05.11.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Sie flippen aus - "Yes, we can"
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Quelle: NZ Netzeitung GmbH
«Amerika ist der Ort, an dem alles möglich ist», ruft der nächste Präsident der Vereinigten Staaten - und die Massen jubeln ihm zu. Nun wird er allerdings die Geister zähmen müssen, die er rief.
Es war kurz nach elf Uhr Abends in Chicago, als Barack Obama seinen Triumph feierte. Der Jubel im Grant Central Park war längst ausgebrochen, frenetisch begrüßten ihn Hunderttausende seiner Anhänger, es war der Augenblick, auf den Millionen von Menschen in den ganzen USA gewartet hatten. Als Obama mit Ehefrau Michelle und den beiden Töchterchen Sasha und Malia die Bühne betritt, gibt es kein Halten mehr. «Yes, we can! Yes, we can», skandieren die Menschen. Ja, wir können es schaffen! Es ist die erste schwarze Familie, die in der über 200-jährigen Geschichte ins Weiße Haus einzieht - eine Zäsur für das Land. Für Millionen von schwarzen Amerikanern ist ein Traum wahr geworden.
Die ist nicht nur das Ende eines langen und harten Wahlkampfs. Die Menschen, die in dieser ungewöhnlich warmen Novembernacht in Chicago zusammen gekommen sind, die Millionen, die im ganzen Land zu spontanen Jubelfeiern auf die Straße gehen sie feiern nicht nur das Ende der Ära des ungeliebten republikanischen Präsidenten George W. Bush. «Amerika ist der Ort, in dem alles möglich ist», ruft Obama den Menschen zu. Er spricht von einer «Botschaft an die ganze Welt», von der «Wiederbelebung des amerikanischen Traums.» Was sich in Chicago in dieser Nacht vollzieht, ist die Ankündigung einer Zeitwende.
«History is in the making», nennen das die Amerikaner. Es wird Geschichte gemacht. Über 200 Jahre nach Gründung der USA, nach Sklaverei und Bürgerkrieg, 40 Jahre nach der Bürgerrechtsbewegung, endlich ein schwarzer Präsident - es ist noch nicht lange her, da wäre das für die große Mehrheit der Amerikaner schlichtweg undenkbar gewesen.
«Jeder schwarze Junge kann es jetzt werden»«Ich hätte niemals gedacht, dass ich das in meinem Leben erleben würde«, gesteht Jessica Rose, eine gerührte 26-jährige Afro-Amerikanerin im Meer der jubelnden Masse. «Wenn ich an meine Großeltern, an meine Onkel und Tanten denken, was die durchgemacht haben...» Den Tränen nahe ist auch Nadine Kijak, eine 54 Jahre alte Schwarze aus der South Side von Chicago dem Schwarzenviertel, in dem Obama nach seinem Harvard-Studium in den 80er Jahren als Sozialarbeiter gearbeitet und seine politische Karriere begonnen hatte.
«Jeder schwarze Junge weiß nun, dass auch er Präsident werden kann», freut sich die Frau, die im Südstaat Mississippi groß geworden war. Sie erinnert sich noch daran, dass es ihr als kleines Mädchen verboten war, sich einem Goldfischteich oder dem Strand zu nähern. Dort standen Schilder «Nur für Weiße». Allein dass ein Schwarzer Präsidentschaftskandidat werden konnte - sie hätte das früher nicht einmal zu träumen gewagt.
Vergleich mit MondlandungObama ist ein begnadeter Redner. Und es sind ganz sicher nicht zuletzt seine rhetorischen Fähigkeiten, die ihm den Weg ins Weiße Haus geebnet haben. Heute Nacht feiert er den Triumph. Die Größe der Stunde seines Sieges vergleicht er mit der Landung der US-Astronauten auf dem Mond und mit dem Fall der Berliner Mauer.
Streckenweise scheint die Rede zur Andacht zu werden. Obama zählt die gewaltigen Herausforderungen auf, die vor ihm liegen. «Die Straße vor uns wird lang sein. Der Hang wird steil sein. Wir werden nicht alles in einem Jahr oder in einer Amtszeit erreichen. Aber ich hatte nie mehr Hoffnung als heute Nacht, dass wir es schaffen werden. Es wird Rückschläge und Fehlstarts geben.» Und fast wie in einer Andacht in einer der vielen schwarzen Gemeinden in den USA, antwortet die Menge in Chicago wie im Chor: »Yes, we can. Yes, we can.»
«Schwarzer Kennedy» dämpft HoffnungenObama, der Erneuerer, den die Medien schon seit Monaten als «schwarzen Kennedy» bezeichnen, weiß um die enormen Gefahren der allzu großen Hoffnungen, der allzu großen Erwartungen. «Selbst wenn wir heute Nacht feiern, wissen wir, dass die Herausforderungen am nächsten Tag die größten unseres Leben sein werden.» Bereits zum Ende seines Wahlkampfes, ist Obama zusehends realistisch geworden. Er weiß, dass er mit seinen hochfliegenden Botschaften von Hoffnung und Wandel zur Projektionsfläche vieler unrealistischer Erwartungen geworden ist.
Obama der «Mann zwischen den Welten», der in Hawaii und Indonesien aufwuchs, der nach dem Harvard-Studium als Sozialarbeiter in die Schwarzenviertel von Chicago ging - muss das Land aus zwei Kriegen führen, den Weg aus der Finanzkrise weisen, die Wirtschaft aus der Talfahrt führen, die marode Infrastruktur des Landes sanieren. Ob er da noch die Kraft hat und das Geld zu großen Reformen, zu großem Fortschritten im Erziehungs- und Gesundheitswesen? Er muss die Geister zähmen, die er gerufen hat das wird vielleicht eine der schwersten Aufgaben seiner Amtszeit werden. (Von Peer Meinert und Anne K. Walters, dpa)