15.10.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Im Netz ist alles möglich, selbst ein Sieg des schwarzen Kandidaten Obama im konservativen Südstaat Alabama. Auf den Online-Seiten von US-Medien kann der künftige Präsident per Mausklick bestimmt werden.
Noch ein Mausklick, und Barack Obama ist US-Präsident. Oder noch ein Mausklick mehr, und der Sieger heißt John McCain. Im Internet ist es ganz einfach, den Ausgang der Wahl in den USA am 4. November zu entscheiden: Das Spielzeug heißt «Electoral Vote Tracker» und Medien wie etwa die «New York Times», die «Los Angeles Times», «USA Today» sowie die TV-Sender CNN und CBS bieten es auf ihren Internetseiten an.
Die Nutzer können dort vorhersagen, in welchen US-Staaten sich die Mehrheit der Wähler für Obama und in welchen für seinen Rivalen McCain entscheiden wird. Auch ganz unwahrscheinliche Szenarien werden dort möglich: etwa, dass der Demokrat Obama den konservativen Südstaat Alabama gewinnt oder der Republikaner McCain das liberale Massachusetts.
Enttäuschendes Angebot Wer sich über eine der wichtigsten Wahlen weltweit informieren will, landet schnell auf den Internetseiten der US-Leitmedien. Auch in Deutschland gibt es zahlreiche Angebote, die Hintergründe, Prognosen und Kommentare zur Wahl anbieten. Dennoch ist Christoph Bieber, Politikforscher an der Universität Gießen und Vorstandsmitglied der Initiative «Politik-digital» aus Berlin, von der Bandbreite hierzulande etwas enttäuscht: «Vom Grad der Digitalisierung in den USA sind wir in Deutschland noch weit entfernt.»
Wer sich unabhängig von den klassischen Medien und den Parteien über die Wahl informieren möchte, dem rät Politologe Bieber zum Beispiel die US-Seiten www.realclearpolitics.com und www.politico.com - gute Englischkenntnisse jeweils vorausgesetzt. Spannend sei auch die Internetseite www.election.twitter.com, meint Bieber. Dort kann jeder seine Meinung zur US-Wahl äußern, maximal allerdings in 140 Anschlägen. Das Stichwort lautet «Mikro Blogging». «Das ist wie eine SMS an ganz viele Leser», sagt Bieber, der in den USA die Erfahrung gemacht hat, dass vor allem die jungen Obama-Fans solche Angebote nutzen: «Ganz klar, das ist auch eine Altersfrage.»
Für Bieber bringt die US-Wahl 2008 «eine neue Qualität» der politischen Nutzung des Web mit sich. Auch vor den Wahlen 2000 und 2004 habe sich der interessierte Zaungast online gut informieren können, inzwischen aber sei die Entwicklung mehrere Schritte weiter. Das liege nicht nur daran, dass die US-Medien im Internet breiter berichten als noch vor vier Jahren, sondern auch daran, dass es insgesamt viel mehr Inhalte gibt, zum Beispiel Liveblogs während der Debatten der Präsidentschaftskandidaten und Online-Kommentare danach.
Beschimpfungen werden gelöscht Auch aus Deutschland gibt es Webseiten, die sich nur mit der Wahl in den USA beschäftigen. Als eines der umfangreichsten Angebote gilt die Seite www.uswahl2008.de, ein Blog des «Handelsblatt»-Journalisten Georg Watzlawek aus Bergisch Gladbach. Seine Seite bietet sehr viel Hintergrundmaterial und ist bereits seit Herbst 2007 online. «Großes Besucherinteresse gab es schon während der Vorwahlen in den USA im Februar und März», sagt Watzlawek.
Im Schnitt hatte Watzlawek zuletzt pro Tag aber nur 900 Besucher auf der Webseite. Der Redakteur macht zudem die Erfahrung, dass es in Deutschland nur wenige Reaktionen von Lesern gibt - obwohl er sich ausdrücklich Kommentare wünscht. «Beschimpfungen, Tiraden und Ähnliches werden jedoch gelöscht», heißt es im Impressum. Aufgrund von Antiamerikanismus habe er aber nur ein oder zwei Einträge im Gästebuch entfernt, ansonsten falle ihm auf, «dass in Deutschland online generell weniger kommentiert wird als in den USA».
Watzlawek will mit seiner Seite auch Basisinformationen zur Wahl in den USA liefern - ebenso wie die Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg in Stuttgart, die umfangreiches Material auf ihrer Internetseite zur Verfügung stellt. «Unsere Aufgabe ist es, PR für die Demokratie zu machen - nicht nur bei Wahlen in Deutschland», sagt Online-Redakteur Wolfgang Herterich. Besucher der Seite erfahren etwa ausführlich, wie das Wahlsystem in den USA funktioniert. Eine Linksammlung führt zum Beispiel zu den TV-Duellen der beiden Kandidaten und zu ihren Auftritten auf den Nominierungsparteitagen im Sommer.
Viel Spott über den Gegner Wer noch mehr über John McCain und Barack Obama wissen möchte, kann auch ihre offiziellen Webseiten und die ihrer Parteien ansurfen. Dort steht aber natürlich die Werbung für die Person und ihr Programm im Vordergrund, gewürzt mit allerlei Spott und negativen Aussagen über die jeweilige Gegenseite.
Irgendwann am Morgen des 5. November werden die Internetnutzer wissen, ob sie mit ihren Einschätzungen im «Electoral Vote Tracker» richtig lagen - also ob die Wähler in den umkämpften «Swing States» wie Colorado, Ohio und Florida sich für Obama oder McCain entschieden haben. Wie es dann weitergeht, werden auch Politikforscher Bieber und Blogger Watzlawek genau im Auge behalten.
Bieber rechnet damit, dass im Falle eines Obama-Sieges mit Hilfe das Internets ein neuer Politikstil möglich werden könnte: «Die Idee ist sehr interessant, dass Entscheidungen nicht nur zusammen mit drei Beratern getroffen werden, sondern auf mehr Schultern verteilt werden könnten, weil man die Kommunikationsmittel dafür nun hat und sie auch nutzt.» Und Georg Watzlawek denkt schon - je nach Sieger - über einen «Obama-Blog» oder «McCain-Blog» nach, den er dann vielleicht anlegt. (Von Christian Röwekamp/dpa)