US-Wahlkampf im Internet: 

netzeitung.deThe Winner Is: Youtube

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Auf YouTube wird kräftig Wahlkampf betrieben (Foto: nz (screenshot)<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Auf YouTube wird kräftig Wahlkampf betrieben
Foto: nz (screenshot)
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

In den sechziger Jahren entschied das Fernsehen den US-Wahlkampf. Die Gewinner in diesem Jahr stehen für Experten schon fest: Youtube und das Internet.

Egal, wer die US-Wahlen am 4. November 2008 gewinnen wird, fest steht schon jetzt: Der Wahlkampf dieses Jahres hat endgültig den Durchbruch für das Internet als entscheidendes, politisches Medium gebracht. Ob Applikationen bei iTunes oder auf dem Blackberry, ob Blogs oder sogar ein Satellitenkanal beim Bezahl-TV-Anbieter Dish Network, noch nie war ein US-Wahl derartig technologisiert wie 2008.
Die Gelddruckmaschine
Barack Obama liegt dabei klar vorne, was den Einsatz der Möglichkeiten des Internets angeht. Seine Kampagne war stark durch das Internet getrieben, sammelte allein online zwischen März 2007 und Juli 2008 280 Millionen Dollar ein. Das Magazin «The Atlantic» nennt Obamas Website Mybarackobama.com «eine beeindruckende Gelddruckmaschine». Der Button «Donate» ist dort gleich fünf Mal zu finden.

Allein 2008 nahm Obama so jeden Monat über 20 Millionen Dollar ein. Den Rekord stellte er im Februar auf, als sein Hauptquartier ein Spendenaufkommen von 55 Millionen Dollar meldete – 45 davon über das Internet. Geld, das den Demokraten nun wichtige Vorteile im Wahlkampf verschafft. Noch sechs Tage vor der Wahl hat sich Obama in den drei wichtigen Networks des US-Fernsehens eine halbe Stunde Sendezeit gekauft. Das kostet viel, viel Geld.
Bedeutung der Social Networks
Beide Kandidaten, Obama und auch McCain, entdeckten schnell, wie wichtig das Internet in dieser Wahlschlacht sein würde. So setzten beide Lager auf soziale Netzwerke. Fast 900.000 Freunde haben die beiden Präsidentschaftskandidaten allein bei MySpace Friends. Obama hat davon allerdings mit 700.000 eindeutig mehr. Zwei Millionen Facebook Unterstützer zählt das Obama-Lager, darunter eine Zeitlang angeblich auch die Tochter des Republikaners Rudy Guiliani. Nur 600.000 unterstützen auf Facebook McCain. Auch auf weniger großen Seiten wie AsianAve oder MyBatanga sind die Kandidaten vertreten.

Trotz des Eingeständnisses von McCain, dass er einen Computer nicht bedienen könne und er auch keine E-Mails selber schreibe, erwies sich McCains Lager als durchaus innovativ. So gibt es auf der Website McCains eine Unterrubrik McCainSpace, auf der Mitglieder Video-Unterstützungsbotschaften hochladen können. Im Blog gibt es die Möglichkeiten, sich ebenfalls unterstützend zu äußern und Fragen an McCain zu stellen. Zugleich gab das McCain-Lager so genannte talking points aus, Argumentationshilfen, die es den Anhängern des Republikaners leichter machen sollten, in anderen Blogs wiederum ihre Meinung zu artikulieren.

Wie weit wiederum die Obama-Wahlkämpfer in die digitale Welt und ihre Möglichkeiten für die Kampagne eingetaucht sind, zeigt sich daran, dass selbst in Computerspielen Werbung für den Kandidaten der Demokraten stattfindet. So finden sich im XBox 360 Autofahrspiel Burnout Paradise große Werbetafeln am Rande der Rennstrecke mit der Aufschrift «Obama for America». Auch im Basketball-Spiel NBA Live 08 wird für Obama geworben. Insgesamt 18 Video-Spiele hat das Obama-Lager für sich gewonnen.

Große Bedeutung von YouTube
Anfang Juli gab es mit der Youtube/CNN-Debatte außerdem die erste Fast-Nur-Internet-Diskussion. Noch benötigte man das Fernsehen, um die im Internet gestellten Fragen an die Kandidaten weiterzuleiten und einem großen Publikum zu übertragen. Doch da ist absehbar, dass im Wahlkampf 2012 alles gleich auf Youtube stattfindet. Eingereicht wurden knapp 3000 Videos, letztlich gestellt und ausgewählt worden waren allerdings nur 39 Fragen.

Überhaupt YouTube. Natürlich haben beide Präsidentschaftskandidaten eigene Channels auf der Video-Plattform, mit zusammen mehr als 100 Millionen Zuschauern bislang. Interessant ist dabei allerdings der Unterschied zwischen den beiden Parteien und ihrem Umgang mit dem Medium. Während McCain über 300 Videos einstellte, die aber überwiegend perfekt produzierte Werbebotschaften waren, die so auch im US-Fernsehen liefen, laufen auf dem Obama-Kanal mehr als 1500 Videos. Aber: Hier finden sich zahlreiche Amateur-Videos, kleine Wahlkampftour-Mitschnitte, Obama-Reden, selten aber die perfekt produzierten Obama-Wahlspots. Kein Wunder, dass Obamas YouTube Channel dann auch von 80 Millionen Zuschauern besucht wurde, während McCain lediglich 20 Millionen Zuschauer findet.
Weg vom Tresen, rein ins Netz
Nicht zu unterschätzen ist die gesamt-gesellschaftliche Bedeutung dieser Online-Aktivitäten der Parteien. Wie einst im Forum von Rom wird in diesem Wahljahr in den USA öffentlich debattiert, diskutiert, sich ausgetauscht. Die Kandidaten stehen nicht nur mehr bei Wahlveranstaltungen auf der Bühne, sondern minütlich unter Beobachtung. Das Murren über «die Politiker», kann nicht mehr nur am Tresen artikuliert werden, sondern per Video auf YouTube hochgeladen werden, zu einem Video-Blog-Eintrag auf der Kandidaten-Website werden.

So ziehen die Gründer des Personal Democracy Forums, Andrew Rasiej und Micah L. Sifry dann auch eine überaus positive Bilanz dieses Online-Wahlkampfs. Sie schreiben: «So wie das Fernsehen im Wahlkampf 1960 als Medium die Kommunikation revolutionierte, so sind 2008 das Internet und YouTube die Medien, die unsere poltische Wahrnehmung verändert haben. Egal, wer am 4. November gewinnt, der technologische Sieger heißt YouTube und damit letztlich auch die Demokratie.»

Für das Web ediert von Jens Teschke