchbrechen und damit die rassenlose Ära in den USA einläuten kann. Als Sohn einer weißen Mutter aus Kansas und eines schwarzen Vaters aus Kenia hat Obama nicht die afroamerikanische Erfahrung gemacht. Von schwarzen Politikern musste er sich häufig die Frage gefallen lassen, ob er denn überhaupt «schwarz genug sei». Bis heute halten ihn viele Amerikaner eigentlich für einen Weißen.

Ganz anders ist das mit seiner Frau. Michelle Obama wuchs als zweites Kind einer afroamerikanischen Familie im Süden Chicagos auf, in einem Wohngebiet mit schwarzer Tradition. Die Bewohner verstanden sich stets als Nachfahren von Sklaven und waren stolz auf den Kampf der Bürgerrechtsbewegung. Michelle Obama hat als Kind schon Rassismus und Diskriminierung erlebt und fühlte sich deshalb lange nicht wohl in einem weißen Milieu. An der renommierten und vorwiegend weißen Princeton Universität studierte Michelle mit einem Stipendium. «Durch meine Erfahrung in Princeton fühlte ich mich ,schwärzer' als je zuvor», schrieb sie in ihrer Abschlussarbeit und erklärte, sie habe sich auf dem Campus stets wie ein Besucher gefühlt, «wie jemand, der eigentlich nicht dorthin gehört».
Verletzungen
Als Michelle Obama für ihren Mann Anfang des Jahres Wahlkampf machte, klangen diese Verletzungen in ihren Reden mitunter an. Wenn sie vom Kampf der kleinen Leute im Alltag sprach, von den Kindern, denen man keine Chance gibt, hörte man, dass sie diese Situation kennt. Ihre Kritik an der «kaputten Welt» und ihre Beschwörung eines Wandels sorgten bei einigen Zuhörern auch für Ablehnung. Sie sahen in Michelle Obama bloß eine verbitterte schwarze Frau.

Dieser Eindruck verstärkte sich, als die Kandidaten-Gattin erklärte: «Zum ersten Mal in meinem erwachsenen Leben bin ich wirklich stolz auf mein Land.» Für die politischen Gegner war das eine willkommene Vorlage. Sie stellten Michelle Obamas Patriotismus in Frage. Im Wahlkampf ihres Mannes verursachte dieser Satz fast so viel Schaden wie die umstrittenen Hetz-Predigen seines Pastors Jeremiah Wright. Michelle Obama verängstigte einen Teil des weißen Amerikas. Das Wahlkampf-Team beschloss einen Strategiewechsel. Michelle Obama sollte weicher, weiblicher und glücklicher wirken. Und sich öffentlich mehr zurückhalten.

Verspielte Kleider statt Hosen
Die professionell wirkenden Hosenanzüge wichen verspielteren Kleidern, die 400-Dollar-Schuhe billigeren Modellen, die wütende Sozialkritik den Erzählungen von Kindern, Küche und Hoffnung.

Die völlig Wandlung der Michelle Obama erlebte die Nation während des Parteitages. In einem grün-türkisenen Kleid und mit langen, glatt gefönten Haaren sprach Michelle Obama, als habe sie Weichspüler getrunken: Kaum ein Wort über ihre Karriere, dafür viele Sätze über ihren Mann, ihre Wurzeln und ihren Patriotismus. «Ich bin stolz auf mein Land», rief Michelle Obama den Abgeordneten zu und erhielt dafür gute Kritiken.

«Morgens Mundgeruch»
Konservative Zeitungen lobten ihre Rede als ergreifend, warm und bescheiden. Liberale Kritiker waren entsetzt über die neue Frau Obama. «Ich vermisse die alte Michelle, die uns daran erinnerte, dass ihr Mann ein Mensch ist, der morgens Mundgeruch hat und die Butter nicht in den Kühlschrank stellt», schrieb Jason Zengerle von der links-liberalen Zeitung The New Republic.

Doch das änderte nichts. Wenn Michelle Obama in Fernsehsendungen auftrat, dann sprach sie über den Wahlslogan ihres Mannes, über das Familienleben und ihren Kleiderschrank. Anfangs trug sie noch Designs der Chicagoer Modemacherin Maria Pinto, ihre Eleganz wurde gerne mit der Jackie Kennedys verglichen. Doch als ihr Mann sich um die Stimmen der weißen Arbeiter bemühte, stieg Michelle Obama auf kostengünstige Marken wie Gap oder den Freizeitausstatter J. C. Crew um.

Kleidung im Internet
Als die republikanische Vize-Kandidatin Sarah Palin wegen ihrer teuren Outfits kritisiert wurde, erklärte Michelle Obama, sie kaufe ihre Kleidung im Internet. Praktisch, bescheiden, allürenfreie. So wollte sie ein Gegenmodell zu Palin sein. Die Frau aus Alaska stilisierte sich als Hockey Mom, die ihre Kinder zum Training fährt, von Michelle hieß es, sie schaue sehr genau beim Fußball-Training ihrer Tochter Malia zu.

