Porträt: George W. Bush, der Polarisierer
Jeder glaubt, über George W. Bush alles zu wissen. Einen formbaren, schwachen Menschen in den Händen von amerikanischer Überlegenheit besessener neokonservativer Berater und der Großindustrie sehen seine Kritiker in ihm; einen Politiker mit dem richtigen Sinn für Macht und Herrschaftsverantwortung seine Bewunderer.
Seit Beginn seiner Amtszeit hat sich der mächtigste aller Männer von einer vielbelächelten Figur zum Polarisierer gewandelt, dem Freund und Feind mit argwöhnischer Achtung gegenüberstehen. Da er viel bewegt, sich aber weder als Ideologe noch als Pragmatiker erwiesen hat, greifen bei Bush nach vier Jahren im Brennpunkt weltweiter Medienaufmerksamkeit und Kritik keine simplen Erklärungsmuster und vereinfachenden Klischees.
Manche Regeln der Politik scheinen bei Bush seltsam wirkungslos. Selbst das eigentümliche Lavieren seiner Regierung im Folter-Skandal und die Auflösung all seiner Kriegsgründe gegen Irak haben nicht dazu geführt, dass sich die Amerikaner massenhaft von ihm abwenden. Er ist in keiner Hinsicht brillant, und doch: Bush wird unterschätzt.
Zuvor hatte man dem Schüler, Studenten und Geschäftsmann Bush zunächst die Politik, dann dem texanischen Gouverneur Bush die Präsidentschaft, schließlich dem Präsidenten Bush eine starke Regierung nicht zugetraut. Er wurde abgetan als historischer Irrtum, als Episode. Als stärkste Hoffnung seiner Amtszeit galt, dass sein von unfreiwillig komischen «Bushismen» durchzogenes Gerede und seine Konzeptlosigkeit, sein Rückzug aus internationalen Abrüstungsvereinbarungen sowie seine Umweltpolitik nicht zuviel Schaden in der Welt und in den USA anrichten möge.
Als Bush sichtlich betroffen von den Terroranschlägen am Abend des 11. September 2001 vor die Nation trat, wirkte er gereift und ehrlich. Er traf den richtigen Ton zwischen Anteilnahme und Entschlossenheit, die Anschläge angemessen zu ahnden. Er wirkte dabei weder überheblich, noch machte er den Eindruck, seiner Rolle nicht gewachsen zu sein. Sein berüchtigter Unernst schien von ihm abgefallen.
Das Ansehen, das er sich seinerzeit erwarb, ging zum großen Teil inzwischen wieder verloren. Die Umstände des Irakfeldzugs und Bushs kurzer Atem beim Zusammenhalten internationaler Allianzen und Verfolgen vielversprechender politischer und militärischer Projekte haben die Kritik vor allem in Europa noch verschärft.
Der hochdekorierte Weltkriegsveteran, erfolgreiche Geschäftsmann und ambitionierte Politiker George Herbert Walker Bush hatte in seinem ältesten Sohn George Walker einen treuen Anhänger, der unter seiner berufsbedingten Abwesenheit litt und ihm zugleich in allem nachzueifern trachtete. George W. besuchte dieselbe elitäre Privatschule, dieselben Top-Universitäten Yale und Harvard, ja er war Mitglied derselben Studentenverbindung. Als Sportler war er oberes Mittelmaß, sonst konnte er mit seinen Leistungen jedoch neben seinem Vater nicht bestehen.
Und auch dies unterschied ihn von seinem Vater: Er genoss es, jede Party mit Charme und Witz zu beleben, allerdings fand er nicht leicht Kontakt zu Frauen.
Als Ende der Sechzigerjahre Amerikas Jugend zu einem neuen, kritischen Selbstbewusstsein fand, beteiligte er sich nicht nur nicht an den Demonstrationen, sondern nahm sie angeblich nicht einmal zur Kenntnis. Niemand von Bushs Kommilitonen an den Institutionen amerikanischer Eliten-Bildung hat ihn damals zu jenen gezählt, die das Zeug zu einer besonderen, gar einer politischen Karriere hatten.
