Merkel will «Koalition der Möglichkeiten»
Ihre Gefühle wollte sie aber immer nicht so richtig zeigen - obwohl sie doch letztlich den Machtkampf ums Kanzleramt für sich entschieden hatte. Da wollte es eine britische Journalistin ganz genau wissen: «Wie geht es Sie», fragte die Dame entwaffnend, sie werde doch jetzt Bundeskanzlerin? Da musste auch Merkel herzhaft lachen. «Erstens: Es geht mir gut. Zweitens: Liegt sehr viel Arbeit vor uns. Ich befinde mich im Zustand gespannter Aufmerksamkeit.»
Die gewisse Leichtigkeit angesichts der voraussichtlichen Kanzlerschaft hatte sie in diesem Moment vermutlich auch deshalb ergriffen, weil in ihren Gremien zuvor alles glatt gelaufen war. Das war nicht selbstverständlich. Denn was die inhaltlichen Festlegungen angeht, hatte sich mancher im Vorstand schon gefragt, welches der in dem Grundlagenpapier genannten Projekte nun ausgesprochene Unions- Positionen spiegele.
Franz Müntefering dagegen hat sich auf die angestrebte enge Partnerschaft noch nicht so ganz eingestellt. Was Merkel eigentlich als Kanzlerin qualifiziere, wollte dem SPD-Fraktionschef nach den nächtlichen Spitzenrunden mit der CDU-Chefin nicht recht einleuchten. «Das muss deren Partei entscheiden», sagte er schroff. Besonders glücklich wirkte Müntefering nicht. Was er im Parteivorstand hinter verschlossenen Türen zu hören bekommen hatte, war stellenweise dazu auch wenig angetan. In vielen Punkten habe sich die Verhandlungsspitze von der Gegenseite über den Tisch ziehen lassen, lauteten offene und versteckte Vorwürfe.
Andere Mitglieder erbitterte, dass die Sozialdemokraten der politischen Konkurrenz ureigene Domänen wie das Bildungs- und Familienressort einfach überlassen hätten. Knapp ein Viertel der Vorständler verweigerte dem Paket durch Enthaltung oder Nein die Zustimmung. In der SPD-Fraktion herrsche «blankes Entsetzen», berichtete der Parteirechte Johannes Kahrs. Was da jetzt als Ressortverteilung auf Tisch liege, laufe auf die Formel hinaus: «Die SPD ist nur noch zuständig für die Probleme der Republik, die Union für die Zukunft.»
Was Schröders Zukunft angehe, «dazu sind Entscheidungen heute nicht gefallen», wich Müntefering klaren Antworten aus. Was seine eigene Zukunft angeht, hielt sich Müntefering ebenfalls bedeckt. Das letzte Wort über die Koalition mit der Union werde auf jeden Fall ein SPD-Parteitag haben.
Stoiber soll in einer großen Koalition das Amt eines Ministers für Wirtschaft und Technologie übernehmen. Das ist weniger, als der 64- Jährige wollte (der Verkehr fehlt) - aber immer noch mehr, als jeder andere Ressortchef haben wird. Trotzdem dürfte es Stoiber nicht leicht fallen, sich der Kabinettsdisziplin unter einer Kanzlerin Angela Merkel zu beugen. Die beiden verbindet trotz ihrer inzwischen langjährigen Zusammenarbeit immer noch ein eher kühles Verhältnis.
Stoiber wird sich im Interesse seiner Partei eine Haltung nach dem Motto seines Ziehvaters Franz Josef Strauß kaum leisten können: «Ist mir doch egal, wer unter mir Kanzler ist.» Die CSU ist existenziell darauf angewiesen, in einer großen Koalition eine konstruktive Rolle zu spielen. Denn sie wird rein rechnerisch neben den beiden großen Partnern CDU und SPD nicht gebraucht. (nz)

