netzeitung.dePorträt: George W. Bush, der Polarisierer

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Der Polarisierer (Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Der Polarisierer
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

George W. Bush war manche Tugend zugeschrieben worden, die Fähigkeit zur US-Präsidentschaft gehörte lange nicht dazu. Inzwischen ist der Mann im Weißen Haus zu einer komplexen historischen Figur geworden.

Von Joachim Widmann

Jeder glaubt, über George W. Bush alles zu wissen. Einen formbaren, schwachen Menschen in den Händen von amerikanischer Überlegenheit besessener neokonservativer Berater und der Großindustrie sehen seine Kritiker in ihm; einen Politiker mit dem richtigen Sinn für Macht und Herrschaftsverantwortung seine Bewunderer.

Seit Beginn seiner Amtszeit hat sich der mächtigste aller Männer von einer vielbelächelten Figur zum Polarisierer gewandelt, dem Freund und Feind mit argwöhnischer Achtung gegenüberstehen. Da er viel bewegt, sich aber weder als Ideologe noch als Pragmatiker erwiesen hat, greifen bei Bush nach vier Jahren im Brennpunkt weltweiter Medienaufmerksamkeit und Kritik keine simplen Erklärungsmuster und vereinfachenden Klischees.

Manche Regeln der Politik scheinen bei Bush seltsam wirkungslos. Selbst das eigentümliche Lavieren seiner Regierung im Folter-Skandal und die Auflösung all seiner Kriegsgründe gegen Irak haben nicht dazu geführt, dass sich die Amerikaner massenhaft von ihm abwenden. Er ist in keiner Hinsicht brillant, und doch: Bush wird unterschätzt.

Ins Amt hineingewachsen
Bush musste in sein Amt zunächst hineinwachsen. Das entscheidende Datum ist nicht das seiner Amtseinführung, sondern das des Angriffs auf Amerikas Selbstverständnis und Sicherheit, der 11. September 2001.

Zuvor hatte man dem Schüler, Studenten und Geschäftsmann Bush zunächst die Politik, dann dem texanischen Gouverneur Bush die Präsidentschaft, schließlich dem Präsidenten Bush eine starke Regierung nicht zugetraut. Er wurde abgetan als historischer Irrtum, als Episode. Als stärkste Hoffnung seiner Amtszeit galt, dass sein von unfreiwillig komischen «Bushismen» durchzogenes Gerede und seine Konzeptlosigkeit, sein Rückzug aus internationalen Abrüstungsvereinbarungen sowie seine Umweltpolitik nicht zuviel Schaden in der Welt und in den USA anrichten möge.

Als Bush sichtlich betroffen von den Terroranschlägen am Abend des 11. September 2001 vor die Nation trat, wirkte er gereift und ehrlich. Er traf den richtigen Ton zwischen Anteilnahme und Entschlossenheit, die Anschläge angemessen zu ahnden. Er wirkte dabei weder überheblich, noch machte er den Eindruck, seiner Rolle nicht gewachsen zu sein. Sein berüchtigter Unernst schien von ihm abgefallen.

Befürchtungen getrogen
In den folgenden Monaten trog er Befürchtungen, er neige zu cowboyhaftem Aktionismus, zu unüberlegten Alleingängen, zu Arroganz aus Oberflächlichkeit oder gar Dummheit. Er warb international um Unterstützung für die Verfolgung der Terroristen, setzte Zeichen mit Initiativen für ein neues entwicklungspolitisches Konzept für die Dritte Welt und stellte sich dem Volkszorn entgegen, indem er in demonstrativ-freundschaftlichen Begegnungen mit gemäßigten Moslem-Führern in den USA für Toleranz und Fairness eintrat. Bush verkörperte «Leadership» in bester angloamerikanischer Tradition.

Das Ansehen, das er sich seinerzeit erwarb, ging zum großen Teil inzwischen wieder verloren. Die Umstände des Irakfeldzugs und Bushs kurzer Atem beim Zusammenhalten internationaler Allianzen und Verfolgen vielversprechender politischer und militärischer Projekte haben die Kritik vor allem in Europa noch verschärft.