Zu Bushs in Biografien stets hervorgehobenen Eigenschaften gehört seine intensive Familienbindung, vor allem zu seiner Mutter. Barbara Bush verdankt es nach eigenen Angaben ihrem ältesten Sohn, ihre Jahre währende tiefe Trauer und Depressionen nach dem Leukämie-Tod ihrer Tochter Robin überwunden zu haben. Ein Schulfreund erinnerte sich im Gespräch mit der «Washington Post» 1999 daran, dass Bush ihm als Kind einmal ein Treffen am Nachmittag abgesagt habe, weil er mit seiner Mutter spielen wollte, die immer so traurig sei. «Ich dachte, er ist mein Sohn, er braucht mich dabei war ich es in Wahrheit, die auf seine Hilfe angewiesen war», sagt Barbara Bush.
Bush ist nicht nur in seiner Präsidentschaft ein auffällig wandelbarer Mann. Übel verkatert nach der Feier seines 40. Geburtstags schwor er am 7. Juli 1986 auf einem persönlichen und geschäftlichen Tiefpunkt spontan dem Alkohol ab und wandte sich der Religion zu. Zu Bushs «christlicher Wiedergeburt» trug der erzkonservative, fundamentalistische Fernsehprediger Billy Graham bei.
Bushs Kritiker haben es nicht leicht, sich über die hinterwäldlerisch wirkende Bekehrungs-Geschichte unter Hinweis auf Wahlkampftaktik sachlich hinwegzusetzen. Sie ist nicht weniger ur-amerikanisch als das modernistische, in den Einwanderervierteln der Metropolen geprägte «Vom-Tellerwäscher-zum-Millionär»-Klischee, das Clinton als ehemaliges Ghettokind bediente, sondern dessen politisch hoch wirksames Gegenbild und offenkundig nicht gelogen. Denn aus dem netten, aber unambitionierten Geschäftsmann Bush wurde unmittelbar nach seiner christlichen Wende sehr rasch ein kühner Spekulant hart an der Grenze der Legalität, Mitinhaber und erfolgreicher Manager des einträglichen Baseball-Teams Texas Rangers und Wahlkampfberater eines Präsidenten seines Vaters.
Er arbeitete mit bis dahin an ihm nicht beobachteter Zielstrebigkeit daran, die nötige Unterstützung und Popularität zu gewinnen, um für den Posten des texanischen Gouverneurs zu kandidieren. Niemand zweifelte mehr an seinem Ehrgeiz.
Und doch beruht Bushs Story vom Aufstieg durch tiefgreifende Läuterung auch auf Stilisierung. Denn schon 1978, acht Jahre vor seiner offiziellen «Erweckung», hatte George W. Bush für den Kongress kandidiert. Im Wahlkampf erwies er sich als konzentrationsfähiger, disziplinierter, wenn auch nicht allzu gewandter Mann.
Bush verlor jenen scharfen Wahlkampf sehr knapp mit 47 Prozent der Stimmen als Mann des Establishments und der Industrie, der mit dem sprichwörtlichen «silbernen Löffel im Mund» aufgewachsen war und an der Ostküste eine Elite-Ausbildung erhalten hatte. Er verzichtete darauf, seinen Gegner, der ihn so verhöhnte, als Heuchler bloßzustellen, obwohl er über belastendes Material verfügte.
Da die Prominenz und der Einfluss seines Vaters sein Image prägten, beschloss er, die Politik zu verlassen, bis sein Vater sich daraus zurückziehen würde. 1988 wurde er dann aber dessen wichtigster Wahlkampfmanager. Seine Bekehrung hatte ihn vom Establishment-Image des als Technokrat verschrieenen Vaters distanziert und bedeutete für diesen zugleich die Verbindung zum religiösen, emotionalen Flügel der Republikaner.
Gouverneurin Ann Richards zeichnete ihn als seines Vaters Marionette, als verwöhntes Muttersöhnchen, als unkontrollierten Säufer. Sie gab laut Medienberichten 200.000 Dollar für Ermittlungen aus, um ihm dubiose Geschäftspraktiken nachweisen zu können. Die Ermittlungen liefen tot, und Bush widerstand der Versuchung, in gleicher Münze zurückzuzahlen. Am Ende wirkte er cool, kontrolliert und erwachsen, während Richards sich offenkundig verrannt hatte.
