Majadle - Araber, Israeli, Minister:
«Ob es Frieden gibt, liegt an Israel»
09.04.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Netzeitung: Herr Minister, was unterscheidet einen arabisch-moslemischen Minister für Kultur, Wissenschaft und Sport von seinen jüdischen Vorgängern im Amt?
Galeb Majadle: Mein Vorgänger war ein Verfechter des Friedens und der arabischen Gleichberechtigung, aus seiner Sicht hat er eine gute Arbeit gemacht, aber er denkt nun einmal nicht wie ein Araber, er lebt nicht in der arabischen Tradition. Als ich ins Amt kam, sagte ich mir, dass man die Bedingungen der arabischen Minderheit nicht an einem Tag verbessern kann. Also erhöhte ich erst einmal die Ausgaben für die arabische Bevölkerung auf dem kulturellen Sektor. Wir begannen kulturelle Events zu den moslemischen Feiertagen zu organisieren und wir veranstalteten Events in Haifa, für Juden, Christen und Moslems. Wir vergeben Preise für arabische Poesie, Musik, Literatur und haben begonnen, große arabische Kulturzentren zu bauen. Das alles kann nur ein arabischer Minister vorantreiben.
Wir wollen die Kluft, die es auf den Gebieten der Bildung, Kunst, Wissenschaft und des Sports gibt, innerhalb der nächsten zehn Jahre überbrücken. Es gibt keinen anderen Weg. Denn ein armer Mann, der hungrig ist, wo besorgt er sich sein Essen? Bei seinem wohlhabenden Nachbarn! Beide Seiten, die jüdische Mehrheit und die arabische Minderheit, haben also das gemeinsame Interesse, dass es beiden Seiten gut geht. Bis jetzt ist die Armut noch sehr groß, nicht nur auf der arabischen Seite, auch bei den frommen Juden.
Netzeitung: Betrachten Sie sich als arabisch-moslemischer Minister eines jüdischen Staates?
Majadle: Der Staat Israel möchte der Staat der Juden sein. Und die Mehrheit der Einwohner, achtzig Prozent, sind ja auch Juden. Aber ich möchte sicher gehen, dass Israel auch ein demokratischer Staat ist. Ich beschäftige mich nicht mit Semantik, ich beschäftige mich mit der Wirklichkeit. Wenn der Staat Israel der Staat der Juden sein möchte und der arabischen Minderheit ihre demokratischen Rechte gewährleistet, mit ihrer Sprache, ihrer Tradition und Religion, dann ist es nicht entscheidend, ob man den Staat als jüdisch bezeichnet. Und selbst wenn ich sagen würde, dass Israel kein jüdischer Staat ist tatsächlich ist Israel es eben doch.
Netzeitung: Von Seiten der israelischen Rechten gibt es erwartungsgemäß viel Kritik an Ihnen.
Majadle: Ja, da war ein Aufschrei: «Was, ein israelischer Minister, der nicht die Nationalhymne singt und am Shabbat arbeitet?» Da sagte ich: «Habt ihr denn nicht entschieden, dass dieser Staat die Freiheit seiner Minderheiten respektiert? Ihre Rechte? Habt ihr euch plötzlich anders entschieden, ohne dass ich das mitbekommen habe?»
Wenn man also will, dass ich die israelische Nationalhymne singe, dann sollte es dort nicht von der «jüdischen» sondern «israelischen» Seele die Rede sein. Wenn es Leute gibt, die ignorieren wollen, dass es in Israel eine arabische Minderheit von zwanzig Prozent lebt, dann wird ihnen das auch nicht helfen. Und wenn es Leute gibt, die ignorieren wollen, dass die Juden ein Recht auf ihren eigenen Staat haben, dann wird es ihnen auch nichts helfen, denn die Wirklichkeit sieht nun einmal anders aus.
In erster Linie betrachte ich mich als Israeli und wenn ich in Israel volle Rechte genieße und es zwischen den Lebensstandards der Israelis und Araber keine großen Unterschiede mehr gibt, dann reicht mir das.
Netzeitung: Der Schriftsteller Joshua Sobol schlägt vor, dass es einen bi-nationalen Staat geben soll, keine zwei getrennte Staaten für Israelis und Palästinenser. Was halten Sie davon?
Majadle: Ein bi-nationaler Staat? Daran glaube ich nicht, um die Wahrheit zu sagen. Das ist noch nirgendwo auf der Welt gut gegangen, nicht in Serbien, nicht in Irland. Aber wenn Israel sich hinter die Grenzen von 1967 zurückgezogen hat, wenn es einen palästinensischen Staat gibt und in Israel eine vernünftige Regierung die Rechte der Minderheit achtet, dann wird dies Stabilität bringen. So wie es arabische Chefärzte in Israel gibt, könnte es doch auch einen arabischen Direktor der israelischen Nationalbank geben.
Netzeitung: Könnte es einen arabischen Verteidigungsminister in Israel geben?
Majadle: Ich pflege keine Vorschläge zu machen, die unrealistisch sind. Aber wenn der Staat Israel mit all seinen Nachbarn eines Tages in Frieden leben wird, dann könnte es auch einen arabischen Verteidigungsminister geben. Und ob es Frieden gibt, das liegt an Israel. Denn Israel muss etwas hergeben. Das ist nicht leicht. Das ist sehr schwer. Wie sagte Sharon? «Schmerzhafter Verzicht.»
Aber vor 1967 hat Israel ja auch ohne die besetzten Gebiete existiert. Der damalige Regierungschef Levi Eshkol und Moshe Dayan haben 1967 gesagt, dass Israel nur in diesen Gebieten bleiben solle, bis es Friedensverhandlungen gibt. Aber dort wo die Al-Aksa Moschee steht, dort darf kein israelisches Gesetz gelten. Denn in diesem Falle würde aus dem politischen israelisch-arabischen Konflikt ein religiöser Konflikt. Und dann wird es keine Lösung geben. Das darf einfach nicht geschehen.
Netzeitung. Haben Sie vor auch Mittel zur Verfügung zu stellen, um den Arabern in Israel die Geschichte des Holocaust zu vermitteln?
Netzeitung: Und was sagen Sie zum Judenhass unter den moslemischen Migranten in Europa?
Majadle: Aufgrund des politischen Konflikts gibt es einen Hass gegen den Staat Israel, nicht gegen Juden, weil sie Juden sind. Die arabischen Moslems hassen doch keinen Juden, der in Holland lebt und sagt, dass es einen palästinensischen neben einem jüdischen Staat geben sollte! Und in dem Moment, da der Konflikt gelöst wird, ist die Sache vorbei. Zum Beispiel: Wenn du mir zehn Euro schuldest und sie mir zurückgibst, dann ist die Sache erledigt. Oder etwa nicht?
Netzeitung: Glauben Sie tatsächlich, dass das so einfach ist?
Majadle: Richtig! Wenn der politische Konflikt gelöst ist, dann gibt es keine Feindschaft der Araber gegen Israel mehr. Und an die Adresse der arabischen Bürger Deutschlands möchte ich sagen: Arbeitet mit den Deutschen daran, dass die Friedenskräfte in Israel und im ganzen Nahen Osten gestärkt werden. Das ist, was ihr für euer Volk und für den Frieden tun könnt! Deutschland wird sowohl von der israelischen als auch der palästinensischen Seite sehr geschätzt und kann bei der Lösung dieses Konflikts eine wichtige Rolle spielen.
Mit Ghaleb Majadle sprachen Christian Buckard und Samuel Schidem