Widersprüchliche Anlagen
Hier wie dort zeigte er sein wahres Gesicht. Bush widerlegt viele seiner Kritiker und erregt zugleich neue Kritik, indem er nicht erwartungsgemäß eindeutige Ansichten vertritt oder ein Mann ohne Eigenschaften ist, sondern im Gegenteil höchst widersprüchliche, starke Anlagen erkennen lässt: Die Disziplin und den Ehrgeiz seines Vaters, den er stets bewunderte, als er selbst noch ganz ambitionsloser Klassen- und Seminarclown mit schlechten Noten war. Die Loyalität, die Lebenslust und die wache Schlagfertigkeit seiner Mutter, mit der er in jeder Gesellschaft schon als Jugendlicher mühelos den Mittelpunkt bildete, obwohl er an persönlichen Leistungen lange nichts zu bieten hatte. Die kurze Aufmerksamkeitsspanne bei großer Begeisterungsfähigkeit.
Bewunderer seines Vaters
1946 geboren als Enkel eines Senators und Sohn eines Mannes, dessen politischer Ehrgeiz schließlich ins Weiße Haus führte, hatte Bush von seiner Herkunft zwar profitieren können, doch wählte er nicht die gleichsam naturgegebene Karriere des Berufspolitikers. Mitschüler und Kommilitonen erinnern sich an ihn als einen besonders netten Kerl, dessen einziger Ehrgeiz es zu sein schien, mit «Fun» im Mittelpunkt zu stehen.

Der hochdekorierte Weltkriegsveteran, erfolgreiche Geschäftsmann und ambitionierte Politiker George Herbert Walker Bush hatte in seinem ältesten Sohn George Walker einen treuen Anhänger, der unter seiner berufsbedingten Abwesenheit litt und ihm zugleich in allem nachzueifern trachtete. George W. besuchte dieselbe elitäre Privatschule, dieselben Top-Universitäten Yale und Harvard, ja er war Mitglied derselben Studentenverbindung. Als Sportler war er oberes Mittelmaß, sonst konnte er mit seinen Leistungen jedoch neben seinem Vater nicht bestehen.

Und auch dies unterschied ihn von seinem Vater: Er genoss es, jede Party mit Charme und Witz zu beleben, allerdings fand er nicht leicht Kontakt zu Frauen.

Neigung zu Exzessen
Bush trat politisch nicht in Erscheinung, obwohl er schon als Jugendlicher für die republikanischen Wahlkampagnen seines Vaters und dessen politischer Freunde jobbte. Ein wilder, lustiger und umgänglicher junger Mann war er, mit einer ausgeprägten Neigung zu alkoholischen Exzessen.

Als Ende der Sechzigerjahre Amerikas Jugend zu einem neuen, kritischen Selbstbewusstsein fand, beteiligte er sich nicht nur nicht an den Demonstrationen, sondern nahm sie angeblich nicht einmal zur Kenntnis. Niemand von Bushs Kommilitonen an den Institutionen amerikanischer Eliten-Bildung hat ihn damals zu jenen gezählt, die das Zeug zu einer besonderen, gar einer politischen Karriere hatten.

Zu Bushs in Biografien stets hervorgehobenen Eigenschaften gehört seine intensive Familienbindung, vor allem zu seiner Mutter. Barbara Bush verdankt es nach eigenen Angaben ihrem ältesten Sohn, ihre Jahre währende tiefe Trauer und Depressionen nach dem Leukämie-Tod ihrer Tochter Robin überwunden zu haben. Ein Schulfreund erinnerte sich im Gespräch mit der «Washington Post» 1999 daran, dass Bush ihm als Kind einmal ein Treffen am Nachmittag abgesagt habe, weil er mit seiner Mutter spielen wollte, die immer so traurig sei. «Ich dachte, er ist mein Sohn, er braucht mich – dabei war ich es in Wahrheit, die auf seine Hilfe angewiesen war», sagt Barbara Bush.

Rettung vor dem Ruin
Seiner Mutter wird ein hoher Anteil an Bushs Karriere zugeschrieben. Sie gilt als die wichtigste Beraterin seiner frühen Jahre. Der Einfluss seiner Familie soll ihm überdies dabei geholfen haben, unter bis heute nicht ganz geklärten Umständen ehrenhaft den Einsatz in Vietnam zu vermeiden, indem er sich 1968 auf fünf Jahre der texanischen Nationalgarde andiente, wo er trotz unterdurchschnittlicher Ergebnisse im Aufnahmetest angenommen und zum Flieger ausgebildet wurde. Und es war letztlich der gute Name seines Vaters, der seine Ölfirma 1986 vor dem Ruin rettete.