So cool blieb Bush während des Präsidentschaftswahlkampfs 2000 nicht immer. Er beleidigte Journalisten, die ihn wiederum an seine Vergangenheit erinnert hatten und darauf herumritten, dass er im Gegensatz zu seinem Gegenkandidaten, Vizepräsident Al Gore, intellektuell nicht satisfaktionsfähig sei. Gore, der Akademiker und bundespolitisch erfahrene Ex-Senator, mochte stets distanziert und lahm wirken, an seiner Intelligenz dagegen zweifelte niemand. Bush fiddelte hilflos mit den Namen ausländischer Staatsmänner und großen Worten, die er gerade erst gelernt hatte; in ernsthaften bundespolitischen Debatten wirkte er verloren. In den Medien wurde er regelmäßig auf die Bildungsstufe jener Hinterwäldler gestellt, deren Stimmen er mit Leichtigkeit zu gewinnen weiß.
Vier Jahre danach hat Bush Hitchens' Unterstützung im Krieg gegen den Terror, doch die Vorwürfe gegen ihn angesichts seiner Begründungen für den Krieg gegen Irak erinnern an die alte Diagnose des Kolumnisten.
So ist es keineswegs sicher, dass Bush die Qualität der heute praktisch entwerteten Geheimdienstinformationen über die irakische Bedrohung vor dem Krieg selbst bewertete oder bewerten konnte. Glaubt man seinem ehemaligen (freilich geschassten, also nicht wohlwollenden) Finanzminister Paul O'Neill, zeigte Bush in entscheidenden Beratungen wenig Interesse für Details und inhaltlich komplexe Darstellungen. Er verlässt sich demnach ganz auf die Einschätzung seiner Leute in Kabinett und Stab, die weitgehend der Entourage des ersten Präsidenten Bush entsprechen.
In «Plan of Attack», seiner Innenansicht der Entscheidungsprozesse vor dem Irak-Krieg, schildert der Watergate-Enthüller Bob Woodward eine Szene, in der sich Bush aus reiner Unlust offenkundig nicht auf das harte Insistieren seines designierten Vizepräsidenten Dick Cheney einlassen wollte, als er vor der Amtseinführung im Januar 2001 im Verteidigungsministerium eindringlich über Irak informiert wurde. Bush wirkte während der Sitzung im Pentagon gelangweilt und luchste den beteiligten Spitzenbeamten und -Militärs ihre Pfefferminzdrops ab. An abgehobenen Debatten ist er nicht interessiert auch nicht, wenn sie ihm von seinen Freunden und Beratern aufgedrängt werden. Als er dann Irak auf der Agenda des Krieges gegen den Terror stehen wähnte, handelte er ohne große Konsultationen.
Bush war jedoch nicht nur «ungeduldiger Falke». Es war allerdings ein Gefühl, das ihn laut Woodward trotz starker Ressentiments dazu brachte, vor dem Krieg gegen Irak doch noch kurz um internationale Unterstützung der Vereinten Nationen zu werben: Loyalität gegenüber dem britischen Premier Tony Blair, der damit rechnen musste, über die schon zugesagte Beteiligung an einem amerikanischen Alleingang die Unterstützung seiner Partei zu verlieren.
Für viele seiner Gegner ist es dieser emotionale Zug an Bush, der sich dem Verständnis weitgehend entzieht und ihn bedrohlich erscheinen lässt: Er polarisiert auch, weil er zweihundert Jahre Aufklärung und Verrechtlichung aller Verhältnisse in Frage stellt.
Und im Folter-Skandal schaffte es Bush, es in den Augen vieler Amerikaner nicht wie Führungsschwäche aussehen zu lassen, dass er Verteidigungsminister Donald Rumsfeld nicht gleich zum Rücktritt drängte. Indem er zu seinem alten politischen Gefährten stand, den er zugleich scharf abkanzelte und von Vize Cheney als «bester US-Verteidigungsminister aller Zeiten» loben ließ, hat er erneut europäische Erwartungen getrogen.
Es gilt als Zumutung, dass Bush nicht «mit der Fliegenklatsche» gegen die Feinde Amerikas ziehen will, wie er es seinem Amtsvorgänger unterstellt. Sein Herausforderer, der kaum weniger entschlossene, aber Vernunft-getriebene John Kerry, hatte genau mit dieser Haltung des Präsidenten das größte Problem, auch wenn er rhetorisch und argumentativ in den TV-Debatten vor der Wahl viel stärker wirkte als der Präsident. Denn Bush polarisiert auch, weil er dies Gefühl zu wecken weiß: Wer gegen diesen Präsidenten ist, kann nicht für Amerika sein.