Ihre proletarischen Wurzeln betonte Michelle Obama gerne. «Ich bin in ein Arbeiterkind», sagt sie oft. Ganz stimmt das nicht. Tatsächlich hatte es ihr Vater beruflich nicht leicht, schon als junger Mann fesselte ihn eine Erkrankung an den Rollstuhl. Doch er arbeitete in gehobener Stellung bei den Chicagoer Stadtwerken. Seine Mitgliedschaft in der Demokratischen Partei in Chicago brachte ihm durchaus eine privilegierte Position ein.

Zielstrebig, hochbegabt
Michelle Obama war ein hochbegabtes und zielstrebiges Kind. Sie besuchte gute Schulen und studierte in Princeton und an der Elite-Uni Harvard Jura. Anders als ihr Mann arbeitete Michelle nicht als Sozialarbeiter, sondern spezialisierte sich auf lukratives Urheberrecht. Später arbeitete sie im Büro des Bürgermeisters von Chicago und wechselte dann als Managerin an das Universitätskrankenhaus.

Ihren Mann lernte Michelle Obama in der Anwaltskanzlei Sidley Austin kennen. Sie war während des Sommerpraktikums seine Betreuerin. Er soll lange um sie gebuhlt haben, bevor sie zustimmte, mit ihm auszugehen. Ihre erste Verabredung führte sie in den Spike-Lee-Film «Do the right thing». Andere Männer protzen vor Frauen mit ihrem sportlichen Können, Geld oder Wissen. Barack Obama nahm seine Verehrte mit zu einer Veranstaltung, wo er als Sozialarbeiter auftrat. Michelle war so angetan von seinem Mitgefühl und Charisma, dass sie nicht mehr widerstand. Heute nennt er sie liebevoll «mein Fels» oder die «Liebe meines Lebens».

Wahlkampf statt Job
Als ihr Mann aber begann, sich ernsthaft um die Präsidentschaft zu bemühen, verließ sie ihren Job, um sich seinem Wahlkampf zu widmen. Sie mutierte von der leidenschaftlichen - andere würden sagen: militanten - Kämpferin für Gerechtigkeit zur liebevollen Kandidatengattin und besorgten Mama. Ihre etwas kantigere Seite verbirgt Michelle Obama in jüngster Zeit gut. Das ist schade, denn sie hat eigentlich Humor. Auf die Frage, was sie am Wahlkampf am liebsten mag, sagte sie einmal: «Ich habe so viele Wohnzimmer besichtigt und viele Einrichtungsideen bekommen.» Welche Rolle Michelle Obama als First Lady übernehmen wird, ließ sie vor der Wahl noch offen: «Ich werde zu gegebener Zeit meine Rolle finden», sagte sie selbstsicher. Ganz frei wird sie in ihrer Entscheidung nicht sein.

Am Abend des Wahlsieges nahmen Michelle und Barack Obama ihre Töchter auf der Bühne in ihre Mitte. Die siebenjährige Sasha hielt die Hand ihres Vaters und wirkte wie ein aufgewecktes kleines Mädchen. Doch die zehnjährige Tochter Malia wirkte verletzlicher, sie ist offenbar auf dem Sprung in die Pubertät. Michelle Obama legte ihre Hand schützend um sie.

Mutterrolle ganz oben
Keinen Job nimmt die 44-jährige Frau ernster als ihre Mutterrolle. Während des Wahlkampfes stellte sie nicht etwa eine Kinderfrau ein, sondern brachte die Mädchen zu ihrer Mutter Marian Robinson, wenn sie verreisen musste. Michelle wird wissen, dass die beiden von nun an eine ungewöhnliche und vielleicht nicht immer einfache Jugend im Weißen Haus erleben werden. Es heißt, Michelle Obama suche wahrscheinlich längst nach geeigneten Schulen in Washington. Einen zu großen Schock beim Umzug will sie ihren Töchtern offenbar ersparen. So zitierte die New York Times gestern eine enge Freundin der Obamas mit der Einschätzung, im Weißen Haus werde es bald nicht nur Staatsbankette, sondern wahrscheinlich auch Übernachtungspartys mit den Freundinnen von Malia und Sasha geben.

Michelle Obama wird wohl als erste schwarze First Lady der USA kein so anderes Leben führen als ihre weißen Vorgängerinnen: Sie wird Mutter, Ehefrau, Schlichterin, Muntermacherin, Kritikerin, Trendsetterin und das neue weibliche Gesicht der USA in der Welt sein. Eine Ikone eben.

Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der «Berliner Zeitung».