Bush ist nicht nur in seiner Präsidentschaft ein auffällig wandelbarer Mann. Übel verkatert nach der Feier seines 40. Geburtstags schwor er am 7. Juli 1986 auf einem persönlichen und geschäftlichen Tiefpunkt spontan dem Alkohol ab und wandte sich der Religion zu. Zu Bushs «christlicher Wiedergeburt» trug der erzkonservative, fundamentalistische Fernsehprediger Billy Graham bei.

Verbindung zur Landbevölkerung
Mit der Bekehrungs-Story schaffte Bush zweierlei: Er positionierte sich als Konservativer mit christlichen Wurzeln, während er zuvor kaum politisches Profil gezeigt hatte. Und der Eliteschüler aus gutem Hause knüpfte auf diese Weise sein Band zu kleinen Leuten: Zur hart arbeitenden, tief religiösen weißen Landbevölkerung. Die findet die Politik der smarten, redegewandten und liberalen Aufsteiger vom Schlage etwa des wendigen Juristen Bill Clinton zu wenig bodenständig, dafür geschwätzig und aufdringlich, und fühlt sich grundsätzlich unverstanden und benachteiligt.

Bushs Kritiker haben es nicht leicht, sich über die hinterwäldlerisch wirkende Bekehrungs-Geschichte unter Hinweis auf Wahlkampftaktik sachlich hinwegzusetzen. Sie ist nicht weniger ur-amerikanisch als das modernistische, in den Einwanderervierteln der Metropolen geprägte «Vom-Tellerwäscher-zum-Millionär»-Klischee, das Clinton als ehemaliges Ghettokind bediente, sondern dessen politisch hoch wirksames Gegenbild und – offenkundig – nicht gelogen. Denn aus dem netten, aber unambitionierten Geschäftsmann Bush wurde unmittelbar nach seiner christlichen Wende sehr rasch ein kühner Spekulant hart an der Grenze der Legalität, Mitinhaber und erfolgreicher Manager des einträglichen Baseball-Teams Texas Rangers und Wahlkampfberater eines Präsidenten – seines Vaters.

Er arbeitete mit bis dahin an ihm nicht beobachteter Zielstrebigkeit daran, die nötige Unterstützung und Popularität zu gewinnen, um für den Posten des texanischen Gouverneurs zu kandidieren. Niemand zweifelte mehr an seinem Ehrgeiz.

Image der Ehrlichkeit
Die Bekehrung verhalf Bush auch zum Image schonungsloser Ehrlichkeit. Er bekannte sich zur überwundenen Sauferei und wies nie eindeutig Vorwürfe zurück, er habe auch härtere Drogen wie Kokain probiert. In einem wilden Alter habe er wilde Dinge getan, sagt er immer wieder. Er sei kein Alkoholiker gewesen, aber der Alkohol habe seine Entwicklung blockiert. Keine Ausflüchte, scheint es, kein «Spin» wie jenes Wort seines Amtsvorgängers Clinton, er habe zwar Marihuana geraucht, aber «nicht inhaliert».

Und doch beruht Bushs Story vom Aufstieg durch tiefgreifende Läuterung auch auf Stilisierung. Denn schon 1978, acht Jahre vor seiner offiziellen «Erweckung», hatte George W. Bush für den Kongress kandidiert. Im Wahlkampf erwies er sich als konzentrationsfähiger, disziplinierter, wenn auch nicht allzu gewandter Mann.

Bush verlor jenen scharfen Wahlkampf sehr knapp mit 47 Prozent der Stimmen als Mann des Establishments und der Industrie, der mit dem sprichwörtlichen «silbernen Löffel im Mund» aufgewachsen war und an der Ostküste eine Elite-Ausbildung erhalten hatte. Er verzichtete darauf, seinen Gegner, der ihn so verhöhnte, als Heuchler bloßzustellen, obwohl er über belastendes Material verfügte.

Da die Prominenz und der Einfluss seines Vaters sein Image prägten, beschloss er, die Politik zu verlassen, bis sein Vater sich daraus zurückziehen würde. 1988 wurde er dann aber dessen wichtigster Wahlkampfmanager. Seine Bekehrung hatte ihn vom Establishment-Image des als Technokrat verschrieenen Vaters distanziert und bedeutete für diesen zugleich die Verbindung zum religiösen, emotionalen Flügel der Republikaner.

