06.11.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Hier wohnt bald Obama
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Bush, der ins Weiße Haus zog mit dem Anspruch, den ach so stinkenden Saustall Clintons auszumisten, hat das ganze Land in Jauche getunkt und beinahe versenkt, schreibt Holger Schmale : Obama kommt gerade noch rechtzeitig.
Es ist schnell dahin gesagt und geschrieben, das Wort vom historischen Ereignis, von dem Tag, der in die Geschichte eingehen wird. Allzu oft bewahrheiten sich solche Vorhersagen, aus der Distanz betrachtet, dann doch nicht. Dieser 4. November aber wird mit Gewissheit in die Geschichte eingehen als ein Tag der Zeitenwende.
Der Tag, an dem erstmals ein Schwarzer zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt wurde. Das allein schon ist ein unerhörter Vorgang, denn die Fratze des Rassismus ist auch heute noch ein wohlbekanntes Gesicht in den USA. Doch die Wahl dieses Präsidenten ist Ausdruck eines gesellschaftlichen Umbruchs, der noch tiefer geht.
Ein echter LiberalerBarack Obama ist ja nicht nur Träger einer dunklen Hautfarbe, sondern auch einer Gesinnung, die allem widerspricht, was seit den späten 60er Jahren den Mainstream in den USA geprägt hat. Er ist ein echter Liberaler im amerikanischen Sinne, im europäischen Verständnis also fast schon ein Linker. Richard Nixon, Ronald Reagan, Vater und Sohn Bush aber sind die Namen, die untrennbar mit einer 40-jährigen Periode der US-Geschichte verbunden sind, in der Liberalität als ein Schimpfwort galt.
Damit ist jetzt Schluss. Es verdankt sich der monströs entarteten Politik George W. Bushs, dass die von ihm verkörperte Legende des mitfühlenden Konservatismus als eben das entlarvt wurde, als eine Legende, oder noch härter gesagt: als eine Lüge.
SaustallJener Mann, der 2001 ins Weiße Haus gezogen ist mit dem moralischen Anspruch, den ach so stinkenden Saustall des Bill Clinton auszumisten, hat das ganze Land in die Jauche getunkt und beinahe versenkt. Daraus hat die große Mehrheit der US-Wähler ihr Land nun befreit. Guantanamo, die Lügen vor dem Angriff auf den Irak und das Desaster danach, Abu Ghoreib, der als Heimatschutz getarnte Abbau der Bürgerrechte, die rücksichtslose Staatsverschuldung, Bushs unheilvolle Politik hat so viel Unmut, ja Empörung entstehen lassen, dass sich die gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse nun gedreht haben.
Dass erstmals in der Geschichte der USA eine Mehrheit, also auch viele Weiße, gesagt haben: Es ist in Ordnung, einen Schwarzen zu unserem Präsidenten zu wählen, er ist der richtige Mann in dieser Lage.
Ergebnis einer EntwicklungDas ist der entscheidende Charakter dieser Wahl. Sie ist nicht nur das Ergebnis des brillanten Wahlkampfes eines charismatischen Mannes, der die besten Seiten der USA, ihre Idee von Freiheit, Gleichheit und Wohlstand für jedermann, verkörpert. Der, wie in der Rede in der Wahlnacht, den richtigen Ton trifft, anrührend, mitreißend, glaubwürdig und zusammenführend.
Diese Wahl ist das Ergebnis einer über 200 Jahre währenden Entwicklung, einer Emanzipation der Schwarzen und einer Reifung der amerikanischen Gesellschaft über viele Widersprüche, Rückschläge und Tiefpunkte hinweg. Schließlich ist es erst 40 Jahre her, dass Martin Luther King ermordet wurde und Rassenunruhen das Land erschütterten.
So ist aus einer Volksabstimmung über einen politisch und moralisch gescheiterten Präsidenten und seine Partei auch eine Volksabstimmung über die Zukunft des Landes geworden, in der erstmals eine Mehrheit sich dazu bekannt hat, in der Vielfarbigkeit der amerikanischen Gesellschaft eine Chance zu sehen.
Vieles spricht dafür, dass Barack Obama seinen Sieg gerade deshalb errungen hat, weil er den Wahlkampf nicht wie ein schwarzer Bürgerrechtler, sondern mit dem Versprechen geführt hat, das ganze Land zu einen und voranzubringen. Das traut man ihm zu. Viele setzen auf ihn, nicht weil, sondern obwohl er ein Schwarzer ist. Er hat nicht nur einen Wahlkampf geführt, er hat eine Bewegung ausgelöst, die zur höchsten Wahlbeteiligung seit hundert Jahren geführt hat. So groß war die Entschlossenheit, diese historische Chance nicht vergehen zu lassen. So groß war die Begeisterung, Teil des Wandels zu sein. So kraftvoll und mitreißend kann Demokratie sein.
Obama hat aber auch vom Glück des Tüchtigen gezehrt. Er hat die Kandidatur überhaupt nur errungen, weil Hillary Clinton es lange gar nicht für nötig gehalten hat, die wachsende Obamania ernst zu nehmen. Er hat von der ausgeprägten Wechselstimmung nach den Bush-Jahren profitiert, der John McCain nicht überzeugend gerecht werden konnte. Und schließlich hat ihm die Finanzkrise geholfen, deren Bewältigung dem Republikaner fast niemand zugetraut hat.
Nun aber kommen schwere Zeiten auf Barack Obama zu, er hat dies selber in seiner klugen Dankesrede angesprochen. Er erbt zwei Kriege, eine irrwitzige Staatsverschuldung, eine schwelende Finanzkrise, die in eine Katastrophe für die vielen überschuldeten Haushalte führen kann, eine Sozialversicherung, die ebenso desolat ist wie die Infrastruktur in vielen Teilen des Landes. Und er wird ins Amt begleitet von der millionenfachen Hoffnung, sein Versprechen vom Wandel Wahrheit werden zu lassen. Wünschen wir ihm, dass ihn das Glück nicht verlässt!
Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der «Berliner Zeitung». Holger schmale leitet das Bundesbüro. Er ist derzeit in den USA.