07.08.2001
Herausgeber: netzeitung.de
Konjunkturflaute und Sommerpause haben sich im Juli auf den Arbeitsmarkt ausgewirkt: Es gibt wieder mehr Arbeitslose. BA-Präsident Jagoda lässt seine Ziele fallen.
Die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland ist im Juli um 104.300 Menschen höher als im Vormonat. Das geht aus den jüngsten Zahlen hervor, die die Bundesanstalt für Arbeit am Dienstag der Öffentlichkeit präsentiert hat.
Der Anstieg ist der höchste in einem Juli seit 1997. Saisonbereinigt nahm die Zahl der Menschen auf Jobsuche um 11.000 zu. Experten hatten allerdings mit einem noch deutlicheren Anstieg dieser Zahl gerechnet.
Höhere QuoteIn Deutschland sind damit rund 3,798 Millionen Menschen ohne Arbeit. Im Juni dieses Jahres hatte die Zahl noch bei 3,694 Millionen gelegen. Im Vergleich zum Juli vergangenen Jahres nahm die Zahl der arbeitssuchenden Menschen zwar ab, allerdings verringert sich das Tempo deutlich: Die Bundesanstalt registrierte nur noch 4900 Arbeitssuchende weniger. Die unbereinigte Arbeitslosenquote stieg von 8,9 Prozent im Juni auf 9,2 Prozent.
Jagoda rückt von Ziel abAufgrund dieser Entwicklung geht Bernhard Jagoda, Präsident der Bundesanstalt für Arbeit, nicht mehr davon aus, im Jahr 2001 nur noch 3,7 Millionen Arbeitslose in Deutschland zu haben. Angesichts der aktuellen wirtschaftlichen Entwicklung könne «diese Marke wohl nicht erfüllt werden», sagte er. Um das Ziel zu erreichen, müsste schon ein «stürmischer Herbstaufschwung» kommen.
Ob die Arbeitslosenzahl im August erstmals seit mehr als drei Jahren wieder über den Vorjahreswert steigen werde, sei noch unklar, sagte Jagoda. «Es wird knapp hergehen.»
Im Sommer schwachDer Anstieg der Arbeitslosigkeit ist neben den üblichen saisonalen Einflüssen vor allem auf die lahmende Konjunktur zurückzuführen. Experten sehen nur bei einem Wirtschaftswachstum zwischen zwei und 2,5 Prozent die Chance, die Erwerbslosenzahlen zu senken.
Im Sommer gestaltet sich der Arbeitsmarkt traditionell schwierig: Viele Schulabgänger und Auszubildende melden sich erst einmal arbeitslos. Die Unternehmen warten mit Neueinstellungen bis zum Ende der Werksferien.
Erste ReaktionenVon der Nachrichtenagentur Reuters befragte Volkswirte hatten im Durchschnitt mit einem Anstieg um saisonbereinigt 20.200 gerechnet. In einer ersten Reaktion zeigte sich Peter Meister von der BHF Bank in Frankfurt positiv überrascht: «Die Zahlen sehen nun ganz schön aus, täuschen jedoch nicht darüber hinweg, dass sich die Arbeitslosigkeit weiter erhöhen wird. Schon im August dürften wir über der Rate des Vorjahres liegen», sagt er der Agentur. Angesichts der konjunkturellen Flaute wird sich seiner Ansicht nach der negative Trend bis Ende des Jahres fortsetzen.
«Der saisonbereinigte Anstieg ist deutlich niedriger als erwartet ausgefallen», meinte auch Dirk Chlench von der Hypothekenbank in Essen, «aber das ändert nichts an der Einschätzung, dass die Konjunktur in Deutschland schwach ist.» Auf dem Arbeitsmarkt sei keine Besserung in Sicht. Die erhofft er erst mit einer Konjunkturbelebung im kommenden Jahr. Das Ziel von Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD), zur Wahl im September 2002 die Zahl der Arbeitssuchenden auf 3,5 Millionen Menschen zu verringern, hält Chlench für kaum erreichbar. (nz)