In großen Debatten verloren
1994 gewann Bush die Wahl zum texanischen Gouverneur. Die demokratische Amtsinhaberin hatte ihn im Wahlkampf provozieren wollen in der Hoffnung darauf, dass er in aller Öffentlichkeit so reagieren werde, wie er es früher gelegentlich unter Alkohol getan hatte: Zornig, ausfällig, unter Verwendung einsilbiger Schimpfworte, die zum Schutz der Moral in den US-Medien nicht hätten zitiert werden können.

Gouverneurin Ann Richards zeichnete ihn als seines Vaters Marionette, als verwöhntes Muttersöhnchen, als unkontrollierten Säufer. Sie gab laut Medienberichten 200.000 Dollar für Ermittlungen aus, um ihm dubiose Geschäftspraktiken nachweisen zu können. Die Ermittlungen liefen tot, und Bush widerstand der Versuchung, in gleicher Münze zurückzuzahlen. Am Ende wirkte er cool, kontrolliert und erwachsen, während Richards sich offenkundig verrannt hatte.

So cool blieb Bush während des Präsidentschaftswahlkampfs 2000 nicht immer. Er beleidigte Journalisten, die ihn wiederum an seine Vergangenheit erinnert hatten und darauf herumritten, dass er im Gegensatz zu seinem Gegenkandidaten, Vizepräsident Al Gore, intellektuell nicht satisfaktionsfähig sei. Gore, der Akademiker und bundespolitisch erfahrene Ex-Senator, mochte stets distanziert und lahm wirken, an seiner Intelligenz dagegen zweifelte niemand. Bush fiddelte hilflos mit den Namen ausländischer Staatsmänner und großen Worten, die er gerade erst gelernt hatte; in ernsthaften bundespolitischen Debatten wirkte er verloren. In den Medien wurde er regelmäßig auf die Bildungsstufe jener Hinterwäldler gestellt, deren Stimmen er mit Leichtigkeit zu gewinnen weiß.

Höhnisches Mitgefühl
Der linke Kolumnist Christopher Hitchens goss sogar lauwarmes, höhnisches Mitgefühl über ihm aus, indem er an Bush «Dyslexia» diagnostizierte, eine Behinderung, die zur eingeschränkten Fähigkeit zum Verständnis gelesener und gehörter Texte sowie zu Wortfindungsproblemen führt. Auch an die schon sprichwörtlich gewordene kurze Aufmerksamkeitsspanne Bushs erinnerte Hitchens. Und hatte der Präsidentschaftskandidat auf dem Höhepunkt des Justizskandals um ungerechtfertigte Todesurteile nicht gesagt, er habe als Gouverneur jedes Gnadengesuch gründlich geprüft, bevor er es abwies? Hitchens unterstellte, dass er dazu nicht in der Lage gewesen war.

Vier Jahre danach hat Bush Hitchens' Unterstützung im Krieg gegen den Terror, doch die Vorwürfe gegen ihn angesichts seiner Begründungen für den Krieg gegen Irak erinnern an die alte Diagnose des Kolumnisten.

So ist es keineswegs sicher, dass Bush die Qualität der heute praktisch entwerteten Geheimdienstinformationen über die irakische Bedrohung vor dem Krieg selbst bewertete oder bewerten konnte. Glaubt man seinem ehemaligen (freilich geschassten, also nicht wohlwollenden) Finanzminister Paul O'Neill, zeigte Bush in entscheidenden Beratungen wenig Interesse für Details und inhaltlich komplexe Darstellungen. Er verlässt sich demnach ganz auf die Einschätzung seiner Leute in Kabinett und Stab, die weitgehend der Entourage des ersten Präsidenten Bush entsprechen.

Emotionalität
Bush ist jedoch nicht Wachs in den Händen seiner Berater. Sein Instinkt und seine Emotionalität sind offenbar Schlüssel zu seinen Entscheidungen. Er agiert oft irrational, aber nicht unberechenbar. Zugleich schützt ihn das emotionale Moment vor Extremen.

In «Plan of Attack», seiner Innenansicht der Entscheidungsprozesse vor dem Irak-Krieg, schildert der Watergate-Enthüller Bob Woodward eine Szene, in der sich Bush aus reiner Unlust offenkundig nicht auf das harte Insistieren seines designierten Vizepräsidenten Dick Cheney einlassen wollte, als er vor der Amtseinführung im Januar 2001 im Verteidigungsministerium eindringlich über Irak informiert wurde. Bush wirkte während der Sitzung im Pentagon gelangweilt und luchste den beteiligten Spitzenbeamten und -Militärs ihre Pfefferminzdrops ab. An abgehobenen Debatten ist er nicht interessiert – auch nicht, wenn sie ihm von seinen Freunden und Beratern aufgedrängt werden. Als er dann Irak auf der Agenda des Krieges gegen den Terror stehen wähnte, handelte er ohne große Konsultationen.

Loyalität zu Blair
So mangelte es dem deutschen Kanzler und dem französischen Präsidenten an internationaler Legitimität und an völkerrechtlicher Fundierung des Waffengangs gegen Irak. Da sie seinerzeit auch nicht besser über die wahre Bedrohlichkeit Iraks informiert waren als Bush, sind sie jenen «geduldigen Falken» zuzuordnen, die der frühere UN-Waffeninspektor Hans Blix als Verlierer im internationalen Streit um Krieg oder weiteres Containment ausgemacht hat. Wie auch US-Außenminister Colin Powell waren sie nicht grundsätzlich gegen Krieg, sondern gegen den übereilt, ohne internationales Mandat und ohne Nachkriegsstrategie begonnenen Krieg, der dann tatsächlich stattfand.

Bush war jedoch nicht nur «ungeduldiger Falke». Es war allerdings ein Gefühl, das ihn laut Woodward trotz starker Ressentiments dazu brachte, vor dem Krieg gegen Irak doch noch kurz um internationale Unterstützung der Vereinten Nationen zu werben: Loyalität gegenüber dem britischen Premier Tony Blair, der damit rechnen musste, über die schon zugesagte Beteiligung an einem amerikanischen Alleingang die Unterstützung seiner Partei zu verlieren.

Für viele seiner Gegner ist es dieser emotionale Zug an Bush, der sich dem Verständnis weitgehend entzieht und ihn bedrohlich erscheinen lässt: Er polarisiert auch, weil er zweihundert Jahre Aufklärung und Verrechtlichung aller Verhältnisse in Frage stellt.

Private Bindungen
Unter dem Einfluss privater Bindungen zeigt Bush auch keinerlei Vorbehalte gegen die häufig bemängelte Verquickung persönlicher Geschäftsinteressen und Regierungspolitik in seinem Kabinett, verkörpert vor allem durch Vizepräsident Cheney.

Und im Folter-Skandal schaffte es Bush, es in den Augen vieler Amerikaner nicht wie Führungsschwäche aussehen zu lassen, dass er Verteidigungsminister Donald Rumsfeld nicht gleich zum Rücktritt drängte. Indem er zu seinem alten politischen Gefährten stand, den er zugleich scharf abkanzelte und von Vize Cheney als «bester US-Verteidigungsminister aller Zeiten» loben ließ, hat er erneut europäische Erwartungen getrogen.

Für oder gegen Amerika
Bush wusste sich mit Nonchalance und Härte innen- und außenpolitisch über kritische Freunde und über Feinde wie auch über Bürgerrechte und Traditionen des Völkerrechts hinwegzusetzen. Im Wahlkampf zeichneten seine politische Gegner Bushs Wiederwahl als Katastrophe, und das war nicht nur eine Kampagnen-Attitüde. Theorien, wonach Bush und Cheney sich im Grunde auf einem Feldzug zur Unterwerfung Amerikas unter die Interessen der Großindustrie befinden, haben angesichts der Energie- und Umweltpolitik dieser Regierung und den Unklarheiten um die Geschäfte von Cheneys Ex-Arbeitgeber Halliburton in Irak viele Anhänger. Und Bushs Bekehrung und demonstratives Christentum macht viele Menschen um die Trennung von Staat und Religion fürchten, die aufweichen zu wollen Bush unterstellt wird. Nach dem Trauma des 11. September schätzen jedoch viele Amerikaner gerade Bushs von intellektuellen Skrupeln ungetrübte Entschossenheit und Tatkraft.

Es gilt als Zumutung, dass Bush nicht «mit der Fliegenklatsche» gegen die Feinde Amerikas ziehen will, wie er es seinem Amtsvorgänger unterstellt. Sein Herausforderer, der kaum weniger entschlossene, aber Vernunft-getriebene John Kerry, hatte genau mit dieser Haltung des Präsidenten das größte Problem, auch wenn er rhetorisch und argumentativ in den TV-Debatten vor der Wahl viel stärker wirkte als der Präsident. Denn Bush polarisiert auch, weil er dies Gefühl zu wecken weiß: Wer gegen diesen Präsidenten ist, kann nicht für Amerika sein.